ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2012Ärztemangel im Krankenhaus: Erfolgsfaktor Familie

POLITIK

Ärztemangel im Krankenhaus: Erfolgsfaktor Familie

Dtsch Arztebl 2012; 109(46): A-2280 / B-1858 / C-1822

Meißner, Marc; Osterloh, Falk

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Der Ärztemangel im stationären Bereich hat sich manifestiert. Mit flexiblen Arbeitszeiten und familienfreundlichen Strukturen wollen die Krankenhäuser gegensteuern.

Foto: dapd
Foto: dapd

Etwa 6 000 Arztstellen sind im Krankenhaus nicht besetzt, schätzte das Deutsche Krankenhausinstitut vor zwei Jahren. Der Marburger Bund ging sogar von bis zu 12 000 fehlenden Krankenhausärzten aus. Neue Zahlen liefert nun der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD). Bereits im April hatte er seine 1 822 Mitglieder befragt, ob die Stellenbesetzung im ärztlichen Dienst „sehr schwierig“ sei, „schwierig“ oder „keine Probleme“ aufwerfe. 547 hatten geantwortet. Das Ergebnis, das der VKD nun im Vorfeld des 35. Deutschen Krankenhaustages präsentierte, zeigt: Am größten sind die Probleme in kleinen Häusern. So bewertete die Hälfte der Manager von Allgemeinkrankenhäusern mit weniger als 250 Betten die Stellenbesetzung als „sehr schwierig“. In Allgemeinkrankenhäusern mit mehr als 800 Betten machten lediglich 14 Prozent diese Angabe.

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Kaum übertarifliche Gehälter

Insgesamt gibt es, ungeachtet der Größe, kaum noch ein Allgemeinkrankenhaus, das „keine Probleme“ bei der Stellenbesetzung im ärztlichen Bereich hat (sieben Prozent). Noch schlechter ist die Lage in Rehabilitationskliniken (fünf Prozent) – nur wenig besser in psychiatrischen (12 Prozent) und Fachkrankenhäusern (22 Prozent). Um Ärzte für ihr Haus zu gewinnen, werden in jedem achten Allgemeinkrankenhaus überwiegend übertarifliche Gehälter gezahlt, bei den Fachkrankenhäusern in jedem fünften. Dass „so wenige Häuser“ trotz der angespannten Personalsituation übertarifliche Gehälter zahlten, wertete VKD-Präsident Josef Düllings „als Hinweis auf ihre angespannte Finanzlage“.

Weniger Probleme bei der Stellenbesetzung im ärztlichen Dienst haben einzig die Universitätsklinika. Von ihnen zahlt kein einziges übertarifliche Gehälter. Denn nur 43 Prozent haben Probleme beim ärztlichen Dienst.

Umgekehrt ist die Lage beim Pflegedienst. Hier haben nur 14 Prozent der Universitätsklinika keine Probleme, freie Stellen zu besetzen. Bei den Fachkrankenhäusern sind es 16 Prozent. Der Grund könnte sein, meinte Düllings, dass fachweitergebildete Pflegekräfte, zum Beispiel für Stroke Units, am Arbeitsmarkt schwer zu gewinnen seien. Und bei den Uniklinika könnten die höheren Lebenshaltungskosten in den Ballungszentren den Ausschlag geben. Bei den Allgemeinkrankenhäusern gaben 29 Prozent an, keine Probleme beim Pflegedienst zu haben.

Die Schuld am Ärztemangel gibt Düllings vor allem der Politik: „Der Ärztemangel ist primär nicht dadurch zustande gekommen, weil die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus so schlecht sind, sondern weil die politischen Rahmenbedingungen falsch gesetzt wurden.“ In den Zeiten der Ärzteschwemme habe die Politik zum Beispiel die Zahl der Studienplätze um zehn Prozent reduziert. Das müsse wieder rückgängig gemacht werden. Zudem sollten Bund und Länder mehr Programme auflegen, die die sprachliche Integration von ausländischen Ärzten unterstützten. Das Anwerben ausländischer Ärzte sei sehr aufwendig, und die Förderung der sprachlichen Integration erbrächten die Krankenhäuser bislang allein.

„Bei den Assistenzärzten liegt der Anteil ausländischer Ärzte in manchen Krankenhäusern heute bereits bei über 50 Prozent“, erklärte Düllings. Die fachlichen Kenntnisse ausländischer Ärzte seien dabei oft recht gut. Die Sprachkenntnisse hingegen seien häufig nicht ausreichend. „Ausländische Ärzte mit schlechten Deutschkenntnissen können die Abläufe in deutschen Krankenhäusern nur schwer nachvollziehen“, sagte der VKD-Präsident. Die Kommunikation im Krankenhaus sei jedoch Teil des Sicherheitsnetzes. Insofern führten schlechte Sprachkenntnisse zu einem Sicherheitsproblem.

