ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/201221. Deutscher Psychotherapeutentag in Düsseldorf: Bedeutende Themen für die Zukunft

POLITIK

21. Deutscher Psychotherapeutentag in Düsseldorf: Bedeutende Themen für die Zukunft

PP 11, Ausgabe Dezember 2012, Seite 535

Bühring, Petra; Meißner, Marc

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Reform der Bedarfsplanung, Vergütung, Reform der psychotherapeutischen Ausbildung, Psychotherapie-Richtlinien, Psych-Entgeltgesetz, Weiterbildung – eine Vielzahl von gesundheitspolitisch Aktuellem bestimmte den Psychotherapeutentag.

Wollen sich für eine sachgerechte Bedarfsplanung einsetzen: Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW (links), und Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Wollen sich für eine sachgerechte Bedarfsplanung einsetzen: Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW (links), und Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Die Weckmänner auf den Tischen der Delegierten am 10. November machten deutlich: Man befindet sich im Rheinland. Das Gastgeschenk der in Düsseldorf ansässigen Landespsychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen wird nur dort und im Ruhrgebiet bereits zu St. Martin gegessen und den Kindern in die Tüten beim traditionellen Martinssingen gelegt. Im Rest der Republik ist das Hefegebäck mit Tonpfeife, auch Stutenkerl genannt, typisch für den Advent, da es sich auf Bischof Nikolaus von Myra und seinen Festtag am 6. Dezember bezieht.

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Rheinländischen Traditionen durchaus zugeneigt zu sein, versicherte die aus dem Norden stammende Staatssekretärin im nordrhein-westfälischen Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, Marlis Bredehorst. Am Herzen liegen ihr im Land auch die vielen psychisch Kranken, die zu lange auf einen Psychotherapieplatz warten müssen – im Ruhrgebiet im Durchschnitt 17 Wochen auf ein Erstgespräch. Bei der aktuellen Reform der Bedarfsplanung erwartet die Staatssekretärin eine sorgfältige Analyse der psychotherapeutischen Versorgung, die zu angemessenen Verhältniszahlen führen müsse. Zunächst will sie „die Zahlen des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses abwarten“, kündigte aber an: „Wir werden das sehr kritisch begleiten.“

Herausfordernder zeigte sich die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW, Monika Konitzer: „Wir müssen weiter für eine sachgerechte Bedarfsplanung, für eine angemessene Versorgung kämpfen.“ Konitzer kritisierte die Begrenzung auf 1 150 neue Psychotherapeutensitze im ländlichen Bereich, also das Zugeständnis in den Honorarverhandlungen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband. Im Gegenzug werden psychotherapeutische Leistungen künftig außerhalb der Gesamtvergütung von den Krankenkassen bezahlt (siehe auch Editorial in PP 11/2012). „Die Kassen befürchten offenbar, dass die KVen gleich ganz viele Therapeuten zulassen“, kommentierte Konitzer die Begrenzung der Sitze.

„Ich bin ganz klar für eine Direktausbildung“ – Dr. Volker Grigutsch, Ministerialdirigent im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium
„Ich bin ganz klar für eine Direktausbildung“ – Dr. Volker Grigutsch, Ministerialdirigent im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium

Viel schlimmer findet die Landeskammerpräsidentin den möglichen „langfristigen Abbau von rund 6 200 psychotherapeutischen Praxissitzen in Kreis- und Großstädten“. Besonders viele Sitze würden in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und NRW abgebaut, befürchtet auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Theoretisch möglich ist die Stilllegung von Praxissitzen durch Regelungen im Versorgungsstrukturgesetz: Ab 2013 erhalten die Zulassungsausschüsse die Option, Praxissitze in als überversorgt ausgewiesenen Planungsbereichen (mehr als 110 Prozent des nominellen Bedarfs) nicht mehr zur Nachbesetzung auszuschreiben. „Auf das flächendeckende Problem langer Wartezeiten soll mit einem flächendeckenden Abbau reagiert werden“, empörte sich Konitzer. Doch zulasten der Versorgung psychisch Kranker zu sparen, führe zu deutlich höheren Kosten aufgrund von Chronifizierungen, Krankenhauseinweisungen und Psychopharmaka-Verordnungen.

