ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2012Gesundheitstelematik: Der Nebel lichtet sich

POLITIK: Kommentar

Gesundheitstelematik: Der Nebel lichtet sich

Dtsch Arztebl 2012; 109(46): A-2288 / B-1864 / C-1828

Goetz, Christoph F-J

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Dr. med. Christoph F-J Goetz, Leiter der AG Gesundheitstelematik beim TeleTrusT – Bundesverband IT-Sicherheit e.V.
Dr. med. Christoph F-J Goetz, Leiter der AG Gesundheitstelematik beim TeleTrusT – Bundesverband IT-Sicherheit e.V.

Das Gesundheitswesen gehört zweifelsfrei zu den beschäftigungsstärksten Branchen der deutschen Wirtschaft. Auch hier läuft gegenwärtig die ubiquitäre Umstellung von papiergebundener Verwaltung und Kommunikation hin zur Telematik. Der Gesetzgeber hat der Selbstverwaltung im Fünften Sozialgesetzbuch bei dieser Innovation eine Führungs- und Entwicklerrolle mit Modellcharakter für andere Gesundheitsbereiche zugewiesen. Eine Triebfeder für die Vorgabe einer eigenen, dedizierten Infrastruktur für die Gesundheitsversorgung waren dabei sicher die kritischen Erfahrungen anderer Wirtschaftszweige mit dem „Wilden Weiten Westen“.

Nach mehr als einer Dekade der Entwicklung von Gesundheitstelematik sind aber die anfangs angestrebten Ziele noch immer nicht annähernd erreicht. Wesentliche Gründe dafür liegen zum Teil in der Heterogenität der unterschiedlichen Stakeholder und der Vielschichtigkeit ihrer Interessen. Andere Gründe sind in den divergenten Perspektiven einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Industrie zu suchen, die Returns on Investment rechnet, und einer gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, die in ihrem Budgetkorsett allzu oft nur Verteilung organisiert. Der ursprüngliche Elan und das Engagement wichtiger Promoter sind inzwischen abgeflaut. Viele Projekte und Geschäfte haben sich dem Ausland zugewandt.

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Konkrete, praktische Ursachen für den zögerlichen Fortschritt in diesem Land blieben bislang allzu oft im Dunkeln. Um diese Sachlage zu erhellen, wurden jetzt 26 einzeln für sich sprechende Autoren mit Insiderwissen von den maßgeblichen Stakeholdergruppen gebeten, aus ihrer ganz persönlichen, subjektiven Sicht darzustellen, wohin sich die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) des Gesundheitswesens in der nächsten Dekade entwickeln könnte. Dabei sollten die wichtigsten Ziele, Strategien und Impulse für den Auf- und Ausbau der künftigen TI im Fokus stehen.

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Beiträge wurden nach „Herausforderungen“, „Feststellungen“ und „Lösungsvorschläge“ kategorisiert. Trotz der hohen Autorenzahl war bemerkenswert, dass ein eigentlich nur sehr kleiner Themenkreis immer wieder in den Beiträgen auftauchte. Sämtliche Autorenbeiträge und ein erklärendes, gewichtendes Summary liegen nun als „Thesenpapier zur Gesundheitstelematik“ vor, das als Broschüre erhältlich ist und als Download im Internet (unter www.teletrust.de/publikationen/broschueren/gesundheitstelematik) jedem Interessierten zur Verfügung steht.

Einige der aus den Thesen herausgefilterten Feststellungen scheinen von grundsätzlicher Bedeutung zu sein und gewinnen durch die Häufigkeit der wiederholten Ansprache an besonderem Gewicht:

  • Grundsätzlich gültig ist – das bestätigen viele der Thesen –, dass die Vorstellung beziehungsweise das Ziel einer umfassenden, harmonisierten Tele­ma­tik­infra­struk­tur in Deutschland, abgeschirmt vom Umfeld des allgegenwärtigen Internets, für den Erfolg in der Gesundheitsversorgung entscheidend ist. Hieran hat sich die bisherige Entwicklung ausgerichtet, und dies soll – dem Rat der Autoren folgend – grundsätzlich auch weiterhin so bleiben.
  • Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus, dass der Einsatz der im Aufbau befindlichen Tele­ma­tik­infra­struk­tur unmittelbar von ihrem tatsächlichen Nutzen für alle im Gesundheitswesen tätigen Akteure abhängt. Neues kann und wird sich erst in der Fläche durchsetzen, wenn der Nutzen für die Beteiligten erkennbar ist. In diesem Spannungsfeld muss die Telematik in der Gesundheitsversorgung heute genauso wie in der Zukunft existieren und sich behaupten.
  • Als ausdrückliches Hemmnis wird die desolate öffentliche Kommunikation identifiziert. Die zentralen Figuren im Gesundheitswesen – die Bürgerin und der Bürger – sind bislang größtenteils über Entwicklungen und Entscheidungen zur Tele­ma­tik­infra­struk­tur uninformiert geblieben. Immer wieder hat sich gezeigt, dass Misstrauen mangels einer angemessenen Information entsteht und eine unzureichende Aufklärung nur Kritikern Aufwind verleiht. Künftig sollte ernsthafter und vor allem verständlicher über die Vorteile der TI für das Gesundheitswesen informiert werden, damit diese vom Bürger angenommen wird.
  • Auch die Probleme aktueller Projekte und deren unzulängliche Marktbedeutung werden in den Autorenbeiträgen angesprochen. Viele der Projekte führten bislang ein Nischen- oder Schattendasein mit nur marginaler Durchdringung, da bisher jedes Projekt für sich neue Basisdienste „mitbringen“ musste. Das wird sich mit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur ändern. Sie wird wesentliche Komponenten und Standards bereitstellen, wodurch auch neue Einzelprojekte die kritische Hürde der infrastrukturellen Kommunikation überwinden können.

Insgesamt ist erkennbar, dass die Erwartungen groß und die Herausforderungen vielfältig sind. Die in diesem Thesenpapier vorgelegten Positionen zeigen Perspektiven und machen Vorschläge für die weiteren Gestaltungsmöglichkeiten der Entwicklung. Sie können nützlich sein als Kompass für die Ausrichtung auf eine hoffentlich nicht mehr allzu ferne Zukunft.

Dr. med. Christoph F-J Goetz, Leiter der AG Gesundheitstelematik beim TeleTrusT –
Bundesverband IT-Sicherheit e.V.

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