ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2012Von schräg unten: Frohe Weihnachten!

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Frohe Weihnachten!

Dtsch Arztebl 2012; 109(51-52): [52]

Böhmeke, Thomas

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Das Jahr ist abgeschilfert wie das Endothel des Gastrointestinaltrakts, jeder freut sich auf die besinnlichen Tage im Kreise der Liebsten, um das Weihnachtsfest im Glanz von Christbaumschmuck und Kerzen zu feiern, die innere Wärme spenden wie die Kontrastmittelinjektion zur Darstellung der linken Herzkammer. Ja, es gilt, den Zusammenhalt der Familie zu stärken, gleich dem Knochenzement einer Endoprothese! Dafür sind die Geschenke gedacht, die jedes Jahr die familiäre irreversible Rezeptorbindung bekräftigen. Hier bin ich ganz in meinem Element, denn wer ist wirklich befähigt, die wunderbarsten Wünsche, die tiefsten Träume, die subtile Sehnsucht seiner Mitmenschen durch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit proliferieren zu lassen als ein Arzt, der tagtäglich damit beschäftigt ist, in die Ventrikel und Vorhöfe zu schauen, sei es auch mit einem 3,5-Megahertz-Schallkopf?

Weihnachten ist mein Fest der Liebe, das ich mit der gleichen Hingabe begehe wie das Ausfüllen von Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen. Daher nehme ich mir Zeit und Muße, um allen ein unvergessliches Fest zu bereiten. Als Erstes prüfe ich, ob ich genügend Brandsalbe für jeden Einzelnen habe. Denn die bereits oben angeführte Kerze könnte bei unsachgemäßem Einsatz zum Wohnungsbrand führen. Darüber werden sich alle freuen, auch über das inhalative Kortikoid, das ich dazulege, falls die Stimmung zu ersticken droht. Danach gilt es, die Protonenpumpen meiner Liebsten umfassend zu hemmen. Denn die festliche Versorgung mit gesättigten Fettsäuren und Alkoholen darf nicht zu sehr auf den Magen schlagen. Sicherheitshalber drapiere ich noch etwas Magaldrat und einen Histaminzeptorantagonisten um den Protonenpumpeninhibitor, sollten diese den Beschenkten übel aufstoßen.

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Aber Weihnachten ist leider auch der jährliche Höhepunkt von Familienstreitigkeiten. Obwohl wir uns untereinander bestens verstehen, gilt es, prophylaktisch in allen denkbaren Richtungen vorzusorgen. Eine verkrampfte Atmosphäre kann ich durch den Einsatz von Benzodiazepinen lösen, wirken diese doch antikonvulsiv. Dysphorische Episoden begegne ich durch den Einsatz von SSRI, falls einem Familienmitglied der Sympathikus durchgeht, so blockiere ich vorsorglich alle Betarezeptoren. Ich kann nicht umhin zuzugeben, dass ich dieses Jahr wieder an alles gedacht habe, und kann es kaum erwarten, all die glücklichen Gesichter zu sehen, strahlend vor Freude angesichts der Fülle von außerordentlichen Arzneien, superben Salben und himmlischen Heilmitteln.

Ich habe meinen Gabentisch gedeckt, alle dürfen kommen und sich mit mir freuen, und Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, darf ich glückliche Festtage wünschen! Ihr Thomas Böhmeke

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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