ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2012Arzneimittel: Falsche Anreize

POLITIK

Arzneimittel: Falsche Anreize

Dtsch Arztebl 2012; 109(50): A-2512 / B-2057 / C-2013

Osterloh, Falk

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50 bis 100 Millionen Menschen erkranken pro Jahr weltweit am Dengue-Fieber, schätzt die Welt­gesund­heits­organi­sation. Ein Arzneimittel zur Behandlung der Tropenkrankheit gibt es nicht. Foto: dpa
50 bis 100 Millionen Menschen erkranken pro Jahr weltweit am Dengue-Fieber, schätzt die Welt­gesund­heits­organisation. Ein Arznei­mittel zur Behandlung der Tropen­krankheit gibt es nicht. Foto: dpa

Patentrechte und Rabattverträge haben etwas gemeinsam: Sie setzen falsche Anreize mit der Folge, dass in armen Ländern und in deutschen Krankenhäusern Medikamente fehlen.

Lange Zeit war es das Problem der anderen. In Entwicklungs- und Schwellenländern gehört Arzneimittelknappheit zum Alltag. Doch inzwischen fehlen auch in deutschen Krankenhausapotheken zunehmend wichtige Medikamente. Generika zur Therapie von Krebs oder Infektionen beispielsweise, die stets selbstverständlich zur Verfügung standen, sind heute mancherorts nur noch mit Mühe zu bekommen – wenn überhaupt. Doch das ist erst der Anfang. „Wenn sich an den Ursachen für die Lieferengpässe nichts ändert, müssen wir bald auch in Deutschland mit einer Verschlechterung der Patientenversorgung rechnen“, sagt der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig.

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Es geht ums Geld

Experten machen unter anderem die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern für die jüngsten Probleme verantwortlich. Diese Verträge haben einen enormen Preiswettbewerb entfacht, vor dessen Folgen die Generikahersteller nicht müde werden zu warnen. Denn wenn sich die Produktion eines Generikums nicht mehr lohnt, weil die Gewinnmargen zu klein werden, wird der Hersteller erwägen, es nicht mehr herzustellen oder das Geschäft gleich ganz einstellen. Schließen die Krankenkassen dann auch noch Exklusivverträge mit einzelnen Herstellern, kann es bei Produktionsausfällen schnell zu Versorgungsengpässen kommen. Aktuelles Beispiel Novartis: Als das Unternehmen Ende Oktober zwei Grippeimpfstoffe zurückziehen musste, sah sich die Konkurrenz nicht in der Lage, die Lücke zu füllen.

Eine weit größere Dimension hat der Mangel an Medikamenten in armen Ländern. Denn für viele Tropenkrankheiten gibt es bis heute keine wirksamen Arzneimittel. „Gegen Leishmaniose zum Beispiel oder gegen Dengue-Fieber stehen auch im 21. Jahrhundert noch keine Medikamente zur Verfügung“, sagte der parlamentarische Staatssekretär im Bun­des­for­schungs­minis­terium, Dr. med. Helge Braun, beim Forum „Menschenrecht auf Gesundheit und Patentschutz – ein Widerspruch?“ des Deutschen Ethikrats Ende November in Berlin. Der Grund: Das geltende Patentrecht fördert die Orientierung am wirtschaftlichen Erfolg und nicht die am medizinischen Bedarf. Oder, wie Dr. med. Cornelius Erbe vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) erklärte: „Für Pharmafirmen gibt es keinen Anreiz, etwas zu entwickeln, für das es keinen Return gibt.“

Das Problem ist nicht neu. „Seit vielen Jahren schon wissen wir, dass sich nur zehn Prozent der Forschung mit 90 Prozent der weltweiten Gesundheitsprobleme befasst“, erklärte Prof. Dr. Albrecht Jahn von der Universität Heidelberg. Das liege nicht nur daran, dass sich die Hersteller in armen Ländern ihre Investitionen nicht zurückholen könnten. Es gebe auch bestimmte Erkrankungen, für die sich Forschung finanziell nicht lohne. Beispiel Infektionen: Bringe ein Unternehmen ein neues Antibiotikum auf den Markt, sei das ausschließlich für die Fälle reserviert, in denen alle übrigen Antibiotika versagten. Das Marktpotenzial sei entsprechend gering. Jahns Fazit: „Der klassische Mechanismus funktioniert nicht mehr.“

Ergebnisse in 15 Jahren

Wie löst man das Problem? Das Forschungsministerium sucht derzeit Partneruniversitäten in Afrika, in denen mit deutscher Hilfe Medikamente gegen Tropenkrankheiten erforscht werden sollen. Aber: „Das geht nicht schnell“, sagte Braun. Mit ersten Ergebnissen rechnet er in 15 Jahren.

„Wir richten uns nach den Anreizen im System aus“, betonte vfa-Vertreter Erbe. „Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir das System ändern.“ Man müsse nicht gleich die Systemfrage stellen, konterte Dr. med. Christiane Fischer von der BUKO-Pharma-Kampagne. „Wir müssen einfach die Pharmaindustrie mehr regulieren.“ Die Politik müsse der Pharmaindustrie vorgeben, welche Arzneimittel sie erforschen soll.

Und in Deutschland? Auf dem Generikamarkt gelten die Rabattverträge als Erfolgsgeschichte, weil die Krankenkassen mit ihnen Milliarden sparen. Der Wettbewerb richtet sich jedoch ausschließlich am Preis aus. Wer am billigsten ist, bekommt den Zuschlag. Das sind zwar klare Anreize, vielleicht aber ja die falschen.

Falk Osterloh

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