ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2012Trauma und Würde: Hoffnung auf ein sicheres Leben

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Trauma und Würde: Hoffnung auf ein sicheres Leben

PP 11, Ausgabe Dezember 2012, Seite 552

Kattermann, Vera

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Der chinesische Dichter und Dissident Liao Yiwu erhält in Deutschland Anerkennung für seine literarische Leistung und wegen seines politischen und seelischen Widerstands. Die meisten anderen traumatisierten Flüchtlinge sind nicht willkommen.

Schlangestehen in der Kantine der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf, BayernFoto: dpa
Schlangestehen in der Kantine der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf, Bayern
Foto: dpa

Die fatale Legierung aus Wut und Ohnmacht. Die einen – zumindest in den Träumen – zum Terroristen machen könnte. Wäre da nicht dieses tiefe Gefühl der Schwäche, des Schon-zerbrochen-Seins. Liao Yiwu, der chinesische Schriftsteller und Dissident, schreibt dazu in einem Gedicht: „Du bist geboren mit der Seele eines Attentäters/ Aber wenn es Zeit ist für die Tat/ Bist Du verloren, tust nichts./ Du hast kein Schwert zu ziehen,/ Dein Körper, die Schwertscheide ist verrostet/ Deine Hände zittern/ Deine Knochen faulen/ Deine kurzsichtigen Augen taugen nicht für den Schuss.“

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Hartnäckiger Überlebenswille

Yiwu beschreibt hier ein Grundgefühl psychischer Traumatisierung, das Grundgefühl seiner Traumatisierung. Der chinesische Dichter, der nach der Veröffentlichung eines regimekritischen Gedichts anlässlich des Massakers am Tian-Men-Platz vier Jahre inhaftiert war, wurde im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet – eine wichtige Anerkennung für seinen außergewöhnlichen politischen Mut. Vielleicht ist es ein Mut, den er schon seit seiner Kindheit entwickeln musste, denn seine Familie wurde während der Kulturrevolution Repressionen ausgesetzt, die Eltern trennten sich, der kleine Junge wäre in der Folge beinahe verhungert.

Vielleicht entstand damals in ihm ein ebenso hartnäckiger wie widersprüchlicher Überlebenswille, geboren aus Ohnmacht und Wut? Yiwu jedenfalls überlebte sogar seine mehrjährige Haft. Und das „Überleben“ ist hier buchstäblich so gemeint, denn Yiwu wurde – weil er sich auch im Gefängnis nicht klaglos anzupassen und zu unterwerfen vermochte – brutaler Folter ausgesetzt. Zweimal schien die Ohnmacht zu siegen, zweimal versuchte er, sich das Leben zu nehmen – und überlebte doch. Nach der Haft zerbrach seine Ehe, viele Freunde distanzierten sich aus Angst vor politischer Repression, publizieren durfte er nicht mehr. Zum Extremtrauma der Gefängnisfolter summierte sich so der traumatische Verlust der sozialen Beziehungen, der Arbeit und schließlich auch der Heimat. 2008 wurde Yiwu als Stipendiat ins „Hotel Bleibtreu“ in Berlin eingeladen – hier konnte der Künstler einige Monate ungestört leben und arbeiten. Nach seiner Rückkehr nach China und erneuten Erfahrungen der Repression gelang ihm 2010 die Flucht aus seinem Heimatland. Heute lebt er im deutschen Exil, um Zeugnis abzulegen und die Erinnerung an die Verbrechen der chinesischen Regierung wachzuhalten.

Biografie der Folterungen

Seine scharfe und kritische Rede anlässlich des Friedenspreises wurde vom Publikum mit Ovationen gefeiert. Darin zeigte sich sicherlich auch das tiefe Erschrecken, das seine Biografie der Folterungen auslöst, ebenso wie die Bewunderung für die Widerstandskraft angesichts der zersetzenden Macht des Traumas. Die im stürmischen Applaus gebundene Anerkennung und Achtung seiner Leistung mag ein Versuch stellvertretender Wiedergutmachung des Publikums gewesen sein: Ob es nicht wenigstens im Ansatz die Entwürdigung und die erniedrigenden Qualen aufheben und vertreiben könnte? Der Preis und der Applaus galten neben dem Respekt für die literarische Leistung wohl auch Yiwus Rolle als eines Helden des politischen und seelischen Widerstands.

Liao Yiwu wurde im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Foto: dpa
Liao Yiwu wurde im Oktober mit dem Friedens­preis des Deutschen Buch­handels aus­gezeichnet. Foto: dpa

Eine Frage drängt sich in der Auseinandersetzung mit seinem Schicksal auf. Denn was ist eigentlich mit den anderen – denen, die sich aus ähnlichen Erlebnissen heraus nach Deutschland zu retten versuchen? Die aber keine Sprachmacht besitzen, keine einflussreichen Förderer, keine Hilfsstrukturen? Was ist mit denen, deren traumatische Erfahrungen nicht geglaubt und nicht anerkannt werden – vielleicht auch nur deswegen, weil es dafür keine Worte mehr geben kann? Da ist zum Beispiel M., ein 21-jähriger Flüchtling aus Afghanistan. Seine Familie wurde im Krieg erschossen, in Kabul wurde er vom Arbeitgeber sexuell missbraucht, und während seiner mühseligen Flucht nach Europa wurde er mehrfach traumatisiert. Im Asylverfahren vermochte er aus Scham nicht vom sexuellen Missbrauch zu berichten, der Asylantrag wurde abgelehnt, aktuell lebt M. illegal in Deutschland. Anders als Yiwu treffen ihn keine Blicke der Bewunderung und Anerkennung, er wird nicht als Held des Überlebens gesehen, sondern als Unwillkommener, der verschwinden soll. Sein Kampf um das Wiedergewinnen seiner Würde und Selbstachtung findet unter äußerst harschen Bedingungen statt.

