ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2012Honorarproteste in Hamburg: „Keine Region wurde so ausgequetscht“

POLITIK

Honorarproteste in Hamburg: „Keine Region wurde so ausgequetscht“

Dtsch Arztebl 2012; 109(47): A-2338 / B-1906 / C-1870

Rieser, Sabine

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Große Kundgebung am 7. November im Kongresszentrum: Wenn es nächstes Jahr in Hamburg nicht erkennbar mehr Honorar gibt, wollen die Niedergelassenen weiter protestieren – und dies auch die Patienten spüren lassen.

„Saure“ Ärzte: Hintergründe zu den Auseinandersetzungen mit den Kassen findet man auf der Website, die so heißt wie die Kampagne. Ausführlicher Bericht unter: www.aerzteblatt.de/122338. Quelle: JS illustration
„Saure“ Ärzte: Hintergründe zu den Auseinandersetzungen mit den Kassen findet man auf der Website, die so heißt wie die Kampagne. Ausführlicher Bericht unter: www.aerzteblatt.de/122338. Quelle: JS illustration

Der Saal ist absolut voll!“, ruft Dr. med. Michael Späth. „Ich bin richtig stolz auf Sie!“ Sie – das sind circa 1 500 Hamburger Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und ihre Praxismitarbeiterinnen, die der Vorsitzende der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hamburg im Kongresszentrum (ICC) zu einer Vollversammlung begrüßt. Viele haben sich Sticker mit dem Motiv der Kampagne angesteckt, wegen der sie hier sind. Sie zeigen eine ausgequetschte Zitrone, die für die Parole ihres Protests steht: „Kassen pressen Praxen aus.“

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Anderswo mögen die Proteste verebbt sein, hier dauern sie an. Die Krankenkassen hätten in zwei ersten Verhandlungsrunden angekündigt, das Honorarvolumen nicht erhöhen zu wollen, heißt es vonseiten der KV. Die Kassen schildern die Lage anders: „Die Hamburger Ärzte sollen an den auf Bundesebene beschlossenen Vergütungserhöhungen teilhaben – das ist vollkommen unstrittig“, sagt Matthias Mohrmann, Mitglied des Vorstands der AOK Rheinland/Hamburg. Für Forderungen in Höhe von etwa 70 Millionen Euro mehr hat er kein Verständnis: „Das ist das Dreifache dessen, was auf Hamburg gemäß der Einigung auf Bundesebene entfallen würde.“

Praxiskosten: Plus elf Prozent

Die Protestierenden sind anderer Ansicht. „Es geht um mehr als das Honorar! Es geht um die generelle Anerkennung der ärztlichen und psychotherapeutischen Tätigkeit und um die umfassende Bereitschaft der Kassen, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen, um diese Tätigkeit auf hohem Niveau sicherstellen zu können“, ruft Späth unter Beifall. „Es gibt keine Region, die so ausgequetscht wurde wie Hamburg.“ Seit 2008 seien die Kosten für die Praxen um elf Prozent gestiegen. Mehr Geld für die einzelne Praxis habe es dennoch nicht gegeben: „Diese Entwicklung haben Sie aufgefangen oder Ihre Medizinischen Fachangestellten.“

Die KV fordert für das nächste Jahr 70 Millionen Euro beziehungsweise elf Prozent mehr Honorar. Warum, das erläutert der KV-Vorstandsvorsitzende, Dieter Bollmann: Allein als Ausgleich für die gestiegenen Praxiskosten sei eine Erhöhung des Orientierungswerts um 5,5 Prozent geboten.

Mehr Honorar extrabudgetär

Weitere 1,5 Prozent mehr benötige man, um den zusätzlichen Aufwand infolge der gestiegenen Morbidität auszugleichen. Bollmann verlangt darüber hinaus 1,5 bis zwei Prozent zusätzlich, um Zuschläge für die Arztgruppen vorzusehen, die die Grundversorgung sichern. Der Rest soll hinzukommen, indem die Krankenkassen an Honorarabsprachen anknüpfen, wie es sie bis 2008 gab. Damals wurden in Hamburg unter anderem psychotherapeutische Leistungen vollständig extrabudgetär bezahlt. Die KV verlangt zudem, dass in Zukunft alle Haus- und Heimbesuche außerhalb des Budgets bezahlt werden.

