ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1998Die Bedeutung der Seele in der Medizin: Widerstreit zwischen Vernunft und Gefühl

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Die Bedeutung der Seele in der Medizin: Widerstreit zwischen Vernunft und Gefühl

Schimmer, Michael

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LNSLNS Das "Ich" muß zwischen Moral und dem Unbewußt-Triebhaften entscheiden.
Zunächst zur Definition: Unter Seele, Psyche, läßt sich im platonischen Sinn alles jenseits des Somatischen verstehen. Das sind nicht nur Gefühle und Stimmungen, sondern auch der Intellekt-Verstand-Willen und die Vernunft-Moral-Ethik. Nicht erst seit Freud ist die Einteilung der Psyche in drei Komponenten bekannt. Wer sich in der Philosophie und der Weltliteratur etwas umsieht, stößt rasch in vielen Bereichen auf diese Dreiteilung. Ob im Drama, Gedicht, Volkslied, Schlager oder in philosophischen Schriften, der ewige Widerstreit zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Kopf und Herz, zwischen Pflicht und Neigung wird immer wieder beschrieben, wobei der "Widerstreit" die dritte Komponente, das "Ich", die persönliche Entscheidung darstellt.
Der eigene Wille
Freuds große Leistung war es, dieses "tanzende Muster" der drei Komponenten, das Unbewußt-Gefühlsmäßige, das Willentlich-Persönliche und das Übergeordnet-Steuernde in die drei Schlagworte "Es - Ich - Über-Ich" zu pressen (5, 6). Diese einfache Definition, so banal und abgedroschen sie für viele klingen mag, bringt tatsächlich das ganze gewaltige Thema auf den Punkt. Damit ist aber noch keineswegs erreicht, daß diese Definition, diese Kenntnis in der Praxis umgesetzt wird.
Jeder kennt die Situation, vor einem Vorgesetzten zu stehen und kritisiert oder abgekanzelt zu werden. Während die Vernunft sagt, daß man sich diese Rede anhören muß (es könnte ja etwas Wahres an der Kritik sein), drängt das Triebhaft-Unterbewußte, dem Chef die Zunge herauszustrecken oder sich anders der Situation zu entziehen. Das Ich, der eigene Wille, kann nun wählen zwischen den beiden Möglichkeiten, der Vernunft (nämlich brav zuhören) oder dem Gefühl (was in diesem Fall vermutlich unvernünftig wäre). Genauso ist jeder Kontakt geprägt von den beiden Komponenten: a) wie man mit jedem Menschen umgehen sollte, genormt nach (zum Teil ererbten) Verhaltensregeln und erlernten Höflichkeitsmustern und b) dem Gefühl, dem persönlichen Eindruck dieser Person gegenüber.
Das Ich, die eigene Persönlichkeit, kann entscheiden, wie sie mit dem Gegenüber umgeht. Das kann leicht sein, wenn das Gefühl positiv ist und damit den freundlich-korrekten Umgang erleichtert. In anderen Fällen hat man Mühe, sich zu beherrschen, weil einem der Gegenüber unsympathisch ist und man sich kaum "im Zaum halten" kann; Vernunft und Gefühl klaffen auseinander, der Verstand (das Ich) muß entscheiden. Es ist bekannt, daß nicht immer die Vernunft siegt. Wenn man sich klar macht, daß weitaus der größte Teil der menschlichen Handlungen aus dem Unbewußt-Triebhaften kommt (3), dann wird sofort verständlich, daß in all den Fällen, wo die steuernde Vernunft wegfällt oder aus vielerlei Gründen nicht vorhanden ist, Dinge passieren, die "vernunftsmäßig" nicht erklärbar sind. Stichwort: Sexueller Mißbrauch. Diese Erkenntnis ist zunächst erschreckend, und viele werden diese Aussage als "Unsinn" oder "nicht haltbar" abtun. Es gehört schon eine längere Beschäftigung mit der Philosophie und der Psychoanalyse dazu, die Wahrheit dieser Behauptung zu erkennen.
