ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2012Behandlungsfehler: Die Angst vor der Schuld

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Behandlungsfehler: Die Angst vor der Schuld

Dtsch Arztebl 2012; 109(51-52): A-2574 / B-2112 / C-2064

Protschka, Johanna

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Nicht nur für Patienten kann ein Behandlungsfehler eine Katastrophe bedeuten. Auch Ärzte sind nach einem Vorfall großen emotionalen und psychischen Belastungen ausgesetzt: Sie werden zum zweiten Opfer.

Foto: picture alliance
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Eine Geschichte, wie aus einem Alptraum: Eine 27-jährige Ärztin absolviert in einem Kölner Krankenhaus einen 24-Stunden-Dienst – zum Abschluss einer 62-Stunden-Woche. Erschöpft und allein auf der Station, verwechselt die Assistenzärztin zwei Blutkonserven und gibt einem an Leberzirrhose leidenden Patienten die falsche. Obwohl die Ärztin den Irrtum bemerkt und die Transfusion stoppt, kann das Leben des Mannes nicht mehr gerettet werden. So geschehen im Sommer 2011.

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Die Medizinerin saß, so berichtete der „Kölner Stadt-Anzeiger“, ein knappes Jahr später weinend bei der Urteilsverkündung im Amtsgericht. Sie wurde zwar wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen, aber nicht bestraft. Es war auch eine Botschaft an das betreffende Krankenhaus, dem der Richter in seinem Urteil ein hohes Maß an Organisationsverschulden vorwarf. Er zeigte Verständnis für die junge Frau, der ein nicht mehr gutzumachender Fehler unterlaufen ist und die mit diesem Bewusstsein nun weiterleben muss. Wen die meiste Schuld trifft – Krankenhaus oder Ärztin –, gibt reichlich Stoff zur Diskussion. Leben mit der individuellen Last der Schuldgefühle muss nach diesem Vorfall vor allem aber die junge Ärztin.

Wachsende Ansprüche und ökonomischer Druck

Mit dem Bericht des US Institutes of Medicine aus dem Jahr 2000, der unter dem Titel „To Err is Human: Building a Safer Health System“ veröffentlich wurde, begann eine öffentliche Diskussion um das bis dahin wenig beachtete Thema „Tod nach ärztlichen Behandlungsfehlern“. Nach Angaben des Instituts sind in den USA beinahe 100 000 Todesfälle jährlich auf Behandlungsfehler zurückzuführen, was die Forderung nach mehr Patientensicherheit und der Erforschung der Ursachen auch über die Grenzen der USA hinaus nach sich zog (1).

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In Deutschland ist dieses Thema aktuell mit dem von der Bundesregierung initiierten Patientenrechtegesetz wieder in die Öffentlichkeit geraten. Der Patient hat nun das Recht, auf Nachfrage über eventuelle Fehler informiert zu werden. Zudem gibt es zahlreiche Artikel darüber, wie Patienten nach einem Behandlungsfehler weiterleben, welches Schicksal auf ihnen lastet und welche Möglichkeiten der „Wiedergutmachung“ sie haben. „Der Spiegel“ titelte Ende November: „Pfuscher oder Retter? Wie Patienten den richtigen Arzt finden.“ Ein Zeichen dafür, dass Ärzte längst nicht mehr von der Bevölkerung und den Medien als „Halbgötter in Weiß“ wahrgenommen werden.

Medizinisches Personal ist einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt. Es sieht sich, anders als in den meisten anderen Berufen, immer wieder mit der Verantwortung für Menschenleben konfrontiert. Die Ansprüche der Patienten an die Medizin wachsen, gleichzeitig erhöht sich der ökonomische Druck. Wenn etwas schiefgeht, dann bezahlen die Patienten das im schlimmsten Fall mit ihrem Leben. Ärzte bezahlen für ihre Fehler aber ebenso, auch wenn die Fehler aus einer Verkettung unglücklicher Umstände entstehen, und zwar mit ihrer psychischen und emotionalen Gesundheit.

Vor allem für junge Ärzte, die zum ersten Mal mit einem eigenverschuldeten Behandlungsfehler konfrontiert werden, ist es wichtig, mit ihren Zweifeln und Verunsicherungen nicht alleingelassen zu werden. Sie sind besonders gefährdet, schwerwiegende psychische Belastungen nach einem Behandlungsfehler zu entwickeln (2).

