ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2012Migration: Neue Heimat für Ärzte

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Migration: Neue Heimat für Ärzte

Dtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2437 / B-1993 / C-1949

Frädrich, Andreas

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Unzufriedenheit am Arbeitsplatz ist ein schleichender Prozess, der die Arbeitnehmer irgendwann in die Ferne treibt. Der Kampf um qualifizierte Arbeitskräfte ist längst entbrannt.

Deutschland trifft auf immer mehr Interesse bei ausländischen Ärztinnen und Ärzten. Deutschunterricht boomt momentan vor allem in Südeuropa. Nach Angaben der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV) kommen derzeit die meisten Mediziner aus Griechenland nach Deutschland. Aber auch in Spanien werden immer mehr Ärzte arbeitslos. Ähnlich ist die Situation in Italien und Portugal. Zukunftsangst, Wirtschafts- und Finanzkrise, niedrige Löhne, Landflucht, Wertewandel, Burn-out, Mangelwirtschaft und Einstellungsstopp an staatlichen Krankenhäusern – die Gründe für den Umzug nach Deutschland sind so vielfältig wie die Gegenargumente: Sprachbarriere, Mentalitätsunterschiede, Ressentiments, Fernbeziehungen, Heimweh, schlechtes Wetter.

Jede Abwanderung von Ärzten wirkt sich nachteilig auf die jeweilige Gesundheitsversorgung aus – vor allem in „Randlagen“ Europas. Die betroffenen Länder, Kommunen und Unternehmen verlieren nicht nur ihre Ärzte, sondern auch die Investitionen in deren Aus- und Weiterbildung. Im Wettbewerb um Ärzte sind EU-Regionen mit schwächerer Wirtschaftskraft benachteiligt (Grafik) – und das bei nahezu identischen Herausforderungen im Hinblick auf den medizinischen Fortschritt und den demografischen Wandel.

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Die nächste Völkerwanderung im Gesundheitswesen
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Die nächste Völkerwanderung im Gesundheitswesen

Deshalb sollten Anwerbeaktionen von Ärzten aus dem Ausland mit Fingerspitzengefühl durchgeführt werden. Die Chancen, die die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union (EU) bietet, können sonst in der öffentlichen Meinung schnell als „Ausverkauf der Eliten“ fehlinterpretiert werden. Ärztemangel erfordert daher kein wahlloses, sondern eine kritische, nachhaltige Rekrutierung, die keine Einbahnstraße sein sollte.

Der Kontakt und die Vermittlung von Ärzten nach Deutschland finden häufig über Personalberatungsagenturen statt, die zum Teil hohe Vermittlungsprovisionen verlangen. Damit ist allerdings nicht automatisch ein Talentmanagement verbunden.

Viele Ärzte bewerben sich auch in Eigeninitiative. Dazu benötigen sie zunächst – zur Übersetzung ins Deutsche – die Geburtsurkunde, ihr Arztdiplom, die Approbation, Nachweise über den Facharzttitel, eventuell eine detaillierte Studienfachaufstellung, ein Führungszeugnis, eine Bescheinigung der Ärztekammer über gute Führung, ein Gesundheitszeugnis und, falls relevant, eine Bescheinigung über den abgeleisteten Wehrdienst. Alle Urkunden sollten sicherheitshalber mit Apostille-Beglaubigung versehen sein.

Das größte Hindernis stellt allerdings die Sprachbarriere dar. Um in Deutschland eine Facharztweiterbildung absolvieren zu können, muss der Bewerber mindestens das Sprachniveau B2 (selbstständige Sprachverwendung) nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen nachweisen.

Doch auch „weiche“ Faktoren sind bedeutsam. Die Gesellschaft im Aufnahmeland muss bereit sein, diese Menschen zu integrieren. An der Schnittstelle zur erfolgreichen Migration arbeiten nach angelsächsischem Vorbild „Relocation“-Spezialisten. Mit Rundumpaketen für den neuen Arbeitnehmer samt seiner Familie bemühen sie sich um die Vermittlung von Sprachkursen, Umzug, Wohnung, Job für den Ehepartner, die geeignete Schule fürs Kind oder einen Kindergartenplatz.

