ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2012Psychotherapie im frühen Kindesalter: Möglichkeiten und Grenzen

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Psychotherapie im frühen Kindesalter: Möglichkeiten und Grenzen

PP 11, Ausgabe Dezember 2012, Seite 558

Sonnenmoser, Marion

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Erste Studien weisen darauf hin, dass Psychotherapie bei Kindern unter drei Jahren, die an Schlaf-, Schrei- und Fütterstörungen leiden, wirksam ist. Die Interventionen sollten möglichst auf die Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung abzielen.

Regulationsstörungen können Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen. Foto: picture alliance
Regulationsstörungen können Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen. Foto: picture alliance

Schreien, trotzen und nicht durchschlafen sind bei Kindern im Alter von null bis drei Jahren normal. In der Regel wird dieses Verhalten wieder vorbeigehen. Bleibt es jedoch über einen längeren Zeitraum bestehen oder überschreitet es das normale Maß, ist guter Rat teuer.

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Exzessives Schreien („Schreibabys“) zählt ebenso wie Fütter- und Gedeihstörungen, dauerhafte Ein- und Durchschlafprobleme, exzessives Klammern und starke Trennungsängste, heftiges Trotzen, aggressives Verhalten und Spielunlust zu den sogenannten Regulationsstörungen in der frühen Kindheit. Regulationsstörungen können verstanden werden als nicht gelungene Anpassungsprozesse und Entwicklungsaufgaben, die Kinder und Eltern normalerweise gemeinsam meistern. Sie weisen Prävalenzraten zwischen fünf und 20 Prozent auf, wobei ein Drittel dieser Störungen nicht von selbst abklingt. Prof. Dr. Manfred Cierpka vom Universitätsklinikum Heidelberg sagt: „Da Regulationsstörungen das Eltern-Kind-Verhältnis belasten, die Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen und die weitere Entwicklung des Kindes nachhaltig beeinträchtigen können, sollten sie sehr ernst genommen werden.“

Säuglinge und Kleinkinder zu behandeln, stellt eine besondere Herausforderung dar, weil diese sich noch nicht verbalisieren können und stark mit den Bezugspersonen verbunden sind. Die Behandlung bezieht daher nicht nur das Kind, sondern immer auch die primären Bezugspersonen sowie die Gestaltung der Interaktionen und der Beziehung zwischen beiden mit ein. Mittlerweile stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, um die familiäre Interaktion zu erfassen. Häufig zum Einsatz kommen beispielsweise Videoaufzeichnungen, die zur Verhaltensbeobachtung und anschließend zur gemeinsamen Analyse mit den Eltern dienen. Dies sensibilisiert sie für ihr eigenes Verhalten und erleichtert ihnen das Verständnis für die kindlichen Bedürfnisse.

Für die Behandlung von betroffenen Familien steht in Deutschland ein dreistufiges Versorgungskonzept zur Verfügung. Auf der untersten Stufe steht die Begleitung. Sie ist oft nur temporär notwendig und soll Familien in Krisen dabei helfen, Grundkenntnisse im Umgang mit dem Kind zu erwerben und den Alltag zu bewältigen. Begleitung kann bereits vor der Geburt beginnen und kann nach der Geburt unter anderem Elternschulung oder Betreuungsangebote beinhalten. Auf der zweiten Stufe steht die Beratung. Sie orientiert sich an der Entwicklungsphase des Kindes, ist meist fallbezogen und bezieht sich auf die Wahrnehmung und angemessene Interpretation kindlicher Signale durch die Eltern, auf adäquate Verhaltensweisen und auf die konkrete Lösung von Belastungssituationen. Bei vielen Familien sind nur einige wenige Sitzungen notwendig. Auf der dritten Stufe steht die Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen beziehungsweise Kleinkindern. Sie ist indiziert, wenn alle bisherigen Maßnahmen versagt haben und wenn eine kindliche Störung bereits lange andauert und mehrere Interaktions- und Regulationsbereiche umfasst. Auch wenn die Gefahr der Vernachlässigung und Misshandlung des Kindes besteht oder die elterliche Wahrnehmung des kindlichen Verhaltens deutlich beeinträchtigt oder verzerrt ist, sollte eine Psychotherapie angestrebt werden; liegen zudem gravierende Paarprobleme oder psychische Störungen der Eltern vor, sollte eine zusätzliche Einzel- oder Paartherapie erwogen werden.

Schnellstmögliche Stabilisierung des Kindes

Die Psychotherapie trägt dazu bei, die psychischen und somatisch-funktionellen Störungen des Kindes und die Qualität der Beziehung zwischen Kind und Bezugspersonen zu verbessern. Sie zielt darauf ab, das Kind so schnell wie möglich zu stabilisieren sowie die Wahrnehmung, die Einstellung und das Verhalten der Eltern gegenüber dem Kind zu ändern. Dazu werden zwei Ansätze (oft kombiniert) angewandt:

  • Ansätze, die auf das elterliche Verhalten fokussieren. Hier stehen die Interaktionen zwischen Eltern und Kind im Vordergrund. Das Verhalten der Eltern soll dahingehend verändert werden, dass dysfunktionale Interaktionen erkannt und vermieden werden und stattdessen förderliche Verhaltensweisen eingeübt werden.
  • Ansätze, die davon ausgehen, dass ungünstige Erfahrungen der Eltern in ihrer Herkunftsfamilie zu (meist unbewussten) Erwartungen, Einstellungen und Beziehungsmustern geführt haben, die die Beziehung zum Kind beeinträchtigen.

