ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2012Körperbilder: Paul Gauguin (1848–1903) – „Etwas Männliches in den Frauen“

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Paul Gauguin (1848–1903) – „Etwas Männliches in den Frauen“

Dtsch Arztebl 2012; 109(49): [92]

Schuchart, Sabine

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Paul Gauguin: „Deux Femmes Tahitiennes“, 1899, Öl auf Leinwand, 94 × 72,4 cm: Gelassen, in sich gekehrt, unergründlich wirken die beiden jungen Frauen, die der symbolistische Maler gegen Ende seines Lebens auf Tahiti porträtierte. Vor der entblößten Brust tragen sie Früchte und Blumen, offenbar als Opfergaben einer religiösen Zeremonie. Mit ihren modellierten Körpern, ihrer bronzefarbenen Haut und ausdrucksvollen Mimik und Gestik verkörpern sie Gauguins Ideal exotischer Schönheit und mystischer Weiblichkeit. © 2012, The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florence
Paul Gauguin: „Deux Femmes Tahitiennes“, 1899, Öl auf Leinwand, 94 × 72,4 cm: Gelassen, in sich gekehrt, unergründlich wirken die beiden jungen Frauen, die der symbolistische Maler gegen Ende seines Lebens auf Tahiti porträtierte. Vor der entblößten Brust tragen sie Früchte und Blumen, offenbar als Opfergaben einer religiösen Zeremonie. Mit ihren modellierten Körpern, ihrer bronzefarbenen Haut und ausdrucksvollen Mimik und Gestik verkörpern sie Gauguins Ideal exotischer Schönheit und mystischer Weiblichkeit. © 2012, The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florence

Subtil, geheimnisvoll, weise bei aller Naivität und fähig, sich ohne Scham nackt zu zeigen“, so beschrieb der französische Maler Paul Gauguin die Frauen Tahitis, die er in großartigen Bildern wie dem hier vorgestellten Gemälde von 1899 verewigte. Das weltberühmte Werk aus dem Besitz des New Yorker Museums of Modern Art, das derzeit in Madrid ausgestellt ist, gehört zu den Höhepunkten in Gauguins reifem Schaffen während seines zweiten Tahiti-Exils. Von der bürgerlichen Gesellschaft und ständigen Geldsorgen enttäuscht, begab sich der ehemalige Pariser Börsenmakler, der sich erst mit 35 Jahren ganz der Malerei verschrieben hatte, 1895 erneut auf die Suche nach dem verlorenen Paradies. Das erträumte Arkadien fand er in der längst nicht mehr idyllischen Südseekolonie auch diesmal nicht. Dafür aber eine Projektionsfläche für seine Vision vom einfachen Leben in der Natur und eine eigene Malweise, die in flächigem Bildaufbau, übersteigerten Farben, reduzierten Formen und dem Verzicht auf Perspektive schwelgte.

Dass die Idylle trügt, verraten die melancholischen Zwischentöne in seinen Bildern, so auch in „Deux Femmes Tahitiennes“: ein düsterer Schatten auf einem Gesicht, ein fast desillusioniert wirkender Blick, die völlige Distanziertheit der anmutigen, kaum bekleideten Frauengestalten. Obwohl sie ihre Brüste offen darbieten, verführen sie nicht, sondern repräsentieren einen paradiesischen Urzustand der Unschuld von Leib und Sexualität: „Etwas Männliches ist in den Frauen und in den Männern etwas Weibliches. Diese Ähnlichkeit der beiden Geschlechter erleichtert ihre Beziehungen, die durch die ständige Nacktheit völlig rein bleiben“, schreibt Gauguin in seinen autobiografischen Tahiti-Notizen „Noa Noa“. Für die ersehnte Versöhnung zwischen Kultur und fremder Natur kam der Auswanderer, der „als Wilder“ (Gauguin) unter den Ureinwohnern lebte, allerdings nicht ohne Rückgriff auf seine Wurzeln und die europäische Ikonografie aus. Die Wände seiner Strandhütte zierten Fotos bekannter Kunstwerke wie Manets „Olympia“ von 1863: Mit der gleichen souveränen Unbefangenheit, mit der die nackte Prostituierte auf dem damaligen Skandalbild ihre Betrachter provozierte, konfrontieren auch Gauguins Südseeschönen ihr Gegenüber. Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Gauguin und die Reise zum Exotischen“

Museum Thyssen-Bornemisza, Paseo del Prado 8, Madrid; www.museothyssen.org

Di.–So. 10–19, Sa. 10–22 Uhr (25. 12. 2012 und 1. 1. 2013 geschlossen);

bis 13. Januar 2013.

1. Isabelle Cahn, Eckhard Hollmann: „Paul Gauguin“, gebundene Ausgabe, 89 Seiten, Klinkhardt & Biermann 2012; 11,90 Euro.

2. Paul Gauguin: „Noa Noa“, Reprint der Originalausgabe von 1920, Taschenbuch, 158 Seiten, Universität Innsbruck 2012; 11,90 Euro.

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