ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2012Interview mit Dr. med. Manfred Georg Krukemeyer, Gesellschafter der Paracelsus-Kliniken: „Krankenhäuser gehören nicht an die Börse“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. med. Manfred Georg Krukemeyer, Gesellschafter der Paracelsus-Kliniken: „Krankenhäuser gehören nicht an die Börse“

Dtsch Arztebl 2012; 109(50): A-2520 / B-2062 / C-2018

Flintrop, Jens; Stüwe, Heinz

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne

Der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Klinikkette über die gescheiterte Großfusion von Helios und Rhön, die Mengendynamik in den Krankenhäusern und Bonuszahlungen an Chefärzte

Herr Dr. Krukemeyer, haben Sie eigentlich auch Anteile an der Rhön-Klinikum AG gekauft, damit die Übernahme durch Fresenius und somit auch die Fusion mit den Helios-Kliniken platzt?

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Krukemeyer: Nein (lacht).

Wie beurteilen Sie denn die aktuellen Vorgänge bei Ihrem Mitbewerber?

Krukemeyer: Rhön hat in den vergangenen 25 Jahren eine beachtliche Erfolgsgeschichte hingelegt. Und für eine optimale Patientenversorgung ist Wachstum generell der strategisch richtige Weg. Wenn jetzt aber zwei Gruppen – Helios und Rhön – fusionieren, stellt sich die Frage: Wem bringt das was? Den Patienten, den Ärzten oder nur den Aktionären? Ziel darf auf keinen Fall nur die Gewinnmaximierung für gierige Investmentbanker sein.

In Bezug auf eine gute Versorgung der Patienten gilt die Regel „Je größer, desto besser“ also nur bedingt?

Krukemeyer: Schiere Größe bringt nichts. Die Dosis macht es. Zwar können Sie bessere Einkaufsbedingungen aushandeln, wenn Sie groß sind, zum Beispiel bei den Medizinprodukten. Auch bei der Ärzte-Akquise ist ein Konzern im Vorteil, weil er in der Weiterbildung viele Rotationsmöglichkeiten bieten kann. Man muss aber die Vorteile gegen die Nachteile abwägen. Wenn ich einen Bandscheibenvorfall habe, dann kann ich zum Neurochirurgen gehen und mich operieren lassen. Das funktioniert einmal gut, zweimal gut. Aber irgendwann habe ich so viel Narbengewebe im Rücken, dass weitere Operationen schädlich werden. Genauso ist es mit der schieren Größe. Die Integration neuer Häuser in eine Gruppe ist immer eine Herausforderung.

Angesichts des Ärgers am Universitätsklinikum Gießen und Marburg wird diskutiert, ob die Krankenversorgung in privater in richtiger Hand ist. Schaden die Vorgänge bei Rhön der Branche?

Krukemeyer: Es ist ganz sicher nicht gut, wenn ein privater Unternehmer zwei Universitätsklinika übernimmt und dann damit scheitert. Und ja, das schadet der gesamten Branche. Jetzt heißt es doch: Die Privaten haben den Mund vollgenommen, können es aber auch nicht. Es ist wichtig, dass die Menschen, wenn sie in ein Krankenhaus kommen – egal ob kommunal, freigemeinnützig oder privat –, wissen: Hier werde ich optimal versorgt. Dieses Vertrauen muss wiederhergestellt werden.

Als privater Klinikbetreiber erzielen auch Sie Gewinne aus der Behandlung kranker Menschen.

Krukemeyer: Aber bei uns steht die Rendite nicht an oberster Stelle.

Das ist schön gesagt . . .

Krukemeyer: Nein. Als Gesellschafter leiste ich es mir beispielsweise, auch dann an einem Standort festzuhalten, wenn er vorübergehend nicht profitabel ist.

Ein Beispiel, bitte.

Krukemeyer: Wir sehen das gerade nördlich von Hamburg. In Henstedt-Ulzburg und Kaltenkirchen gab es jeweils ein marodes Krankenhaus, und allen war klar: Wir brauchen keine zwei Krankenhäuser. Wir entschieden uns, das neue State-of-the-art-Krankenhaus in Henstedt zu bauen und das Haus in Kaltenkirchen zu schließen. Der Ärger in Kaltenkirchen war so groß, dass die ärztlichen Zuweiser verkündeten, keine Patienten nach Henstedt zu schicken.