„Die mehr als 6 000 Praxissitze, die über Bedarf liegen, gab es immer schon“, versuchte Jürgen Doebert, Delegierter aus Baden-Württemberg, in der anschließenden Diskussion zu relativieren. Und wenn überhaupt, dann würden die Sitze „nicht morgen“ wegfallen. „Wenn der Jüngste von uns in Rente geht, wird vielleicht der letzte Sitz abgebaut.“ Barbara Lubisch, NRW, mahnte hingegen zur Vorsicht: „Wir sollten uns nicht beschwichtigen lassen, von wegen, das wird schon nicht so schlimm.“ Und auch Bernard Moers, NRW, findet, dass man einen Abbau nicht zulassen dürfe, im Gegenteil: „Wir brauchen viel mehr von uns.“

Der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) nahm schließlich die Resolution „Bedarfsplanung am Versorgungsbedarf orientieren“ an. Darin wird der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) aufgefordert, bei der Festlegung neuer Planungsbereiche und der Neuberechnung der Verhältniszahlen „die Sicherung der Versorgung auf heutigem Niveau sowie eine Verbesserung der Versorgung in strukturschwachen und ländlichen Regionen zu gewährleisten. Eine Verschlechterung sei hingegen zu befürchten, weil „Praxen im Falle einer Nachbesetzung in den nächsten Jahren aufgelöst werden könnten“. Angesichts der flächendeckenden Wartezeiten sei das eine Zumutung.

Landeskammerpräsidentin Konitzer kritisierte weiter die nur geringe Erhöhung der Vergütung um 73 Cent je Psychotherapiestunde. Das ist das Ergebnis der Honorarverhandlungen, die in einem Anstieg des Orientierungswertes um 0,9 Prozent resultierten. „Psychotherapeutische Leistungen sind unterbezahlt“, sagte Konitzer und hofft „auf eine Weichenstellung für eine bessere Vergütung“. Dieter Best, Rheinland-Pfalz, ergänzte: „Wir müssen prinzipiell an ein Facharztgehalt herankommen können.“ Einen Anflug von Kritik an der Arbeit der Bundes­psycho­therapeuten­kammer gab es einzig zu diesem Thema. Andreas Wilser, NRW, sagte: „Bei den Honorarstreitigkeiten haben wir die BPtK vermisst.“ Auch Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, hofft, „dass die BPtK sich mehr in Honorarfragen einmischt und Position bezieht“.

Die Delegierten stimmten für die Aufnahme der Gesprächspsychotherapie in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung.
Die Delegierten stimmten für die Aufnahme der Gesprächspsychotherapie in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung.

Der DPT fordert in einer Resolution die Gremien der Gemeinsamen Selbstverwaltung auf, „bei der anstehenden EBM-Reform die psychotherapeutischen Leistungen nach den Kriterien der Honorargerechtigkeit neu zu bewerten“. Weiter wird an den Gesetzgeber appelliert, „die bisher nur allgemein gehaltene gesetzliche Bestimmung zur angemessenen Vergütung in § 87 Abs. 2 b SGB V so zu konkretisieren, dass Psychotherapeuten bei gleichem Arbeitseinsatz ein Einkommen erzielen können, wie es jeder Facharzt erzielen kann“.

Ordnungspolitische Vorteile einer Direktausbildung

Zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung stellte Ministerialdirigent Dr. med. Volker Grigutsch die Überlegungen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) vor und entfachte damit die Diskussion über eine Direktausbildung im Gegensatz zur dualen Ausbildung von Neuem. „Ich bin ganz klar für eine Direktausbildung“, betonte Grigutsch und begründete dies vor allem mit ordnungspolitischen Vorteilen. „Im Vergleich mit anderen akademischen Heilberufen ist die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten (PP) grundsätzlich anders“, erklärte er. So findet bei Ärzten die Ausbildung im Studium statt und endet mit der Approbation und damit mit der Behandlungserlaubnis. PP müssten hingegen als Zugangsvoraussetzung zur Ausbildung schon ein abgeschlossenes Studium nachweisen. „Das ist zwar der Grund, warum viele meinen, ein Psychotherapeut in Ausbildung (PiA) könne schon Patienten behandeln und müsse auch entsprechend bezahlt werden“, sagte der Ministerialdirigent. „Rechtlich handelt es sich jedoch noch um eine Ausbildung, und eine Behandlung durch einen PiA ist nicht erlaubt.“

Dieses Problem ließe sich Grigutsch zufolge durch eine Direktausbildung lösen. PP erhielten dann analog zu den Ärzten die Approbation mit dem Abschluss des Studiums und damit auch die Behandlungserlaubnis. In einer Weiterbildung könnten Psychotherapeuten dann auch entsprechend bezahlt werden und hätten nicht mehr den Status eines Auszubildenden.