Das therapeutische Vorgehen kann (zum Beispiel bei exzessivem Schreien) vier Ebenen umfassen: erstens die somatische Ebene, bei der Infektionen, Verletzungen oder angeborene Intoleranzen festgestellt werden, die Ursachen für Regulationsstörungen sein können; zweitens die entwicklungsbezogene Ebene, bei der die körperliche und psychische Reife des Kindes untersucht wird; drittens die interaktions- und kommunikationszentrierte Ebene, bei der es darum geht, die Eltern im direkten Kontakt mit dem Kind für dessen Bedürfnisse zu sensibilisieren; viertens eine psychodynamisch oder psychoanalytisch orientierte Ebene, die beispielsweise auf biografische Erfahrungen und Belastungen aus den Herkunftsfamilien der Eltern, paar- und familiensystemische Aspekte, die psychosoziale Situation und Ressourcen der Familie sowie auf Gefühle und Empfindungen der Eltern eingeht. Den Eltern kann auf diese Weise vermittelt werden, dass ihre Sorgen und Belastungen ernst genommen werden und dass es gangbare Lösungen für ihr Problem gibt.

Eltern-Kleinkind-Psychotherapien werden von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiatern und Erwachsenenpsychotherapeuten im Rahmen der Regelversorgung und oft in Zusammenarbeit mit Kinderärzten oder Sozialarbeitern durchgeführt. Auch der Staat trägt seinen Teil bei, indem er verschiedene Programme initiiert und fördert, die dem Kindeswohl dienen (siehe Kasten und PP 3/2012: „Guter Start ins Kinderleben“). Daneben gibt es mehrere Hundert, teilweise spezialisierte Beratungsstellen. Ein Beispiel ist die Heidelberger „Interdisziplinäre Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern“. Diese Spezialambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg, die einem psychodynamisch-interaktionellen Ansatz folgt, hat sich darauf spezialisiert, Familien zu beraten und zu therapieren, deren Kinder Regulationsstörungen aufweisen. Allerdings werden deren Angebote zumeist von gebildeten, engagierten Eltern in Anspruch genommen, während psychosozial hochbelastete Familien kaum vorstellig werden. Daher wird beispielsweise mit dem Projekt „Keiner fällt durchs Netz“ zusätzlich versucht, besonders belastete Familien durch Hebammen frühzeitig zu unterstützen.

Die Erforschung der Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen beziehungsweise Kleinkindern ist noch ein relativ junges Gebiet, so dass Wirksamkeits- und Langzeitstudien bisher kaum durchgeführt wurden. Kasuistische Arbeiten, Einzelfall- und randomisierte und kontrollierte Studien weisen jedoch darauf hin, dass die meisten psychotherapeutischen Interventionen insgesamt wirksam sind und dass damit Schlaf-, Schrei- und Fütterstörungen bei einem leichten bis mittleren Schweregrad bei Eltern und Kind in fünf bis zehn Sitzungen gut behandelt werden können.

Weitere Forschung über Wirksamkeit ist wichtig

Günstig für den Therapieerfolg sind unter anderem eine relativ kurze Dauer und geringe Ausprägung der Verhaltensprobleme, die Anwesenheit des Vaters in den Behandlungen und eine geringe Ängstlichkeit der Mutter. Die empirische Forschung zeigte darüber hinaus, dass eine Intervention möglichst auf die Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung abzielen sollte. Momentan ist allerdings noch unklar, ob eher spezifische therapeutische Methoden oder Unspezifisches wie Zuwendung, Verständnis, Unterstützung, Einfühlsamkeit für die Wirksamkeit verantwortlich sind. Weitere Forschungsbemühen sollten sich solcher Fragen annehmen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Informationen im Internet

  • Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH): www.gaimh.de
  • World Association of Infant Mental Health (WAIMH): www.waimh.org
  • Interdisziplinäre Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Interdisziplinaere-Sprechstunde-fuer-Eltern-mit-Saeuglingen-und-Kleinkindern.101910.0.html
  • Projekt „Keiner fällt durchs Netz“: www.keinerfaelltdurchsnetz.de
  • Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH): www.fruehehilfen.de
1.
Cierpka M: Frühe Kindheit 0–3 Jahre. Heidelberg: Springer 2012.
2.
von Hofacker N, Lehmkuhl U, Resch F, Papousek M, Barth R, Jacubeit T: Regulationsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter (0–3 Jahre). In: DGKJP u.a. (Hrsg.), Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 2007: 357–78.
3.
Meysen T, Schönecker L, Kindler H: Frühe Hilfen im Kinderschutz. Rechtliche Rahmenbedingungen und Risikodiagnostik in der Kooperation von Gesundheits- und Jugendhilfe. Weinheim: Juventa 2009.
4.
von Wyl A, Watson M, Glanzmann R, von Klitzing K: Basler interdisziplinäre Sprechstunde für Eltern von Säuglingen und Kleinkindern. Praxis der Kinderpsychologie und -psychiatrie 2008; 3: 216–36.
1.Cierpka M: Frühe Kindheit 0–3 Jahre. Heidelberg: Springer 2012.
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