Denn die Anzahl derer, die nach wenigen Monaten aus Heimweh zurückkehren, ist erheblich. Relocation-Agenturen kümmern sich vor allem um die schnelle Integration der Familien in das neue soziale Umfeld. Die Maßnahmen bezahlt der künftige Arbeitgeber.

Ein ähnliches Unterstützungsprogramm hat die Klinik Bavaria in Kreischa bei Dresden entwickelt. Denn dort fehlen Ärzte und Pflegekräfte. Wegen Rotationen während der Weiterbildung, Elternzeit oder auch Kapazitätserweiterungen stellt die Klinik Bavaria im Durchschnitt jährlich zehn ausländische Ärzte neu ein. Auf der Grundlage jahrelanger Erfahrungen und der Integration von tschechischen und polnischen Mitarbeitern ging die Klinik bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter in Südeuropa neue Wege. Sie initiierte eine Anzeigenkampagne in griechischen, spanischen, italienischen und portugiesischen Tageszeitungen für Pflegefachkräfte in den Fächern Neurologie, Innere Medizin, Psychosomatik und Orthopädie. Angeboten wurde ein unbefristetes Vollzeitarbeitsverhältnis. Auf die Unterstützung durch externe Dienstleister hat die Klinik trotz zahlreicher Angebote verzichtet. Um auch Interessenten mit weniger Deutschkenntnissen den direkten Kontakt zu ermöglichen, stehen Hotlines in der jeweiligen Landessprache zur Verfügung. Dazu hat die Klinik vier Dolmetscher eingestellt und das Personalbüro aufgestockt. Zudem läuft auf YouTube ein zwölfminütiger Image- und Informationsfilm über das Weaningzentrum, in dem am dringendsten Mitarbeiter benötigt werden. Der Film wird in sieben Sprachen gezeigt: Englisch, Griechisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Arabisch und Russisch (www.youtube.com/user/klinikbavaria). Infolge dieser Kampagne sind in der Klinik Bavaria 198 Bewerbungen aus Spanien, 39 aus Portugal, 271 aus Italien und 23 aus Griechenland eingegangen. Seit Anfang Oktober arbeiten die ersten 28 Pflegekräfte aus Südeuropa in Sachsen. Die meisten stammen aus Spanien und Italien, zwei aus Griechenland.

Bis die Berufserlaubnis erteilt ist, dürfen die neuen Mitarbeiter nur als Hospitanten in der Klinik tätig sein. Die Wartezeit bis zur Genehmigung überbrücken sie mit einer praxisorientierten Sprachausbildung; die Kosten trägt die Klinik. Erfahrungswerte darüber, wie praxisnah das Berufsanerkennungsfeststellungsgesetz in den Ländern umgesetzt wird, stehen noch aus.

In der Klinik Bavaria werden die neuen Mitarbeiter in den ersten sechs Monaten von Praxisbegleitern in ihrer Landessprache eingearbeitet. Weitere Erleichterungen sind kostenfreie Wohnmöglichkeiten inklusive Verpflegung und Freizeitbetreuer. Monatlich werden Zuschüsse zu Reisekosten gewährt. Langfristig bietet die Klinik ihren Mitarbeitern vor allem familienfreundliche Dienstzeiten und Überstundenregelungen sowie eine betriebliche Altersversorgung. Unterstützung gibt es auch bei der Vermittlung von Wohnungen und Kinderbetreuungsplätzen. Einzig unplanmäßig war der frühe Wintereinbruch: Damit, dass es in der Sächsischen Schweiz so früh schneit, hatten die Neuankömmlinge nicht gerechnet.

Andreas Frädrich
Pressesprecher der Klinik Bavaria

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