ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1996Gestationsdiabetes: Regelmäßiges Screening für alle Schwangeren gefordert

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Gestationsdiabetes: Regelmäßiges Screening für alle Schwangeren gefordert

Pohlmann, Birgit-Kristin

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LNSLNS Die Risiken des Gestationsdiabetes werden deutlich unterschätzt, beklagen Diabetologen und Gynäkologen. Sie fordern daher ein regelmäßiges Screening aller Schwangeren, zumal sich die Risiken für Mutter und Kind bei adäquater Behandlung auf nahezu Null reduzieren lassen. Die Häufigkeit von Totgeburten ist bei unbehandeltem Gestationsdiabetes auf das Drei- bis Achtfache, die neonatale Frühsterblichkeit auf das Zwei- bis Vierfache erhöht, betonte Prof. Hellmut Otto (Bremen) anläßlich einer Fortbildungsveranstaltung des Unternehmens Mallinckrodt (Königswinter).
Ursächlich ist die mütterliche Hyperglykämie, die einerseits zur Plazentainsuffizienz, andererseits zur fetalen Hyperinsulinämie und in der Folge zur Makrosomie und zum Atemnotsyndrom füh-ren kann. Die Morbidität der Neugeborenen besteht in einer höheren Frequenz von Geburtsschäden und postnatalen Hypoglykämien.
An erster Stelle der prospektiven Risiken für das geborene Kind steht eine nicht genetisch bedingte Vererbung einer Diabetesdisposition, erläuterte Prof. Peter A. M. Weiss (Graz). Es handelt sich um eine intrauterine Schädigung und Fehlkonditionierung des fetalen Inselapparates durch den fetalen Hyperinsulinismus. Dabei wird die Replikationsfähigkeit der fetalen Betazellen herabgesetzt. Die Kinder neigen zu Fettsucht, haben in 25 Prozent der Fälle eine erhöhte Insulinre-sponse auf Glukosereize und zu 18 Prozent eine herabgesetzte Glukosetoleranz. Diese nichtgenetisch bedingte Diabetesneigung setzt sich in der mütterlichen Erblinie fort, so daß "Diabetesfamilien" entstehen können.
Auch für die Mutter birgt der nicht erkannte Gestationsdiabetes erhöhte Risiken: Neben den akuten Gefahren während der Schwangerschaft (Harnwegsinfektionen, EPH-Gestosen, Kaiserschnitt) besteht die Möglichkeit, daß sich nach der Schwangerschaft ein Diabetes manifestiert. Nach zehn Jahren hat etwa die Hälfte dieser Frauen einen manifesten Typ-II-Diabetes, nach 20 Jahren sind es 75 Prozent.
In der Regel bildet sich der Gestationsdiabetes, von dem zwei Prozent der Schwangeren (etwa 16 000 Frauen) betroffen sind, nach der Entbindung zurück. Derzeit muß davon ausgegangen werden, daß 90 Prozent der Fälle nicht erkannt werden. Da der Gestationsdiabetes keine Beschwerden bereitet, kann er nur durch eine gezielte Untersuchung entdeckt werden.
Die Diagnostik beginnt mit einem Blutzucker-Suchtest, um Schwangere mit Verdacht auf einen Gestationsdiabetes zu erkennen. Seit Jahren fordern Diabetologen und Gynäkologen, regelmäßige Screeninguntersuchungen zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche in die Schwangerschaftsrichtlinien aufzunehmen. Unabhängig davon wird den Gynäkologen in der niedergelassenen Praxis empfohlen, das Screening auf Gestationsdiabetes zur Regel zu machen.


Blutglukose bestimmen Es reicht nicht aus, so Otto, nur Frauen mit Risikofaktoren (über 30 Jahre, Übergewicht, diabetische Verwandte 1. Grades, auffällige geburtshilfliche Anamnese) zu screenen. Es ist davon auszugehen, daß dann immer noch 30 Prozent der Frauen nicht entdeckt werden. Liegen jedoch Risikofaktoren vor, empfiehlt Otto, die Screeninguntersu-chung bereits in der 16. bis 22. SSW durchzuführen und in der 24. bis 28. SSW zu wiederholen. Bei deren Durchführung ist es wichtig, die Blutglukose zu bestimmen und nicht die Glukosewerte im Urin. Die Bestimmung des HbA1c oder des Fructos-amins ist für die Erkennung des Gestationsdiabetes nicht ausreichend. Die Diabetes-Gesellschaften empfehlen zu-nächst die einmalige Blutglukosebestimmung mit dem Glukosetrunk: 50 g Glukose in 200 ml Wasser. Nach 60 Minuten wird eine Blutprobe entnommen. Der Verdacht auf Gestationsdiabetes besteht, wenn der Blutglukosespiegel im Kapillarblut über 140 mg/dl liegt.
Die weitere diagnostische Abklärung erfolgt mit dem oralen Glukosetoleranztest mit 75 g Glukose. Ein Gestationsdiabetes liegt laut Otto vor, wenn in zwei kapillären Blutproben folgende Grenzen überschritten wurden: nüchtern 90 mg/dl, nach 60 Minuten 190 mg/dl und nach 120 Minuten 160 mg/dl. Die Behandlung des Gestationsdiabetes muß sofort einsetzen – zunächst durch eine Lebens- und Ernährungsumstellung. Reicht dies nicht aus, ist eine Insulintherapie einzuleiten. Etwa 20 Prozent der Schwangeren mit Gestationsdiabetes benötigen eine Insulinbehandlung. Selbstverständlich sind die Blutglukosewerte regelmäßig zu kontrollieren.
Dr. Harald Schlebusch (Universität Bonn) warnte davor, für die Blutzuckerbestimmung in der Praxis batteriebetriebene Kleingeräte, die zur Selbstkontrolle des Diabetikers entwickelt wurden, einzusetzen. Diese Geräte sind für die Basisdiagnostik ungeeignet, da das Ergebnis durch viele Einflußgrößen, wie Umgebungstemperatur, Hämatokrit und Sauerstoffgehalt der Probe, beeinflußt wird. Als Alternative zu den klassischen naßchemischen Verfahren empfahl er das Gerät HemoCue B-Glukose Analyser, das seit einiger Zeit von der Firma Mallinckrodt angeboten wird. Statt der Teststreifen wird eine Einmalküvette verwendet. Vergleichsuntersuchungen zeigten, daß das System eine geringe Streuungsbreite hat und fast identische Werte zu denen der Naßchemie erzielt. Birgit-Kristin Pohlmann

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