ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2012Pathologische Religiosität: Guter Überblick zur Aufklärung

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Pathologische Religiosität: Guter Überblick zur Aufklärung

PP 11, Ausgabe Dezember 2012, Seite 561

Moser, Tilmann

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Anhand dieses Buches wird auch dem sachkundigen Leser deutlich, wie umfangreich inzwischen das wissenschaftliche Schrifttum zu pathologischen Formen von Religion geworden ist. Es gibt einen guten kurzen Überblick zur Forschungslage und hilft auch dem interessierten Laien, sich über das Gebiet zu orientieren. Das explodierende Sektenwesen einschließlich pathologisch-selbstdestruktiver Extremformen wird deutlich, wobei die US- amerikanischen Untersuchungen der evangelikalen Bewegungen dominieren, die sich aber gut auf europäische Zusammenschlüsse anwenden lassen. Der spannende Bericht über eine therapeutische Forschungsarbeit an übrig gebliebenen Mitgliedern der berüchtigten chilenischen Colonia Dignidad ergänzt die theoretischen Arbeiten und gibt Einblick in eine diktatorisch geführte Glaubensgemeinschaft mit extremer Gewissenskontrolle durch einen umfassenden, gemeinschaftlich ausgeübten Beichtzwang.

Gemeinsame Kriterien von eng geführten Sekten sind folgende: die regressiven Tendenzen, die Behinderung von persönlicher Entwicklung, die narzisstische Überhöhung, die Entindividualisierung in der Gemeinschaft mit Zwangscharakter und strenge ritualisierte Rituale. Kommt noch eine idealisierte charismatische Führerfigur hinzu, meist der Gründer, entsteht eine Unausweichlichkeit der Bindung, ein Austritt ist tabuisiert, auch durch die Androhung von extremer Isolierung und potenziellem Untergang. Fast perfide sind die Immunisierungsstrategien nach außen zu nennen, die eine Orientierung an der allgemeinen sozialen Realität verhindern.

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Gerade hochreligiösen Menschen ist Ärger oder gar zornige Auflehnung gegen Gott schwer möglich, ebenso die gegen die indoktrinierenden Autoritäten, denen alle geistlichen Führungsaufgaben abgetreten werden. Gottesbilder werden „dämonisiert“, Schamgefühle verhindern Aussagen über innere Nöte, Therapie wird als negativ und antireligiös verurteilt. Was der theologisch-psychiatrische Leiter einer Klinik, Peter Kaiser, zur Ausbildung heutiger Psychiater sagt, und das gilt auch für die Ausbildung Psychologischer Psychotherapeuten, gilt nach wie vor und ist besorgniserregend: „So kann es nicht ohne Folgen bleiben, dass dem Thema Religion zumindest in Deutschland weder in der Ausbildung der Medizinstudenten noch in der Fachweiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie eine Bedeutung zugemessen wird.“

Das Sündengefühl ist für die meisten religiösen Störungen noch immer zentral. Sündig an diesem kleinen Buch ist einzig der Preis, der fast dazu geeignet ist, die Verbreitung seines aufklärerischen Inhalts zu behindern. Tilmann Moser

Michael Utsch (Hrsg.): Pathologische Religiosität. Genese, Beispiele, Behandlungsansätze. Kohlhammer, Stuttgart 2012, 148 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

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