Auch das Thema Master oder Bachelor als Voraussetzung für die Ausbildung zum Psychotherapeuten kann nach Meinung von Grigutsch nur so gelöst werden. Seit der Bologna-Reform an den Universitäten werden in einigen Bundesländern auch Studenten mit einem Bachelorabschluss zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) zugelassen – trotz jahrelanger Forderungen der Psychotherapeutenschaft, den Masterabschluss als Voraussetzung zu nehmen.

„Wenn wir festlegen würden, dass nur wer einen Master hat, die Ausbildung machen darf, kommt gleich die Frage, ob dies überhaupt verfassungsrechtlich möglich ist“, erklärte Grigutsch. Um die freie Berufswahl so wenig wie möglich einzuschränken, müssten Hürden für eine Ausbildung so gering wie möglich gewählt werden. „Da wir seit Jahren den KJP die Möglichkeit gegeben haben, mit einem vierjährigen Studium, das dem Bachelor entspricht, die Ausbildung zu beginnen, spricht wenig dafür, die harte Zugangsberechtigung zu wählen“, so der Ministerialdirigent. Auch habe er bisher nicht gehört, dass Bachelorabsolventen mit einer KJP-Ausbildung ihre Patienten schlechter behandeln oder mehr Fehler machen würden.

Die Meinungen zu dem Thema waren unter den Delegierten geteilt: „Ich stimme für den Erhalt des dualen Systems“, betonte Susanne Loetz aus Baden-Württemberg. „Der Kandidat kann erst nach dem Psychologiestudium entscheiden, ob er den Anforderungen einer Eins-zu-eins-Situation mit dem Patienten gewachsen ist.“ Dr. Manfred Thielen, Berlin, verwies darauf, dass es ja schon vom DPT konsentierte Vorschläge für eine Ausbildungsreform gebe. „Aber sie diskutieren immer weiter, in der Hoffnung, dass die Meinung des Ministeriums sich bei uns immer mehr durchsetzt“, kritisierte er. „Das ist dann aber nicht mehr die Meinung der Profession.“

Dieter Best unterstützte hingegen eine Direktausbildung: „Wenn es so weitergeht, haben wir irgendwann einen Status, der nicht mehr den Ärzten entspricht. Dafür haben wir nicht gekämpft.“ Er schätzt, dass der Bachelor für KJP in den nächsten Jahren immer mehr zum Standard werde und man in zehn bis 20 Jahren auf dem Niveau von Sozialpädiatrischen Stationen angekommen sei. „Ich habe nichts gegen eine Revolution, von der ich das Ergebnis kenne, und wenn ich auf die Ärzte schaue, wird deutlich, was uns erwartet.“ „Wir sehen auch, dass Probleme der postgradualen Ausbildung mit der Direktausbildung gelöst werden können“, stellte Barbara Lubisch, NRW, fest. Bei einer Neustrukturierung müssten jedoch die Inhalte des Studiums und der Ausbildung erhalten bleiben. „Sie haben sich bewährt und müssten sich auch in einer neuen Struktur wiederfinden lassen.“

Viele Delegierte fragten deshalb, warum nicht zunächst Modellstudiengänge zur Direktausbildung, wie sie auch das Gutachten des Sachverständigenrats vorschlägt, eingerichtet würden. Grigutsch sprach sich aber deutlich dagegen aus: „Es gibt dann zwei unterschiedliche Studiengänge für einen Beruf.“ Selbst wenn sich einer als schlechter erweisen würde, könne man den Absolventen nicht die Approbation entziehen und vor dem Nichts stehenlassen. „Der Markt wird dann entscheiden, wen er lieber hat.“ Modellstudiengänge eignen sich seiner Meinung nach nicht, um grundlegende Reformen zu erproben, sondern nur um kleinere Änderungen zu testen.

