ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2012Ärzteschach: Elf veritable Zwanzigender am Brett

SCHACH

Ärzteschach: Elf veritable Zwanzigender am Brett

Dtsch Arztebl 2012; 109(47): A-2372 / B-1934 / C-1896

Pfleger, Helmut

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Der Kardiologe Patrick Weiser gewann die 20. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte. 157 Kollegen waren zum Jubiläumsturnier nach Bad Neuenahr gekommen, zu einem entspannten Wochenende jenseits des hektischen ärztlichen Alltags.

Fotos: Josef Maus
Fotos: Josef Maus

Es ist wie auf dem Jahrmarkt zu Plundershausen: Wenn einen sonst schon niemand lobt, muss man sich eben selbst lauthals preisen. Nun denn, das Deutsche Ärzteschachturnier war auch beim 20. Mal lebendig wie eh und je. 20 Jahre Ärzteschachturnier – das ist vielleicht auch Anlass zur Rückbesinnung, wie es zur Gründung der stattlichen ärztlichen Schachfamilie kam. Es fing an mit der Gretchenfrage des stellvertretenden Chefredakteurs des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus: „Wie halten es die Ärzte mit dem Schach?“ Ich war skeptisch, da sei oft eine Affinität zur Musik, mit dem Schachspiel hätten es wohl eher die Mathematiker und Juristen. Doch er ließ sich nicht abschrecken – und voilà! Keine andere Berufsgruppe hat etwas auch nur entfernt Vergleichbares wie „unsere“ Turniere zuwege gebracht.

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„Es ist diese Atmosphäre . . .“

Viele kommen gerne wieder, elf der Kollegen waren gar alle 20 Mal dabei – veritable Zwanzigender! Der Neurologieprofessor Dr. med. Peter Krauseneck aus Bamberg fragte sich und uns vor Jahren bei einem Mittagessen einmal, warum für ihn das Ärzteturnier etwas Besonderes sei, und beantwortete die Frage gleich selbst: „Es ist diese angenehme Atmosphäre, wo man sich mit den Jahren immer mehr kennenlernt und unter Freunden ist.“

Zu dieser „Schachfamilie“ kommen auch viele Familien „in sensu strictu“, wenn sie mit Kind und Kegel anreisen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der Enkel von Dr. med. Christian Bordasch, Hamburg, wegen einer „dringenden Familienangelegenheit“ in der Schule in Zürich fehlt, aber umgekehrt auch die fast 90-jährige Großmutter von Prof. Dr. med. Martin Scherer, Lübeck, die leider letztes Jahr starb, an seinem Brett begutachtete, ob er auch „lege artis“ spielt, und dazu aus ihrem Wohnort Marburg vom Kollegen Dr. med. Ulrich Zimmermann mitgenommen wurde.

Natürlich gibt und gab es auch einen ständigen Wandel, teilweise leider auch durch den Tod von Kollegen. Ganz schmerzlich war für mich der Tod meines persischen Freundes Dr. med. Modjtaba Abtahi, mit dem ich einst in Erlangen zusammen studierte. Nie mehr wird dieser orientalische Fabulierer eine Partie gewinnen, weil sein Springer immer größer wurde und am Schluss so groß wie ein Elefant war. 2004 waren auf einen Schlag unsere drei „Ü90“ nicht mehr dabei: der 90-jährige Dr. med. Horst Reichel, der 91-jährige Dr. med. Rudolf Faulhaber und der 92-jährige Dr. med. Herbert Schütz, der ein Jahr zuvor noch vom Skifahren in der Schweiz, Abfahrt wohlgemerkt, direkt zum Ärzteturnier gekommen war.

Die Sieger: Patrick Stiller (Mitte) gewann das Turnier, auf Platz zwei Peter Weber (3.v.l.), Platz drei Hannes Knuth (l.) vor Ulrich Zenker (2.v.r.) und Matias Jolowicz (2.v.l.). Rechts im Bild: Reimund Koch vom langjährigen Hauptsponsor der Ärztemeisterschaft, der Deutschen Apotheker- und Ärztebank
Die Sieger: Patrick Stiller (Mitte) gewann das Turnier, auf Platz zwei Peter Weber (3.v.l.), Platz drei Hannes Knuth (l.) vor Ulrich Zenker (2.v.r.) und Matias Jolowicz (2.v.l.). Rechts im Bild: Reimund Koch vom langjährigen Hauptsponsor der Ärztemeisterschaft, der Deutschen Apotheker- und Ärztebank

Und selbst Rudolf Faulhaber, der einst beim 1. FC Nürnberg als Linksaußen kickte und mit erhobenem Gehstock noch allen zugerufen hatte: „Wenn der Herrgott mich nicht holt, bin ich nächstes Jahr wieder dabei!“, musste sich dem höheren und endgültigen Diktat fügen. Wie heißt es beim persischen Weisen Omar Khayam:

„Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt, wo Schicksal Menschen hin und her bewegt, sie durcheinanderschiebt, Schach bietet, schlägt und nacheinander in die Schachtel legt.“

Aber genug der Rückbesinnung, ein Sprung hinein ins aktuelle Turnier, bei dem die 157 Kollegen neun Runden (sechs am Samstag, drei am Sonntag) spielen mussten und jeder pro Partie nur 30 Minuten Bedenkzeit hatte. Mag auch Schopenhauer, der das Schachspiel schon einmal mit dem unsäglichen Leben verglich, aber gleichzeitig der Meinung war, dass es alle anderen Spiele so sehr überrage wie der Chimborasso einen Misthaufen, gemeint haben, dass es die Zeit als solche gar nicht gäbe, so litten doch viele Kollegen unter der unerbittlichen Schachuhr, auf der in ach so verwickelten Stellungen die Sekunden ach so entsetzlich schnell hinwegtickten, und nicht nur das Gespenst „Matt“, sondern auch das Gespenst „Zeitüberschreitung“ stets über dem Brette schwebten.

