ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1996Westfälisches Naturkundemuseum: Blinde Kinder ertasten die Natur

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Westfälisches Naturkundemuseum: Blinde Kinder ertasten die Natur

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LNSLNS Mucksmäuschenstill ist es in der "Prärie". Plötzlich ertönt eine Trommel. Vor dem größten Tipi des Dorfes stimmen sich die "Blaustirn-Indianer" mit einem Tanz auf die bevorstehende Jagd ein. Auf leisen Mokassin-Sohlen schleichen sie über die weiten Plains. Orientieren können sich die Jäger allein durch ihr Gehör, ihren Geruchs- und ihren Tastsinn. Sehen können die sechs kleinen Gäste des Westfälischen Museums für Naturkunde in Münster nicht, denn sie sind blind.
An diesem Vormittag gehört die Ausstellung "Prärie- und Plains-Indianer" den sechs Mädchen und Jungen im Alter von elf und zwölf Jahren ganz allein. Sie sind aus der Westfälischen Schule für Blinde, Soest, mit zwei Lehrerinnen und einem Vater angereist, um mit Werner Beckmann auf die Jagd nach neuen Eindrücken zu gehen. Der Präparator am Naturkundemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe vermittelt seit 1985 Nichtsehenden die Exponate. Vornehmlich montags, wenn das Haus für die Öffentlichkeit geschlossen ist und keine Nebengeräusche stören, können blinde Kinder ausgewählte Ausstellungsstücke ertasten.
Federschmuck an blauen Stirnbändern und Pfeil und Bogen hat Werner Beckmann eigens für die Gruppe vorbereitet. Zahlreiche Gebrauchsgegenstände der Plains-Indianer wie Trommel, Büchse und Mokassins liegen im Häuptlings-Tipi bereit. Auf einem Bisonfell nehmen die gespannten "Jäger" zum großen "Palaver" Platz. Werner Beckmann läßt die Mädchen und Jungen erst einmal erzählen, was sie schon alles über Indianer wissen.
An Ideen, wie sich die zwangsläufig visuell angelegten Ausstellungen des Museums vermitteln lassen, mangelt es Beckmann nicht. Zahlreiche Ergebnisse aus Bastelaktionen zieren neben den Expertenarbeiten die Werkstatt des Naturkundemuseums und machen deutlich, wie weit der Tastsinn ausgebildet werden kann, wenn die sonst so dominante optische Wahrnehmung wegfällt. Immer neue Aktionen läßt sich der Präparator für seine nichtsehenden Gäste einfallen: "Einmal haben wir Radio gespielt: ein Kind war der Interviewer, ein anderes der Fachmann, und ich war der Zuhörer." So kam spielerisch heraus, was die Kinder gelernt hatten. In einer Dinosaurier-Ausstellung wurde das Problem der Größe technisch gelöst: Auf einer Hebebühne transportierte Werner Beckmann die blinden Kinder zum Kopf der Riesenechsen, denn: "Nur die Beine ertasten reichte ja nicht aus." WZ
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