ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2012Ärzte und Pflegekräfte: Keine Chance für Vorurteile

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Ärzte und Pflegekräfte: Keine Chance für Vorurteile

Dtsch Arztebl 2012; 109(46): A-2294 / B-1867 / C-1831

Hibbeler, Birgit

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Zwischen Ärzten und Pflegekräften gibt es häufig Missverständnisse und Konflikte. An der Universität Dresden trainieren deshalb schon Medizinstudierende und Pflegeschüler das gemeinsame Arbeiten im Team.

Teamarbeit kann Leben retten: Studentin Hannah Hitzler und Pflegeschüler Hannes Berthold bei der Notfallsimulation. Im Bett liegt eine Schauspielpatientin. Fotos: picture alliance/Arno Burgi für Deutsches Ärzteblatt
Teamarbeit kann Leben retten: Studentin Hannah Hitzler und Pflegeschüler Hannes Berthold bei der Notfall­simulation. Im Bett liegt eine Schauspielpatientin. Fotos: picture alliance/Arno Burgi für Deutsches Ärzteblatt

Hannes und Hannah kennen sich erst seit zwei Tagen. Und doch arbeiten sie schon zusammen wie ein eingespieltes Team. Das ist auch gut so. Denn der Patientin, die vor den beiden im Bett liegt, geht es schlecht. Sie kratzt sich die Unterarme. „Das juckt so“, sagt sie. „Und ich krieg’ so schlecht Luft.“ Hannes und Hannah sehen sich an. Gemeinsam stellen sie den Kopfteil des Bettes hoch. „Wir geben Sauerstoff“, sagt Hannah. Dann misst Hannes den Blutdruck: „Blutdruck ist in Ordnung: 110 zu 80.“

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„Geht es besser so?“, fragt Hannah. „Ich bekomm’ immer noch schlecht Luft“, antwortet die Patientin. Hannes und Hannah sind etwas ratlos. Aber sie bleiben ruhig und immer im Gespräch mit der Patientin. „Haben Sie Allergien?“, will Hannah wissen. Sie hält die Hand der jungen Frau. Die verneint. Auf dem Nachttisch steht ein Plastikgefäß. „Was war da drin?“, fragt Hannes. „Das sollte ich trinken vor der Untersuchung“, berichtet die Patientin. Nun fällt beiden ein Stein vom Herzen, denn die Sache wird klarer. „Das Kontrastmittel“, sagt Hannah zu ihrem Kollegen. „Wir geben Fenistil i.v., kannst du mal schauen, ob wir das im Notfallkoffer haben?“ Hannes sieht nach. „Fenistil haben wir nicht, aber Prednison“, antwortet er. „Dann nehmen wir das“, sagt Hannah.

Doch da klopft es an der Tür. Jemand in einem grasgrünen T-Shirt betritt den Raum. „Wir brechen hier ab“, sagt Jörg Kunath. Er ist einer der Dozenten im Medizinischen Interprofessionellen Trainingszentrum (MITZ) der Technischen Universität Dresden. Alle gehen in den Raum nebenan. Empfangen werden sie von einem lauten Applaus. Hannes und Hannah dürfen in eine Glasschüssel mit Süßigkeiten greifen – als Belohnung. Hannah streift sich den weißen Kittel ab, Hannes zieht den Kasack aus, den er über den Pulli gezogen hatte. Die beiden setzen sich in die Runde zu den anderen Kursteilnehmern, die die Szene auf einem Bildschirm beobachtet haben. Auch die Patientin ist dabei. Sie ist nicht wirklich krank, sondern eine Schauspielerin.

Dass Hannes und Hannah gemeinsam einen Kurs besuchen, ist ungewöhnlich. In dem Wahlpflichtkurs „Skills im Team“ werden Medizinstudierende und Pflegeschüler gemeinsam unterrichtet. Hannes Berthold (28) ist Krankenpflegeschüler im dritten Lehrjahr. Hannah Hitzler (27) studiert im neunten Semester. Die beiden bekommen viel positives Feedback von Kommilitonen und Mitschülern – aber auch von der „Patientin“. „Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt“, berichtet sie. Was noch gelobt wird: Hannes und Hannah haben miteinander gesprochen. Jeder wusste immer, was der andere tut.

„Die Einstellung zur anderen Berufsgruppe soll positiv sein.“ Fritz Marcus Löwe, ärztlicher Leiter des Skills
„Die Einstellung zur anderen Berufsgruppe soll positiv sein.“ Fritz Marcus Löwe, ärztlicher Leiter des Skills

Die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegekräften läuft nicht immer reibungslos. Das weiß auch Kristin Seele, Mitinitiatorin des Kurses „Skills im Team“. Als Ärztin und Krankenschwester kennt sie beide Seiten. Seele hat die Erfahrung gemacht, dass es immer wieder zu Missverständnissen und Konflikten kommt – obwohl alle auf eine gute Zusammenarbeit angewiesen sind. Wie kann man das ändern? Das fragten sich Mitarbeiter des Insituts für Allgemeinmedizin, des MITZ und der Carus-Akademie, die Pflegekräfte ausbildet. Sie riefen zum Sommersemester 2012 den Wahlpflichtkurs ins Leben. „Die Teilnehmer erwerben praktische Fähigkeiten – wie das gemeinsame sterile Arbeiten beim Legen eines zentralen Venenkatheters (ZVK)“, erläutert Dr. med. Fritz Marcus Löwe, ärztlicher Leiter des Skills Lab. Auch er trägt ein grünes T-Shirt, das Erkennungszeichen der Dozenten. „Der ZVK ist für uns aber auch Mittel zum Zweck“, erklärt er. Studenten und Pflegeschüler sollen sich kennenlernen und gemeinsam im Team arbeiten. „Die Einstellung zur anderen Berufsgruppe soll positiv sein“, sagt Löwe.