Ratgeber „Unter Haien“

Da kamen im Eifer des Gefechts manch Springer und Läufer abhanden, sprich wurden „eingestellt“, da schmolz in furchtbarer Zeitnot der ganze, mühsam erworbene Vorteil dahin, da irrte der flackernde Blick unruhig über das plötzlich so unübersichtliche Brett, ohne der vorher noch so klaren Essenz der Stellung mit ihren gerade noch einsichtigen und logischen Spielzügen habhaft werden zu können.

Und niemand ist gefeit davor. Als im Spitzenduell und beiderseitiger hoher Zeitnot Dr. med. Patrick Stiller, der schließlich das Turnier zum dritten Mal gewinnen wird, gegen den „alten Haudegen“ Dr. med. Matias Jolowicz, dem in der allerletzten Partie ein Remis zum Turniersieg genügt hätte, einen Zug macht, stellen beide plötzlich verblüfft fest, dass es „patt“ ist, sprich Matias Jolowicz nicht mehr ziehen kann, ohne dass sein König im Schach stünde. Also nicht matt, sondern remis.

„Dann plötzlich, vor Erstaunen platt, seufzt er ein einzig Wörtlein: Patt“, heißt es (fast) bei Eugen Roth, dessen Gedicht allerdings – ganz anders als bei unseren Protagonisten und den Teilnehmern des Ärzteturniers überhaupt – so beginnt: „Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber, ein andrer döst ihm gegenüber . . .“

So war es definitiv nicht, wenn auch das Buch „Unter Haien“ neben Dr. med. Benedict Ungars Brett hoffentlich keine Anspielung auf die liebe Kollegenschaft war, die sich um ihn herum im Bad Neuenahrer Kursaal tummelte. Schließlich hieß es einmal über den „Lehrmeister Deutschlands“ und vor circa 100 Jahren nach Emanuel Lasker besten Spieler der Welt, Dr. med. Siegbert Tarrasch: „Er ist ja Arzt und bringt darum jeden Gegner sicher um!“

Last but not least sei festgehalten, dass dieses Turnier – ad multos annos – ohne die maßgebliche Unterstützung des Deutschen Ärzteblatts und der Deutschen Apotheker- und Ärztebank – nicht möglich wäre, was von der Kollegenschaft auch entsprechend gewürdigt wird.

Dr. med. Helmut Pfleger

Männer der ersten Stunde und Applaus für Helmut Pfleger

Auch nach 20 Jahren ist das Interesse an der Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte ungebrochen hoch: 157 Teilnehmer kamen zum Jubiläumsturnier nach Bad Neuenahr. Darunter auch elf Ärzte, die von Anfang an dabei waren und kein Turnier versäumt haben. Die „Zwanzigender“ sind die Doctores: Kurt Baum, Matthias Birke, Thomas Dettler, Dieter Friedrich, Matias Jolowicz, Peter Krauseneck, Timm Ludwig, Peter Till, Klaus Vietinghoff, Martin Schaefer und Branko Spasojevic.

Im Vorfeld der Meisterschaft gab es zwei spannende Simultanveranstaltungen: Helmut Pfleger, der Mentor der Ärztemeisterschaft (Foto unten links), besiegte im Uhrenhandicap alle zwölf Gegner, Artur Jussupow (Foto rechts) spielte an 32 Brettern und gewann bis auf drei Unentschieden ebenfalls alle Partien.

Die beiden internationalen Großmeister Pfleger und Jussupow luden am Samstagabend zudem interessierte Ärzte zu einer Schach-Talkshow – gemeinsam mit dem Sportdirektor des Deutschen Schachbundes, Horst Metzing, und Manfred Mädler vom Dresdener Schachhaus Mädler, der das Ärzteturnier auch schon seit vielen Jahren begleitet.

Wie es sich für ein Jubiläumsturnier gehört, gab es dann noch diverse Ehrungen: Urkunden für die „Zwanzigender“ und Horst Metzing, den Ehrenteller des Deutschen Schachbundes für den Organisator des Turniers, Josef Maus vom Deutschen Ärzteblatt, überreicht vom Präsidenten des Schachbundes, Herbert Bastian, und ein von allen Teilnehmern unterschriebenes Schachbrett für den Mann, dem 20 Jahre Ärzteschach zu verdanken sind: Helmut Pfleger, Arzt und Großmeister. Ihm dankten die Kollegen mit minutenlangem Applaus. JM

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