Man kann sich das Unbewußte wie einen brodelnden Kochtopf vorstellen, der andauernd überzulaufen droht. Einerseits muß im Alltag, der weitgehend "vernunftgesteuert" ist, der Deckel auf dieser brodelnden Suppe gehalten werden, andererseits gibt es Situationen, wo man neugierig ist, wie die Suppe riecht oder schmeckt, wo man also vorsichtig den Deckel ein wenig zur Seite schiebt und schnuppert.
Beispiel aus dem täglichen Leben: Wenn die Vernunft durch eine genügende Menge Alkohol vermindert oder ausgeschaltet wird, dann brechen diese Gefühle und Stimmungen hervor, sei es in Form von Trauer - "Trübsinn" (im wahrsten Sinne des Wortes) - oder in überschwenglicher Heiterkeit. Jeder weiß das, aber wer macht sich klar, daß es sich nur um Verschiebungen im Gefüge des komplexen Ablaufs handelt? Wenn man den Deckel fortreißt, kann einen der heiße Dampf verbrühen und große Schmerzen und Verbrennungen, das heißt, bleibende Veränderungen (Narben), zufügen.
Seelische Störungen
Wenn man das weiß, versteht man viel leichter, daß seelische Störungen oder Erkrankungen Verschiebungen in den nicht bewußten Teil des seelischen Apparates sind. Zum Teil sind sie nachvollziehbar durch auslösende Ereignisse wie zum Beispiel den Tod eines engen Angehörigen, zum Teil sind sie nicht nachvollziehbar. In jedem Fall ist dieser Patient auf einer anderen seelischen Ebene, das heißt, er ist "vernünftigen" Argumenten und Erklärungen nicht zugänglich - was nicht heißt, daß dieser Prozeß nicht reversibel ist. Der Schlüssel zu diesen Krankheiten kann dann nicht heißen: intellektuelle Führung, sondern Zuwendung, also der Versuch, auf emotioneller Ebene einen Zugang zu diesem kranken, hilfsbedürftigen Menschen zu finden - ganz einfach "Mitfühlen", Einfühlen (Empathie). Natürlich kann und muß dies in vielen Fällen mit zusätzlichen "vernünftigen" Hilfsmaßnahmen kombiniert werden.
Das menschliche Leben, abgesehen von den körperlichen Funktionen, läuft vor allem als ein andauerndes Wechselspiel zwischen Vernunft/Moral einerseits und Unbewußtem/Triebhaftem andererseits ab, wobei das Ich als wache, verständige Person vom Aufstehen bis zum Einschlafen den Tageslauf im wirklichen Sinne "steuern" muß. Das hat beispielsweise in der Pädiatrie erhebliche Bedeutung bei der Entwicklung (und damit auch Erziehung) von Kindern, bei denen aus anatomisch-neurophysiologischen Gründen die Vernunft und auch der Verstand erst allmählich wachsen (was nicht bedeutet, daß Kinder in manchen Situationen sich nicht vernünftiger verhalten als Erwachsene). Entscheidend ist die Gesamtschau des Menschen unter Berücksichtigung nicht nur der körperlichen Symptome, sondern auch des (andauernd arbeitenden) seelischen Apparates. Schon Aristoteles hat vom "intuitiven Verstand" gesprochen (1), das heißt, der intellektuelle Verstand allein mag zwar in abstrakten Wissenschaften wie Mathematik oder Physik brillieren, in der Medizin steht er ziemlich armselig und einsam da ohne seinen Aristotelischen Bruder.
Die Seele ist also ein wichtiger Teil des Menschen und damit auch der Medizin. Man kann keine Appendektomie vornehmen, ohne den Patienten aufzuklären (Vernunft/Ethik), zu beruhigen und Verständnis für seine Situation zu zeigen (Gefühl/Zuwendung), um dann nach bestem Wissen die Operation durchzuführen (Ich).


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-2381-2382
[Heft 39]


Literatur bei den Verfassern


Anschrift des Verfassers
Privatdozent Dr. med. habil.
Michael Schimmer
Kinderarzt
Marktplatz 19 a
94051 Hauzenberg

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