Dass Ärzte und Pflegekräfte an einem Strang ziehen, ist nicht selbstverständlich. „Die Vorurteile sind da“, weiß Pflegeschüler Hannes Berthold zu berichten. Das Miteinander auf Station funktioniere nicht immer. „Dabei ist das die Grundlage für die Arbeit“, meint er. Studenten seien im Umgang mit Pflegekräften oft unsicher, sagt Hannah Hitzler. Den Kurs findet sie deshalb gut. „Man kann Kontakte knüpfen, so dass sich Vorurteile gar nicht erst aufbauen“, fügt sie hinzu.

Ärzte sind arrogant. Pflegekräfte haben Komplexe, weil sie nicht studiert haben. Das sind gängige Klischees. Die Unsicherheiten gegenüber der anderen Berufsgruppe gibt es schon während der Ausbildung, berichtet Jörg Kunath, Kursdozent und Intensivpfleger. „Manche Pflegeschüler sind zu Beginn des Kurses erstaunt, dass sie die Studenten duzen dürfen.“ Im Laufe der Woche werde der Umgang entspannter. „Am Ende ergeben sich dann manchmal wirkliche Freundschaften“, erläutert er.

Wenn man Krankenhausärzte fragt, was sie an ihrer Arbeit stört, lautet die Antwort meist: Zeitmangel. Stellt man die gleiche Frage Pflegekräften, dann ist die häufigste Antwort: mangelnde Wertschätzung (dazu „Ärzte und Pflegekräfte – Ein chronischer Konflikt“, DÄ, Heft 41/2011). Die Ärzte sind auf die Kooperation der Pflege angewiesen. Es handelt sich um die größere Berufsgruppe. Die Ärzte sind aber weisungsbefugt. Damit haben erfahrene Pflegekräfte Probleme, die auf Berufseinsteiger treffen.

Klar kommunizieren – das ist oft entscheidend. Das merken die Teilnehmer des nächsten Szenarios. In einer Hautarztpraxis wird ein Patient reanimationspflichtig. Neben der Ärztin ist eine Arzthelferin da, dann kommt das Team des Rettungswagens. Es geht ziemlich drunter und drüber. Als Jörg Kunath das Szenario beendet, stellt sich heraus: Die EKG-Ableitung war ein Artefakt. Das Gerät war nicht angeschlossen. Trotzdem wurde defibrilliert. Die Studenten und Pflegeschüler sind geknickt. Doch sie haben eine wichtige Erfahrung gemacht: Wenn bei einem Notfall niemand den Hut aufhat und klare Ansagen fehlen, gibt es Chaos. Und: Wer einen Fehler bemerkt, muss es sagen – auch wenn er Pflegekraft ist und der Arzt den Fehler macht. „Vielleicht ist der Arzt ja auch dankbar für einen Hinweis“, meint eine Studentin später.

Im Umgang ist Sensibilität gefragt. „Wenn man neu auf einer Station ist, sollte man sich bei allen Mitarbeitern vorstellen – egal bei welcher Berufsgruppe“, rät Löwe. Im Seminar geht es auch um Rollenbilder von Ärzten und Pflegekräften. Gleich am ersten Tag wird in Vorträgen die Aufgabenverteilung thematisiert – aus Sicht eines Vertreters der jeweiligen Berufsgruppe. Das passt zu dem Konzept des Kurses: Konflikte verschwinden nicht, indem man sie ignoriert. Die Zusammenarbeit wird leichter, wenn man miteinander redet.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Der Kurs „Skills im Team“

Im Wahlpflichtfach „Skills im Team“ werden an der Technischen Universität Dresden Medizinstudierende und Pflegeschüler gemeinsam unterrichtet. Die Teilnehmer üben in Kleingruppen Visiten und Notfälle. Dabei kommen Schauspielpatienten zum Einsatz. An Simulationspuppen trainieren die angehenden Ärzte und Pfleger das gemeinsame Arbeiten beim Legen zentraler Venenkatheter und bei der Reanimation.

Ziel ist es, die Teamfähigkeit zu stärken und das Verständnis für die andere Berufsgruppe zu verbessern. Ärzte, Psychologen, Praxisanleiter und Soziologen des Medizinischen Interprofessionellen Trainingszentrums (MITZ) organisieren den Kurs. Er findet in der vorlesungsfreien Zeit ganztägig über eine Woche statt.

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