Rasch hintereinander werden drei Anträge angenommen: Die Vollversammlung verurteilt die Blockadehaltung der Kassen und spricht sich für Aktionen aus, wenn diese nicht einlenken. Die KV soll die Verhandlungen als gescheitert erklären, wenn bis zum 21. November kein annehmbares Angebot vorliegt. Gegebenenfalls soll es eine Urabstimmung geben, um über weitere Proteste bis hin zu Praxisschließungen zu entscheiden.

Die Proteststimmung hat nicht nur etwas mit der ablehnenden Haltung der Kassen zu tun. Die KV im Norden beklagt seit Jahren, zu den Verlierern der letzten bundesweiten Honorarreform zu gehören. Ihr seien in den zurückliegenden vier Jahren 50 Millionen Euro vorenthalten worden, hatte Späth Ende 2011 im „Hamburger Ärzteblatt“ moniert. Der stellvertretende KV-Vorstandsvorsitzende, Walter Plassmann, hatte damals betont: „Das große Problem ist, dass wir als KV Hamburg eine Versorgungsstruktur haben, die mit keinem anderen KV-Gebiet vergleichbar ist.“

Damit wurde ein strittiges Thema angesprochen: Pochen Ärzte in Großstädten und Zentren zu Recht auf mehr Honorar, weil sie viele Patienten aus dem Umland versorgen, ambulante Medizin auf höchstem Niveau bieten und Krankenhauseinweisungen vermeiden? Oder soll mehr Geld in Regionen fließen, wo die Versorgung nur mit viel Aufwand sicherzustellen ist und viele Alte leben? Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen geht in seinem jüngsten Gutachten auf regionale Unterschiede ein. Beispiel Asthma bronchiale: In Berlin gehen 7,62 kranke Männer pro 100 000 Einwohner in die Notaufnahme, in Nordrhein-Westfalen 20,26. Beispiel Diabetes mellitus: Die neuen Länder weisen mehr Krankenhauseinweisungen und eine größere Anzahl an Amputationen auf als die alten (Bezug: Wohnort des Patienten). Der Rat schließt daraus: „In Gegenden mit vielen beziehungsweise ausreichend niedergelassenen Ärzten werden Diabetiker seltener wegen einer chronischen Komplikation ins Krankenhaus eingeliefert.“

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) hat unlängst festgestellt, dass Berlin, Bremen und Hamburg die größten Mitversorger von Patienten aus dem Umland sind. Mehr Geld also für die Metropolen? Nachfrage- und angebotsseitige Einflussfaktoren seien aufs Engste miteinander verknüpft, heißt es beim ZI diplomatisch. Einfacher gesagt: Bestimmte Regionen verfügen nicht nur über ein umfassendes ambulantes Angebot, weil die Nachfrage so groß ist – die Patienten kommen auch, weil alles geboten wird, was machbar ist.

Für die protestierenden Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten im ICC spielen solche Vergleiche am 7. November keine Rolle. Sie erwarten mehr Wertschätzung und mehr Honorar – bald.

Sabine Rieser

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Avatar #659452
Wittek
am Donnerstag, 29. November 2012, 15:59

Keine Region wurde so ausgequetscht. 109 /47 S. C1870

Was jammern die Kollegen in Hamburg? Es muss ihnen eigentlich gut gehen, da ihr KV-Vorsitzender von 2008 bis 2010 eine Steigerung seiner Vergütung um 18,5% und die Vorstandsmitglieder eine Steigerung um 24% bekommen haben. Und die haben keine Zunahme der Praxiskosten zu tragen. Solche Erhöhungen sind doch nur bei einer soliden Honorarsituation der Ärzte in Hamburg durchsetzbar.
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