ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2012Dissoziative Strukturen: Zeit und Bindungsbereitschaft

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Dissoziative Strukturen: Zeit und Bindungsbereitschaft

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 523

Breitenbach, Gaby; Requardt, Harald

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Ralf Vogt legt als Herausgeber mit „Täterintrojekten“ erneut einen Kongressband vor. Dieses Mal stand bei dem alle zwei Jahre in Leipzig stattfindenden Kongress „Traumapotentiale“ das Thema der Introjektbildung und insbesondere der Täterintrojektbildung im Mittelpunkt. In der Fachwelt herrscht bisweilen Verwirrung bei der Definition der praktischen Arbeit mit Introjekten. Diese fassbar zu machen und eine Art Wegweiser anzubieten, ist Vogts Anliegen. Er stellt eine Vielzahl von Modellen vor und diesen ein eigenes Modell gegenüber, das zwischen sieben unterschiedlichen Regulationsstadien unterscheidet.

Der Begriff „Täterintrojekte“ wird zwar vielfach verwendet, jedoch, so zeigt Vogt auf, bei höchst unterschiedlichen Patienten mit völlig unterschiedlichen Ideen zu deren Entstehen, ihrer Funktion und den daraus resultierenden Behandlungsmöglichkeiten. Vogt äußert seine Kritik an der Vorstellung einiger psychoanalytischer Autoren hinsichtlich der unterstellten „kreativen Leistung“ bei der Entstehung dieser Anteile, vor allem wenn damit eine Bagatellisierung des Leids Betroffener einhergeht.

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Ein Verdienst dieser Arbeit ist es, zu verdeutlichen, dass mit zunehmender Gewalt introjeziertes Material immer Ich-dystoner, unbewusster und immer weniger distanzierbar wird, so dass es sich eben tatsächlich um „fremdes“ Material handelt, das Menschen (von einem Täter) erzwungenermaßen in sich aufnehmen mussten. Über den Bereich der Psychoanalyse hinaus bietet das von ihm entwickelte Modell des SPIM-30-KT einen Rahmen, um konkreter zu definieren, mit welcher Art von Introjekten Menschen in Therapie kommen und behandelt werden. Im Rahmen eines Gruppensettings wird eine mögliche Arbeitsweise mit Täterintrojekten beschrieben. Die positiven Erfahrungen sollten Mut machen, für stabilisierte Patienten ergänzend solche Angebote anzubieten.

Colin Ross stellt seinen Ansatz in der Trauma-Modell-Therapie vor, bei der Störungsbilder aus einer Traumalogik heraus beschrieben werden. Harvey Schwartz bietet mit seinem Beitrag zur Transformation und Behandlung täteridentifizierter Stadien bei dissoziativen Patienten einen lebendigen und sehr fundierten Beitrag aus der Praxis. Renée Potgieter Marks ergänzt den Band um spannende Einblicke in die Behandlung von dissoziativen Kindern. Tilmann Moser beleuchtet den Standpunkt der körperorientierten Psychoanalyse, und Joanne Twombly beschreibt den Umgang mit verborgenen Täterintrojekten lebendig mit sehr eindrücklichen Beispielen.

Gut strukturiert wird anhand vieler Fallbeispiele beschrieben, zu welch schwierigen Problematiken Täterintrojekte im Rahmen von Reinszenierungen in der Therapie führen können. Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie nicht nur die Patienten, sondern auch Therapeuten gelegentlich dazu beitragen, einen Prozess stocken zu lassen. Die Autoren verdeutlichen, dass bisweilen Reinszenierungen notwendig sind, um eine korrigierende positive therapeutische Beziehungserfahrung für eine Heilung zu ermöglichen. Das braucht Zeit und Bindungsbereitschaft – zu einer Zeit, in der oft schnelle Lösungen angestrebt werden. In den Fallbeispielen wird deutlich, dass das gemeinsame (Aus-)Halten unter Wahrung eigener Grenzen sinnvoll ist. Irina Vogt und Winja Lutz runden das Buch ab mit Beiträgen, die anregen, die Augen auch außerhalb des therapeutischen Rahmens für das Erkennen von Täterintrojekten und deren Auswirkungen zu öffnen.

Gaby Breitenbach, Harald Requardt

Ralf Vogt (Hrsg.): Täterintrojekte. Diagnostische und therapeutische Behandlungsmodelle für dissoziative Strukturen. Asanger, Kröning 2012, 281 Seiten, gebunden, 39,50 Euro

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