Er sieht jedoch kein Problem darin, die bisherigen Inhalte des Psychologiestudiums und der PP-Ausbildung in einem Curriculum für eine Direktausbildung angemessen abzubilden. „Die Inhalte müssen so sein, dass sie die Qualität eher verbessern als verschlechtern“, stellte er klar. „Das kann nur mit den Fachleuten besprochen werden.“

Bessere Vergütung von PP mit neuem Psych-Entgeltgesetz

Am 1. Januar 2013 tritt das Psychiatrie-Entgeltgesetz in Kraft und damit auch ein neuer Abrechnungskatalog für die stationäre Behandlung von psychisch Kranken. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, begrüßt ausdrücklich die Einführung der sogenannten pauschalierenden Entgelte in der Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP). „Dieses Gesetz ermöglicht, dass Leistungen von Psychologischen Psychotherapeuten im stationären und teilstationären Bereich sehr viel besser vergütet werden, als es im jetzigen System der Fall ist.“ Beispielsweise sei in der Psychiatrie-Personalverordnung, die bisher Grundlage für die Vergütung der psychiatrischen Einrichtungen ist, der Beruf des PP gar nicht aufgeführt. „Es gibt gute Hinweise, dass im neuen System der Beruf des PP ausdrücklich erwähnt wird“, betonte Richter. Vonseiten der Kliniken und Fachgesellschaften aus der Psychiatrie hatte es deutliche Kritik am PEPP gegeben. Das neue Abrechnungssystem wird, nachdem es von der Deutschen Krankenhausgesellschaft abgelehnt worden war, durch eine Verordnung des BMG Anfang kommenden Jahres in Kraft treten (siehe Seite 542).

Über die Aktivitäten der BPtK hinsichtlich einer Weiterentwicklung der Psychotherapie-Richtlinien berichtete Vorstandsmitglied Andrea Mrazek. Die BPtK habe eine Eingabe an den Unterausschuss Psychotherapie im G-BA gemacht, Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen als Indikation für Psychotherapie in die Richtlinien aufzunehmen. „Der Kommentar zur Psychotherapie-Richtlinie von Faber-Haastrick verortet Schizophrenie und Psychosen ausschließlich in die Hände der Psychiater“, kritisierte Mrazek. Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten seien danach nur zur Behandlung der psychischen Begleit- und Folgesymptomatik berechtigt. „Das muss geändert werden“, fordert Mrazek. Evidenzbasierten Leitlinien sei zu entnehmen, dass bei psychotischen Erkrankungen Psychotherapie indiziert sei (siehe auch „Psychotherapie bei Psychosen“, PP 5/2012).

Des Weiteren wies Mrazek die Delegierten auf eine Vereinbarung zu den Psychotherapie-Richtlinien und zum Gutachterverfahren hin, die die KBV und der GKV-Spitzenverband als Grundlage für die Vergütungsvereinbarungen im Bewertungsausschuss getroffen haben. Verabredet wurde dabei, im G-BA bis Ende Juni 2013 die Richtlinien und das Gutachterverfahren weiterzuentwickeln. „Dabei sind insbesondere die Angemessenheit der unterschiedlichen Behandlungsdauern der Verfahren und das Verhältnis von Einzel- zu Gruppentherapie zu überprüfen“, heißt es in der Vereinbarung. „Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt“, kommentierte Mrazek.

Therapieumfang nicht nach ökonomischen Kriterien

In einer Resolution weist der Deutsche Psychotherapeutentag deshalb auf die Risiken hin, dass bei dieser Weiterentwicklung „ökonomische statt fachlicher Erwägungen eine vorrangige Rolle spielen könnten“. Der notwendige Umfang der Therapien habe sich nur an der Behandlungsindikation und dem Wohl der Patienten nach fachlichen und wissenschaftlichen Kriterien zu orientieren. Einschränkungen bei notwendigen Behandlungen lehnen die Delegierten entschieden ab.

Die Ergänzung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWO) war ein weiteres kontrovers diskutiertes Thema auf dem 21. DPT. Zum einen sollten die Delegierten über die Aufnahme der Gesprächspsychotherapie in die MWO entscheiden. Zum anderen sollten sie über einen Antrag abstimmen, der die Kommission Zusatzqualifizierung beauftragt, Bereiche zu identifizieren, die sich für die Weiterbildung in psychotherapeutischer Mitbehandlung bei körperlichen Erkrankungen eignen.