Das müssen Sie sich einmal vorstellen! Wir hatten für zwei Krankenhäuser kalkuliert, es kamen aber nur Patienten für eines. Das hat mich Millionen gekostet. Daraufhin wollten wir das Krankenhaus in Henstedt-Ulzburg verkaufen. Weil aber kein Kaufinteressent für den Fortbestand garantieren wollte, haben wir das dann doch nicht gemacht. Uns war der Fortbestand des Hauses wichtiger als die Rendite.

Und: Schreibt das Krankenhaus heute immer noch rote Zahlen?

Krukemeyer: Die Lage hat sich beruhigt, wir werden im nächsten Jahr die Verlustzone verlassen. Das Haus wird gut angenommen. Als börsennotiertes Unternehmen hätten wir uns das so nicht leisten können.

Ist ein Börsengang von Paracelsus denn definitiv ausgeschlossen? Was, wenn Sie dringend zusätzliches Kapital für Investitionen benötigen?

Krukemeyer: Ja, selbst für diesen Fall. Aber Investitionen sind ein wichtiges Stichwort: Die sind für die Krankenhäuser derzeit überlebenswichtig, weil die dualistische Finanzierung in einigen Bundesländern beendet wird. Wenn die Länder sich aber aus der Krankenhausfinanzierung verabschieden, dann tun sie das bewusst, weil sie wollen, dass der Markt sich selbst reguliert. Damit kommt die Privatisierungswelle erst so richtig ins Rollen.

Warum schließen Sie einen Börsengang so kategorisch aus?

Krukemeyer: Krankenhäuser gehören nicht an die Börse. Punkt. Ich kann nicht auf Dauer im Krankenhaus die Gewinne maximieren, wie es von den Aktionären erwartet wird. Wenn das möglich ist, ist unser System falsch. Dass es nicht funktioniert, lässt sich doch wunderbar an der vorerst gescheiterten Rhön-Übernahme demonstrieren. Bei einem Kaufpreis von drei Milliarden Euro muss man sich fragen: Wie soll das refinanziert werden? Wovon? Die Fallpauschalen decken die Kosten der Behandlung ab, nicht aber den Kapitaldienst.

Jetzt betrachten Sie die Krankenhausversorgung als öffentliche Daseinsvorsorge, die notfalls auch trotz Verlusten zu bezahlen ist. Investitionen müssen aber doch irgendwie verdient werden.

Krukemeyer: Die Ausgaben für die Instandhaltung und das medizinische Gerät eines Krankenhauses durchaus, aber nicht ein Kaufpreis von drei Milliarden Euro. Der hat mit Investitionen nichts zu tun.

Aber Ihre Investitionen sollen sich doch auch rentieren.

Krukemeyer: Die beinhalten aber auch noch Fördermittel vom Land. Am Neubau das Krankenhauses in Henstedt hat sich das Land beispielsweise mit 28 Millionen Euro beteiligt. Eine solche Summe kann ich mit dem Krankenhaus niemals refinanzieren. Bei Fresenius/Rhön liegt der Fall anders. Da sind zwei Krankenhausgruppen, die investieren, die ihre Förderanträge stellen, die ihre Kliniken führen. Und „on top“ müssen drei Milliarden refinanziert werden. Das funktioniert nicht. Das ist nur die Gier der Börse.

Wichtigstes Argument für einen Zusammenschluss von Helios und Rhön sind die Größenvorteile. Hat Paracelsus heute die richtige Größe?

Krukemeyer: Schwer zu sagen. Wir würden gerne wachsen, aber nur moderat, wenn es sich in die Gruppe integrieren lässt.

Wie muss man sich solche Übernahmeangebote vorstellen?

Krukemeyer: Wir erhalten wöchentlich zwei bis drei schriftliche Angebote, Krankenhäuser zu übernehmen, meist von Headhuntern, teilweise von Bürgermeistern, manchmal von Ärzten. Momentan ist es allerdings ruhiger geworden.

Und was steht in den Angeboten drin?

Krukemeyer: Bei kommunalen Häusern fragt der Stadtkämmerer in der Regel, wie viel man bereit ist zu zahlen. Der Bürgermeister betont, er wolle zwar verkaufen, bleibe aber im Aufsichtsrat. Die Chefärzte wollen wissen, wie viel wir in neue Geräte zu investieren bereit sind. Und die Arbeitnehmervertreter pochen darauf, dass niemand entlassen wird.

