ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2012Ausbildung von Psychotherapeuten: Revolution von oben

EDITORIAL

Ausbildung von Psychotherapeuten: Revolution von oben

PP 11, Ausgabe Dezember 2012, Seite 529

Bühring, Petra

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Mutig war er. Der Ministerialdirigent aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) wagte sich mit einer eindeutigen Positionierung zur Reform der psychotherapeutischen Ausbildung in die Höhle des Löwen, nämlich vor die Delegierten des 21. Deutschen Psychotherapeutentages (DPT) in Düsseldorf. Dr. med. Volker Grigutsch machte kein Hehl daraus, dass er eine Umstrukturierung der Ausbildung, die fast einer Revolution gleichkommt, für den richtigen Weg hält: die Ablösung des Psychologie- oder Sozialpädagogikstudiums mit anschließender Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten beziehungsweise Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zugunsten eines Studienganges „Psychotherapie“, der mit einem Staatsexamen enden könnte.

Bereits der 16. DPT hatte sich eindeutig gegen eine solche Direktausbildung ausgesprochen. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hatte dem Beschluss gemäß Ende 2010 ein Reformkonzept vorgelegt, wie die Ausbildung und entsprechend das Psychotherapeutengesetz zu ändern seien. Einzig Modellstudiengänge für die Erprobung einer Direktausbildung waren darin vorgesehen.

Doch die Stimmung beginnt zu kippen. Nachdem der Diotima-Ehrenpreisträger Prof. Dr. Dietmar Schulte beim letzten Psychotherapeutentag die Vorzüge einer Direktausbildung – vor allem wegen der Auflösung „ordungspolitischer Brüche“ (siehe PP 6/2012) – ausführen durfte, mehren sich auch die Stimmen aus der Psychotherapeutenschaft zugunsten einer solchen Struktur. Dies zeigt die Diskussion in diesem Heft (Seite 540).

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Grigutsch ging mit keinem Wort auf das BPtK-Reformkonzept ein, das dem BMG nun seit fast zwei Jahren vorliegt – entsprechende Vorwürfe wurden laut. Modellstudiengänge oder -projekte im Rahmen der derzeitigen Strukturen hält er für „nicht zielführend“. Er argumentierte vor allem aus der Perspektive des Nachwuchses. Man dürfe die Hürden für einen Beruf nicht so hoch ansetzen, wie sie zurzeit sind. Die psychotherapeutische Ausbildung sei „fundamental anders“ als alle anderen akademischen Ausbildungen. Die Hürde, dass erst ein abgeschlossenes Studium den Zugang zur Ausbildung ermöglicht, sei nicht zumutbar. Absolventen erwarteten nach einem Studium eine Vergütung und nicht noch eine Ausbildung, für die sie außerdem noch bezahlen müssten. Auch die Probleme der fehlenden oder unangemessen niedrigen Bezahlung im psychiatrischen Praxisjahr resultierten aus dem Konstrukt „Ausbildung“ nach dem Studium. In einem normal strukturierten Heilberuf werde in der Ausbildung auch nichts bezahlt. Dass die Ausbildung eigentlich eine Weiterbildung sei, müsse auch ordnungspolitisch deutlich werden. Das Psychotherapeutengesetz hakt an vielen Enden.

Der Ministerialdirigent betonte mehrfach, dass seine Ausführungen nicht die Position der Fachebene des BMG darstellten, sondern „Überlegungen“ seien. Man wolle dem Berufsstand nichts überstülpen. Entschieden werde in dieser Legislaturperiode noch nichts. Die in der Frage der Direktausbildung sehr gespaltenen Psychotherapeuten sind jetzt gut beraten, eine gemeinsame Position zu finden. Entweder sich vehement dagegenstellen – oder sich für Neues öffnen. Die Bewegung gewinnt jedenfalls deutlich an Dynamik.

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