SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Wunderbar

Dtsch Arztebl 2012; 109(48): [80]

Böhmeke, Thomas

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Das medizinische Wissen, der technische Fortschritt und die modernen Therapiemöglichkeiten explodieren geradezu und lassen den Doktor, der sich hingebungsvoll in seiner Praxis bemüht, seine Schutzbefohlenen mit Tinkturen traktiert oder die Hand auflegt, ganz schön alt aussehen. Ja, vor dem Glanz neuester technischer Möglichkeiten mutet der Einzelne, der sich mit seinen Helferinnen vor Ort abmüht, wie ein Biosphärenreservat aussterbender Spezies an, wie ein Billroth für das Magengeschwür, wie ein Pneumoenzephalogramm des Gehirns. Denn: Ist es nicht wunderbar, welche Möglichkeiten uns die Technik heutzutage bietet, die nicht nur zur besseren Medizin verhilft, sondern auch den Krankenkassen unglaubliche Einsparpotenziale bietet?

Gestern musste sich der einzelne Patient dem begrenzten Wissen eines einzelnen Arztes ausliefern, heute können per Mausklick Diagnosen überprüft und Therapien durchleuchtet werden, um allen Kranken überall und jederzeit das Aktuellste zu bieten. Dafür braucht sich kein Patient zur Praxis zu bemühen, um viele Stunden auf wenige Sekunden zu warten, die der Arzt ihm schenkt; nein, das alles geschieht ganz bequem zu Hause. Zu Hause können auch unsere Helferinnen bleiben, die gar keine mehr sind, denn sie heißen jetzt Fachangestellte. Angestellt werden sie jedoch nicht mehr, denn Termine werden vom elektronischen Kalender vergeben, Rezepte werden online verschickt, Bescheinigungen im PC gefertigt. Weil man nur noch einen PC braucht, um die Patienten zu versorgen, werden auch die Praxen nutzlos, dann heißt es Schluss mit überfüllten Wartezimmern, weg mit dem Apparatepark, ade Mietzahlungen. Ist das nicht alles wunderbar? Kurzum: Die Patienten der Zukunft werden durch intelligente Programme diagnostiziert, per Webcam visitiert, von den Krankenkassen therapiert, die am liebsten budgetieren. Ist das nicht wunderbar?

Kaum ein Mensch wird es für gut befinden, sich von einer Videokamera beäugen zu lassen, um anschließend ein Rezept über das Internet zu bekommen. Viele, viele Menschen werden wieder ihren Doktor suchen, der sich zusammen mit seinen Angestellten persönlich und wahrhaftig um die bestmögliche Lösung des Problems kümmert. Kümmern wird es die Menschen nicht, dass ihre gesetzliche Kasse das nicht bezahlt. Bezahlen werden sie privat, weil es ihnen das wert ist. Und so können wir uns wieder hingebungsvoll unserer Schutzbefohlenen annehmen, mit Tinkturen traktieren und sogar die Hand aufhalten. Ist das nicht wunderbar?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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