ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2012Sexualmedizin: Syndyastische Fokussierung als Grundannahme

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Sexualmedizin: Syndyastische Fokussierung als Grundannahme

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 524

Sigusch, Volkmar

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Der Untertitel des Werkes spricht Bände. Denn im Zentrum steht vom Vorwort bis zur letzten Seite als „Theorie“ die Annahme eines sogenannten syndyastischen Hirnsystems. Ob es um Funktionsstörungen oder Paraphilien geht, immer konzentrieren sich die Autoren auf eine sogenannte syndyastische Fokussierung (SF). Wortgeber sei Aristoteles, der von syndyastikos gesprochen und damit „auf die Zweierbeziehung hin angelegt“ gemeint habe. Da die Autoren davon überzeugt sind, dass Sexualität ohne SF gar nicht gedacht werden könne, wenden sie sich nur stichwortartig den heute möglichen medikamentösen Behandlungen und überhaupt nicht den anerkannten und durch DFG-Forschungen in ihrer Effektivität ausgewiesenen Paartherapien zu, die vor allem von Hamburger und Heidelberger Sexualforschern entwickelt worden sind.

Die Autoren meinen vielmehr, „dass weder die somatische Medizin noch die Psychotherapie über theoretisch fundierte Verfahren verfügen, um die Paardimension adäquat zu erfassen“. Sie denken auch, dass die Beziehungsdimension „von zahlreichen Professionellen nicht adäquat eingeschätzt“ werde. Sie sind also überzeugt, als Erste erkannt zu haben, was Paare sind und was sie benötigen: Wertschätzung, Nähe, Geborgenheit – und nicht Exzitation und Lust. Das sei stammesgeschichtlich angelegt, hormonell abgesichert und im Gehirn programmiert. In der Behandlung von Gestörten gehe es folglich nicht in erster Linie um die Sexualfunktion oder das Sexualverlangen, sondern um ein stärkeres Wahrnehmen der Beziehungsdimension „im Vertrauen auf die heilende Kraft erfüllter Grundbedürfnisse“. Was den „klassischen“ Paartherapien nicht gelungen sei, schaffe die Syndyastik: Aufhebung des Gegensatzes von „Sex“ und „Liebe“, und zwar „radikal (von der Wurzel her)“, so dass deren ersehnte Einheit wieder hergestellt werde. Allerdings müssten das die Patienten selbst zustande bringen: Die Ärzte seien in diesem Konzept nur „Begleiter“ oder „Hebamme“, denn als Experten wären sie „überfordert“.

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Umso verwunderlicher, dass die Autoren nicht auf den als „neosexuelle Revolution“ international diskutierten enormen kulturellen Wandel der Intimbeziehungen in den letzten Jahrzehnten eingehen und folglich auch neue, von Sexualmedizinern diskutierte Phänomene wie Asexualität, Sexualsucht, Polyamorie oder Objektophilie außer Acht lassen. Lediglich den Umgang Heranwachsender mit Pornografie im Netz sprechen die Autoren kurz an. Volkmar Sigusch

Klaus M. Beier, Kurt Loewit: Praxisleitfaden Sexualmedizin. Von der Theorie zur Therapie. Springer, Berlin 2011, 178 Seiten, kartoniert, 24,95 Euro

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