Enorme Sprachprobleme

Im letzten Jahr ist die Zahl der ausländischen Mediziner in Deutschland um zwölf Prozent auf 28 355 Ärzte angestiegen, wie die Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) ausweist. Überproportional, nämlich um 16,6 Prozent, stieg dabei die Zahl der stationär tätigen Ärzte. Der größte Zustrom kam aus Rumänien (+610), Ungarn (+239) und Griechenland (+208).

„Wir profitieren von den Erfahrungen ausländischer Ärzte“, betonte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Aber sie müssen die deutsche Sprache beherrschen. Das ist für die Behandlung der Patienten entscheidend.“ Dass es inzwischen Krankenhäuser gebe, in denen kaum noch ein Arzt richtig deutsch spreche, sei auf Dauer kein guter Zustand – „nicht nur wegen der zum Teil enormen Sprachprobleme“, sagte Montgomery. „Diese Ärzte fehlen in ihren Herkunftsländern, und das führt dort zu einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung.“

Heute zahlten viele Krankenhäuser ihren ausländischen Ärzten Sprachschulungen, berichtete VKD-Präsident Düllings. Zu diesem Zeitpunkt seien sie jedoch schon eingestellt. „Wir haben die Wahl, diese Ärzte einzustellen oder die Stelle nicht zu besetzen.“ Düllings räumte abschließend ein, dass nicht nur die Politik, sondern auch die Krankenhäuser die Pflicht hätten, noch mehr gegen den Ärztemangel zu tun. Zum Beispiel könnten sich die Häuser familienfreundlicher aufstellen. Bislang verfügten zum Beispiel nur zwölf Prozent über Kitaplätze. Düllings: „Das ist eigentlich noch zu wenig.“

Der Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, unterstrich in diesem Zusammenhang die zunehmende Bedeutung guter Arbeitsbedingungen für Krankenhäuser. „Wir müssen ein Arbeitsumfeld schaffen, das die Leute an ein Krankenhaus bindet, und Bedingungen, die es den Mitarbeitern auch ermöglichen, bis zum Alter von 65 Jahren zu arbeiten“, betonte er auf dem Fachkongress „Familienbewusste Arbeitszeitkultur im Krankenhaus“, den die DKG gemeinsam mit dem Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ in Berlin ausrichtete. „Für immer mehr Kliniken ist das eine zentrale Strategie, um attraktiv für Fachkräfte in Pflege und Medizin zu sein.“ Dazu zählten vor allem familiengerechte Arbeitszeitregelungen.

„Wer keine lebensphasenangepassten Arbeitszeiten anbietet, wird bei der Nachwuchsgewinnung den Kürzeren ziehen“, meinte auch der Arbeitszeitexperte Lars Herrmann. Flexible Arbeitszeiten seien dabei nicht einmal das Wichtigste, sondern verlässliche und planbare Arbeitszeiten, sagte Herrmann.

Der Arbeitszeitexperte hatte schon im Vorfeld eine Reihe von Leitsätzen aufgestellt, die für eine familienbewusste Arbeitszeitkultur notwendig seien. Neben planbaren Arbeitszeiten sollten die Wünsche der Beschäftigten bei der konkreten Planung der Dienstpläne einbezogen werden. Dazu eigneten sich modulare Dienstpläne, die für verschiedene Tageszeiten nur die Angabe enthielten, wie viel Personal von welcher Berufsgruppe in einer Klinik anwesend sein müsse. Zusammen mit den Wunscharbeitszeiten der Mitarbeiter lasse sich daraus ein konkreter Dienstplan erstellen, bei dem die Station ausreichend besetzt sei und gleichzeitig so weit wie möglich auf die Bedürfnisse des Personals eingegangen werde.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist eine unproblematische Arbeitszeitanpassung: Mitarbeiter sollten die Möglichkeit haben, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und zu einem späteren Zeitpunkt ohne Nachteile wieder aufzustocken. Im Gegensatz zu Teilzeitverträgen kann der Angestellte über diese sogenannten Wahlarbeitszeiten seine Arbeitsbelastung variieren und seiner Lebensphase anpassen.

„Es ist wichtig, dass die Führungskräfte solche Regelungen akzeptieren und mittragen“, erklärte Herrmann. Ohne die Unterstützung der Führungsebene hätte man mit solchen Vereinbarung keine Chance, die Arbeitszeitkultur in einer Klinik zu verändern.

Dr. rer. nat. Marc Meißner, Falk Osterloh

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