Gesprächspsychotherapie in die Weiterbildung

Dr. Bruno Waldvogel, Bayern, stellte zunächst den Regelungsentwurf für eine Weiterbildung in Gesprächspsychotherapie (GT) vor, mit dem die Kommission Zusatzqualifizierung beauftragt worden war. Er stellte noch einmal heraus, dass die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V. (GwG) das Vorhaben begrüßt. Im Gegensatz zur Deutschen Psychologischen Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie e.V., die keinen Nutzen in einer Weiterbildung in GT sieht, sondern argumentiert, dass dies die Zulassung als Richtlinienverfahren erschwere. Zur Erinnerung: Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat die GT bereits 2002 wissenschaftlich anerkannt; sozialrechtlich ist das Verfahren jedoch 2008 endgültig vor dem G-BA gescheitert.

Die Delegierten positionierten sich so kontrovers wie die Fachgesellschaften: Birgit Wiesenmüller aus Hessen und Vorstandsmitglied der GwG bezeichnete es als „Würdigung“ der Gesprächspsychotherapie, in die MWO aufgenommen zu werden. „Über 90 Prozent unserer Mitglieder haben für die Aufnahme gestimmt“, betonte sie. Dem Argument, dass doch die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie gerade eine einheitliche, die GT integrierende Zulassung als GKV-finanziertes Richtlinien-Verfahren anstrebt (siehe auch „Nicht sicher, wohin die Reise geht“, PP 11/2012), entgegnete Wiesenmüller: „Wir wissen nicht, wie lange sich das Anerkennungsverfahren hinzieht. Wir wollen auf mehreren Ebenen aktiv werden.“ Unterstützung erhielt sie unter anderem von Anni Michelmann, NRW,: „Wenn wir die GT nicht in die Weiterbildung aufnehmen, wird sie langfristig von der Bildfläche verschwinden.“ Denn eine vertiefte Ausbildung sei zwar – wie bei der systemischen Therapie – theoretisch möglich. Praktisch absolviere jedoch kaum noch jemand die Ausbildung, weil die Verfahren nicht GKV-finanziert sind.

Juliane Dürkop, Schleswig-Holstein, nach eigenem Bekunden seit 25 Jahren Mitglied der GwG, konterte: „Ich will keine Gleichschlechtbehandlung. Die GT muss Richtlinien-Verfahren werden.“ Auch Uschi Gersch, NRW, sprach sich gegen die Weiterbildung aus: „Es gibt dann zwei Klassen von Verfahren: Erste Klasse Richtlinien, zweite Klasse Weiterbildung.“ Die Delegierten waren schließlich doch vom Nutzen einer Weiterbildung in Gesprächspsychotherapie überzeugt und stimmten mehrheitlich für eine Ergänzung der MWO.

Warum eine Weiterbildung in begleitender Psychotherapie bei körperlichen Erkrankungen wichtig sei, begründete Antragsteller Dieter Best vor allem damit, dass Fortbildungen und Zusatzqualifikationen von den Ärzten weniger ernst genommen würden. „Das erlebe ich in Gesprächen in den Gremien der Selbstverwaltung immer wieder.“ Uschi Gersch entgegnete, dass es für sie selbstverständlich sei, sich in Bezug auf körperliche Erkrankungen fortzubilden. „Dieses systemimmanente Denken finde ich zwar verständlich, aber nicht für uns geeignet.“ Hans Bauer, Hessen, ist jedoch überzeugt: „Wir müssen uns der Systematik der Ärzte anpassen, um wahrgenommen zu werden.“ Das Argument, dass jede Weiterbildung grundsätzlich die Approbation entwerten könne, spielte diesmal fast keine Rolle mehr. Die Delegierten nahmen den Antrag mit 58 Ja- zu 20 Nein-Stimmen an, die Zusatzkommission zu beauftragen, Weiterbildungsgänge für diesen Bereich zu identifizieren.

Der 22. Deutsche Psychotherapeutentag findet am 20. April 2013 wieder in Berlin statt. Am Vortag erfolgt die jährliche Diotima-Preisverleihung, und am 18. April feiert die Bundes­psycho­therapeuten­kammer zehnjähriges Jubiläum.

Petra Bühring, Marc Meißner

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