ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2012Substitutionsbehandlung von Opiatabhängigen: Ohne Angst vor Strafe

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Substitutionsbehandlung von Opiatabhängigen: Ohne Angst vor Strafe

Dtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2398 / B-1956 / C-1917

Bühring, Petra

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Die Substitutionstherapie mit Methadon sichert vielen Abhängigen das Überleben, erhöht die Chance einer Resozialisierung und senkt das Risiko für Infektionserkrankungen. Foto: dapd
Die Substitutionstherapie mit Methadon sichert vielen Abhängigen das Überleben, erhöht die Chance einer Resozialisierung und senkt das Risiko für Infektionserkrankungen. Foto: dapd

Die Praxis der Take-home-Verordnung von Substitutionsmitteln geriet wegen mangelnder Sicherheit für die Kinder der Drogenabhängigen in die Kritik. Ärzte dürfen grundsätzlich nicht kriminalisiert werden.

Kurz vor ihrem Tod schrieb Chantal einen Brief an ihren leiblichen Vater: „Bitte holt mich aus dieser schrecklichen Familie.“ Am 16. Januar starb die Elfjährige, die bei drogenabhängigen Pflegeeltern in Hamburg-Wilhelmsburg lebte, nach dem Konsum des Substitutionsmittels Methadon. An dem tragischen Fall war vieles merkwürdig: Wieso gab das Jugendamt das Mädchen in die Obhut einer Pflegemutter, deren Drogenabhängigkeit bekannt war? Zu einem Pflegevater, der mehrfach vorbestraft war, unter anderem wegen Drogenhandels? Wie gelangten sie an 31 Methadon-Tabletten, die in ihrer Garage gefunden wurden? Liegen Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz vor?

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Kooperation in Hamburg

Wie auch immer die Antworten lauten: Ein Einzelfall ist Chantal nicht. In Hamburg hat der Fall dazu geführt, dass sich die substituierenden Ärzte, die Allgemeinen Sozialen Dienste, die Suchthilfe, Jugendämter, die Ärztekammer und die Gesundheitsbehörde an einen runden Tisch gesetzt haben: Unterschrieben wurde Anfang August eine Kooperationsvereinbarung, die Kinder von Opiatabhängigen in Substitutionsbehandlung besser schützen soll.

Auch Bremen hat nach einem ähnlich zusammengesetzten runden Tisch die Regeln für den Umgang mit substituierten Opiatabhängigen verschärft. Dort und in Bremerhaven wurden bei Haaranalysen von Kindern drogenabhängiger Eltern Abbauprodukte von Methadon gefunden.

Damit Ärzte bundesweit mehr Klarheit zur Verordnung von Substitutionsmitteln haben, wenn im Haushalt der opiatabhängigen Patienten Kinder leben, hat die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Hinweise zusammengestellt, die in Heft 47/2012 des Deutschen Ärzteblatts unter der Rubrik „Bekanntgaben“ veröffentlicht worden sind. Diese verweisen auf die relevanten Passagen der 2010 novellierten Richtlinien zur substitutionsgestützten Behandlung.

Die Auswirkungen der Substitution auf die Kinder der Drogenkranken können dramatisch sein. Und doch ist die seit 20 Jahren mögliche Substitutionstherapie mit Methadon, Buprenorphin oder Diamorphin erfolgreich, darin sind sich Experten einig. Sie sichert Abhängigen nach erfolgloser Abstinenztherapien das Überleben, sie erhöht die Chance einer Resozialisierung und senkt das Risiko für Infektionserkrankungen. Sie mindert die Beschaffungskriminalität und Prostitution. Doch die Versorgung der bundesweit circa 76 000 Opiatabhängigen scheint gefährdet.

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg warnte gerade davor, dass das Durchschnittsalter der substituierenden Ärzte mit 58 Jahren hoch sei und ein Großteil bald nicht mehr zur Verfügung stehen werde. Etwa 2 700 suchtmedizinisch tätige Ärzte stehen bundesweit zur Verfügung. „Jüngere Ärzte sind dafür kaum noch zu gewinnen“, sagt Dr. med. Christoph von Ascheraden, Vorsitzender des Ausschusses Drogen und Sucht der BÄK. Das liege nicht nur daran, dass Drogenabhängige eine meist schwierige Klientel seien und ihre Behandlung in den Praxen vor allem auf dem Land leicht zu Rufschädigungen führen könne. Er beobachtet, dass schon geringste Verstöße gegen die Vorgaben des Betäubungsmittelgesetzes und der Betäubungsmittel-Verschreibungverordnung (BtMVV) von Staatsanwälten als Straftaten verfolgt würden. „Engagierte Ärzte, die sich für das Wohl ihrer suchtkranken Patienten einsetzen und die schwierig handhabbaren Maßgaben in den Praxisalltag umsetzen, stehen beinahe mit einem Bein im Gefängnis“, kritisiert von Ascheraden.

Ärztin in Bayern verurteilt

Beispielsweise wurde in Niederbayern eine Ärztin zu 15 000 Euro Strafe verurteilt, weil sie trotz Beikonsum von Cannabis und Benzodiazepinen die Substitutionsbehandlung fortsetzte. Ihr droht der Entzug der Approbation. Elf Kollegen aus Niederbayern haben daraufhin angekündigt, die Substitution zum 31. Dezember zu beenden. Dies wurde auf dem 71. Bayerischen Ärztetag im Oktober bekannt. Die Delegierten fordern in einer Entschließung das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf, „die BtMVV in der Weise anzupassen, dass sie auch im praktischen Vollzug nicht dazu führt, Ärzte zu kriminalisieren“. Eine klare Trennung sei bei den Take-home-Vorschriften und bezüglich des Beigebrauchs erforderlich zwischen dem illegalen Besitz oder Handel mit Betäubungsmitteln und dem Einsatz zu Therapiezwecken.

Petra Bühring

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