Die gegenwärtige Asylsituation in Deutschland ist dilemmatischer Natur. Die Vorstellung eines freien Zuzugs ohne bürokratische Auflagen scheint utopisch fern, die Regelung und Verwaltung der Asylantragsverfahren scheinbar selbstverständliche Notwendigkeit. Aktuell steigen die Zahlen der Asylbewerber wieder sprunghaft an, in Berlin etwa hat sich ihre Zahl innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Wie lässt sich der Spagat aus Bürokratie und Einzelschicksal überbrücken? Lässt er sich überbrücken? Wie lässt sich im Rahmen eines bürokratischen Verfahrens den seelischen Wunden der traumatisierten Flüchtlinge gerecht werden? Im Antragsverfahren sieht sich der Antragsteller unter implizitem Verdacht von Lüge, Missbrauch und Betrug, seine Aussagen werden in Zweifel gezogen, seine Glaubwürdigkeit infrage gestellt. Welche Alternativen sind denkbar? Was wäre pragmatisch machbar? Es scheint, als werde implizit davon ausgegangen, der Bewerber wolle sich die Leistungen prinzipiell ungerechtfertigt erschleichen – und der Beweis des Gegenteils obliegt dem Traumatisierten – jenseits einer Würdigung seiner Scham, seiner Gebrochenheit, seiner Wut und seiner Ohnmacht. Vielmehr kumuliert sich das der Traumatisierung inhärente Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins in den Erfahrungen mit überforderten Asylbehörden und polizeilichen Kontrollen. Gerade das, was sich im Applaus für Yiwus künstlerisches Schaffen auch ausdrückt, nämlich der Versuch, ihm ein Gefühl der Würde und menschlicher Anerkennung zu verleihen, ist in der gängigen Asylpraxis auf den Kopf gestellt. Vielleicht müsste ein sorgfältiger Umgang mit der seelischen Gebrochenheit vieler Flüchtlinge damit beginnen, dass die Mitarbeiter der zuständigen Behörden unter ausreichend förderlichen Bedingungen arbeiten?

Ohnmacht und Wut

Der Berliner Abschiebegewahrsam ist im ehemaligen Frauengefängnis Köpenick-Grünau verortet – das Gebäude bildet den örtlichen Kristallisationspunkt für jene, die durch das Raster der Anerkennung als Asylflüchtlinge gefallen sind. Drei Fragen beschäftigen die Inhaftierten besonders und machen zusätzlich zur Fluchtgeschichte krank: Warum bin ich hier? Wie lange muss ich im Gefängnis bleiben? Was kommt danach? Es gibt keinen automatischen Rechtsbeistand wie in der Untersuchungs- oder Strafhaft. Lediglich ehrenamtlich führen Anwälte Beratungen durch, ein „Rechtshilfefonds“ hilft bei der Klärung der asylrechtlichen Situation. Und Seelsorger der evangelischen und katholischen Kirche fühlen sich nicht nur für die seelischen, sondern auch für die alltäglichen Anliegen der Insassen zuständig. „Hotel Köpenick“ hat jemand in einem Zimmer in großen Lettern als Wandgraffiti vermerkt und vier Sterne dazugemalt. Die Wiederherstellung von Würde im Angesicht von Ohnmacht und Wut gelingt manchmal am besten über den Witz. Ob M., der afghanische Flüchtling, bald „Stipendiat“ im Hotel Köpenick wird? Liao Yiwu ist aktuell Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und schreibt: „Ich bin jetzt in Freiheit, ich lebe hier, das ist alles, was ich will: In Freiheit leben und schreiben.“ Erstaunlich ähnlich beschreibt M. seine Hoffnung: „Das einzige, was ich mir wünsche, ist in Sicherheit zu leben, ein ganz normales Leben zu führen und zu arbeiten. Einfach nur wie alle anderen in meinem Alter auch.“

Dr. phil. Vera Kattermann

Spendenbitte

  • Evangelische Seelsorge in der Abschiebungshaft
    Verwendungszweck: Abschiebungshaft Berlin KKVA Berlin Süd-Ost, Konto: 160440, BLZ 100 602 37 – Evangelische Darlehensgenossenschaft
  • Verwendungszweck: Abschiebungshaft Eisenhüttenstadt KVA Frankfurt/Oder Konto: 778877, BLZ 210 602 37 – Evangelische Darlehensgenossenschaft
  • Jesuitenflüchtlingsdienst, Konto 6000401020, BLZ 370 601 93 – Pax-Bank eG
  • Rechtshilfefonds: Spenden über das Konto des Jesuiten-Flüchlingsdienstes
  • Weitere Informationen unter: http://seelsorge-in-abschiebehaft.de/ihr-engagement/

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