ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2012Grönland: Das Rote Haus in Tasiilaq

KULTUR

Grönland: Das Rote Haus in Tasiilaq

Dtsch Arztebl 2012; 109(49): A-2477 / B-2029 / C-1985

Schubert, Helga

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Tasiilaq? Der Ort liegt am Ende der Welt. Und doch gibt es dort ein Hotel, das Rote Haus, das eigentlich eine Begegnungsstätte zwischen den Kulturen ist.

Foto: dpa
Foto: dpa

Grönland – ein riesiger Block von Inlandeis beherrscht die größte Insel der Erde. Die Küsten prägen schroffe Gebirge und Fjorde. Der Osten ist noch wilder als der Westen. Das liegt am Polarstrom, der von Norden Kälte und riesige Packeismassen an die Ostküste bringt. Das machte sie lange Zeit unzugänglich. Erst 1884 war es Gustav Holm mit seiner Expedition gelungen, in der Region des heutigen Tasiilaq festzumachen. Dort entdeckte er die damals einzige Siedlung an der Ostküste mit 413 Bewohnern, die völlig isoliert, in steinzeitlichen Verhältnissen lebten.

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Die Dänen gründeten dort 1894 eine Handels- und Missionsstation, aus der später die Stadt Tasiilaq hervorging. Sie ist eine von zwei Städten an der 2 600 Kilometer langen Ostküste, wo zurzeit etwa 3 500 Menschen leben. In Tasiilaq gibt es heute so ziemlich alles, was man in der westlichen Welt als lebensnotwendig erachtet: ein Krankenhaus, eine Schule, Kindergärten, ein Sportzentrum, eine Kirche, ein Postamt, ein Museum, ein Internetcafé und Supermärkte. Die Dänen investieren viel in den Ort, und das Sozial- und Schulsystem sind exzellent.

Was rar geworden ist, ist Arbeit und damit Selbstbestätigung. Die Folge ist der drohende Verfall einer einzigartigen Kultur, Identitätsverlust, Alkoholmissbrauch, Depressionen und eine hohe Suizidrate vor allem unter Jugendlichen.

Kalt und wild ist die Ostküste Grönlands. Heute leben circa 3 500 Menschen im einst schwer zugänglichen Tasiilaq. Foto: Fotolia/Arid Ocean
Kalt und wild ist die Ostküste Grönlands. Heute leben circa 3 500 Menschen im einst schwer zugänglichen Tasiilaq. Foto: Fotolia/Arid Ocean

Auch wegen solcher Probleme gibt es das Rote Haus in Tasiilaq. Das kleine, gemütliche Hotel hat gewissermaßen eine eigene Seele, und die heißt Robert Peroni. Der Südtiroler war früher Extremsportler. Seine spektakulärste Expedition, die Erstdurchquerung des grönländischen Inlandeises an seiner breitesten Stelle, ist im Roman „Der weiße Horizont“ eindrucksvoll beschrieben. Peroni zog es immer wieder ins Eis nach Grönland, bis er schließlich blieb.

Vor 20 Jahren hat er das Rote Haus eröffnet. Ein Hauptanliegen ist es, erwerbslosen Jugendlichen Arbeit und damit Selbstbestätigung zu verschaffen. Von hier aus organisiert Peroni Touren und Besuche bei Familien.

In seiner ehemaligen Heimat Südtirol hat er alles aufgegeben, den Luxus und das bequeme Leben. Warum? Peroni will den ostgrönländischen Iivi helfen, mit den Einflüssen der europäischen Zivilisation zurechtzukommen und dabei ihre Traditionen zu bewahren. Er will ihnen zeigen, dass sie eine Zukunft haben, wenn sie Selbstvertrauen entwickeln und sich dem Neuen gegenüber öffnen. Als Hauptchance für die Region sieht der Südtiroler die Schaffung eines umweltverträglichen, mit der Kultur der Iivi harmonierenden Tourismus. Auf jedes Doppelzimmer im Roten Haus entfallen pro Woche im Durchschnitt fünf Bootsfahrten. Das ist Arbeit für die Einheimischen.

In Europa gelten Idealisten wie Peroni häufig als Spinner, in Tasiilaq genießt er höchste Anerkennung. Da inzwischen viel mehr Iivi bei ihm arbeiten wollen, als er beschäftigen kann, will er das Rote Haus erweitern. Die Pläne für den Ausbau des Gästehauses liegen schon vor. Doch es fehlen noch die Mittel. Die Investitionskosten auf die Besucher umzulegen, wäre ein Leichtes. Doch das widerspricht Peronis Philosophie. Er will, dass sich jeder, der davon träumt, nach Grönland zu reisen, diesen Wunsch auch erfüllen kann. Deshalb sucht er für das Rote Haus Kleininvestoren. Spenden? Einmalige Zuwendungen zur Errichtung des Anbaus wären eine gute Sache, bemerkt Peroni. Dauerhafte Spenden lehnt er ab: „Wir müssen arbeiten und den Umgang mit Finanzen lernen.“

Dr. Helga Schubert

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