Dabei ist klar: Niemand gibt ein gut gehendes saniertes Haus ab, das ein klares medizinisches Konzept hat. Daher muss man mit allen Beteiligten reden: Lieber Chefarzt, vielleicht ist Ihr Gehalt zu hoch. Lieber Arbeitnehmervertreter, vielleicht seid ihr doch ein paar zu viele. Lieber Bürgermeister, vielleicht sollten Sie sich aus dem Krankenhausbereich raushalten. Wenn Sie die Beteiligten nicht von Ihrem Konzept überzeugen können, bekommen Sie wie in Marburg-Gießen 40 000 Unterschriften gegen den privaten Betreiber. Das ist heftig.

Im DRG-System scheint es Diagnosen zu geben, die besonders lukrativ sind: Knie-TEPs, Bandscheiben. Es soll Geschäftsführungen geben, die die Ärzte anweisen, hier im Zweifel zu operieren statt konservativ vorzugehen . . . 

Krukemeyer: Ja, es gibt Krankenhäuser, wo das geschieht. Aber auf längere Sicht kann man die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Die Krankenkassen müssen das nämlich bezahlen, und da gibt es schon ein Regulativ. Man kann allenfalls kurzfristig eine bestimmte Leistungsausweitung durchziehen und so mehr Gewinne machen, aber mittelfristig funktioniert das nicht. Grundsätzlich gilt der Krankenhausbedarfsplan.

Ein Beispiel: In Osnabrück haben zwei Krankenhäuser angefangen, neurochirurgische Leistungen zu erbringen, weil diese im DRG-System sehr gut bezahlt werden. Das war weder mit den Kassen noch mit dem Land abgestimmt. Die einzige Neurochirurgie in Osnabrück mit Versorgungsvertrag betreibt seit fast 40 Jahren Paracelsus. Wir haben das Gespräch mit dem Land und den Kassen gesucht. Die haben klargestellt, dass wir der einzige Versorger in diesem Bereich sind.

Im Blick auf die Mengendynamik im Krankenhaus wird viel über die Bonuszahlungen an Chefärzte diskutiert. Wie bewerten Sie persönlich diese Zahlungen?

Krukemeyer: Ich halte sie für gefährlich. Wir haben zwar auch mit allen leitenden Mitarbeitern Bonuszahlungen vereinbart, unsere Bonuszahlungen sind aber nicht direkt an einzelne Fallzahlentwicklungen gekoppelt.

Sondern?

Krukemeyer: Bei uns sind die Boni an das Gesamtbudget der Klinik gekoppelt. Das setzt beispielsweise einen Anreiz, sich bei den zuweisenden Ärzten vorzustellen. Es darf aber natürlich kein Geld für die Zuweisung gezahlt werden. Das wäre Wettbewerbsverzerrung.

Das Interview führten Jens Flintrop und Heinz Stüwe.

Zur Person

Welcher Chef einer privaten Klinikkette würde wohl ein Buch „dem unbekannten Arzt, der in selbstloser, stiller Arbeit die Lehren der großen Ärzte verwirklicht“ widmen? Dr. med. Manfred Georg Krukemeyer (51) hat das getan. Der Inhaber der Paracelsus-Kliniken, die mit 311 Millionen Euro Umsatz und circa 5 000 Beschäftigten zu den zehn größten privaten Krankenhausbetreibern Deutschlands gehören, ist vor allem Arzt geblieben. Der Facharzt für Chirurgie, hervorgetreten auch mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wirbt in dem angesprochenen Buch (Kultur der Medizin, Stuttgart 2011) für eine ethische Fundierung der ärztlichen Arbeit und geißelt „die zunehmende Geschäftemacherei im Gesundheitswesen“. Dabei macht auch Paracelsus Gewinn, zuletzt knapp acht Prozent des Umsatzes. „Das Geld, das wir verdienen, soll unseren Patienten zugutekommen“, bekräftigte Krukemeyer beim Besuch des Deutschen Ärzteblatts in Köln. Zu der von seinem Vater 1968 gegründeten Gruppe gehören mehr als 40 Einrichtungen an 22 Standorten, darunter 17 Akutkrankenhäuser und elf Rehakliniken. Firmensitz ist Osnabrück.

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