Der Arzt als „second victim“ eines Behandlungsfehlers

Albert Wu, Professor an der Johns-Hopkins-Universität Baltimore, hat dazu den Ausdruck vom Arzt als zweites Opfer („second victim“) geprägt. Der Patient, dem ein Schaden durch den Behandlungsfehler entstanden ist, gilt als erstes Opfer, („first victim“). Der Arzt als Verursacher oder als jener, der sich schuldig fühlt, läuft Gefahr, ohne emotionale Hilfestellung psychisch Schaden zu nehmen. Wu beobachtete selbst, wie ein junger Kollege, der einen Herzbeutelerguss nicht erkannte, von seinem ärztlichen Umfeld als inkompetent abgeurteilt wurde, was den Jungmediziner so verunsicherte und emotional stark belastete, dass er nur mit Mühe weiterarbeiten konnte. Ein Erlebnis, das nachhaltig prägen kann.

David Schwappach, Gesundheitsökonom und Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit in Zürich, untersuchte die psychischen und körperlichen Auswirkungen von Fehlerereignissen auf die behandelnden Ärzte und zeigte auf, dass vor allem Reue, Verzweiflung, Schuldgefühle und das Gefühl von Unzulänglichkeit die Betroffenen quälten. Eine Studie aus Nordamerika belegte zudem, dass 61 Prozent der befragten Ärzte, die in Fehlerereignisse involviert waren, eine stärkere Angst als vorher haben, Fehler zu begehen. 44 Prozent büßten das Vertrauen in ihre ärztlichen Fähigkeiten ein, und 42 Prozent litten unter schwerwiegenden Schlafproblemen (3). Das Risiko, nach der Involvierung in einen Behandlungsfehler oder einen Beinahe-Behandlungsfehler einen Burn-out oder eine Depression zu entwickeln, steigt rapide. Der Arzt gerät nach einem Zwischenfall leicht in einen Teufelskreis aus Schuldgefühlen und Versagensängsten.

Prof. Dr. med. Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, die unter anderem Ärzte mit psychischen Erkrankungen behandeln, sieht insbesondere einen Grundkonflikt vieler Ärzte in ihrer eigenen Leistungserwartung: „Die eigenen Ansprüche nicht erfüllen zu können, führt zu einer hohen Erschöpfung, die Fehler wiederum begünstigt.“ In einer Therapie dürfe der Arzt auch wieder Mensch sein, mit all seiner Fehlbarkeit und seinen Schuldgefühlen. Es seien ja nicht nur die „großen“, schwerwiegenden Fehler, die in einem Arzt Zweifel auslösen könnten. Es seien auch die kleinen, weniger gravierenden Fehler, die irgendwann bei einem Arzt Unsicherheiten aufkommen ließen. Im stressigen Alltag entwickle sich eine Daueranspannung, die dazu führe, dass der Arzt nicht mehr abschalten könne. Allabendliches Grübeln darüber, ob der Patient nun richtig behandelt wurde oder etwas übersehen wurde, seien klassische Motoren für eine Depression oder Angststörung.

Nicht nur deshalb müsse das Schweigen in den Krankenhäusern selbst gebrochen werden, meint dazu Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer und Gründungsmitglied des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. „Das oberste Ziel auf dem Weg zu mehr Patientensicherheit ist eine Fehlerkultur, in der der Arzt keine Angst hat zu sagen, wenn etwas schief- oder beinahe schiefgegangen ist“, sagt der Chirurg. Er selbst hat einen eigenen Behandlungsfehler 2008 in der Broschüre „Aus Fehlern lernen“ des Aktionsbündnisses Patientensicherheit zugegeben. Er verabreichte einer Patientin Penicillin, ohne sich vorher zu vergewissern, ob diese dagegen allergisch ist. Sie war es, und Jonitz gelobte, sich nie wieder zu unnötiger Eile verleiten zu lassen. Erster Ansprechpartner nach einem Vorfall sollte seiner Ansicht nach der nächste vorgesetzte Arzt beziehungsweise der Stationsarzt sein. Ein guter Vorgesetzter könne einen Kollegen in solch einer Situation am besten auffangen. Jonitz gibt auch zu bedenken, dass die meisten Fehler in der Regel glimpflich ausgehen: „Die Hauptmasse von unerwünschten Ereignissen, wie man das ja nennt, haben keine schwerwiegenden oder spürbaren Folgen für den Patienten.“ Ein offener Umgang mit Fehlern sei deshalb ein wichtiger Schritt zu einer guten Fehler- und damit Sicherheitskultur.

Abgesehen davon fragen sich viele Ärzte nach einem Vorfall: Sollte ich mich überhaupt bei einem Patienten entschuldigen? Rechtlich nicht immer einfach zu beantworten, obwohl das für Arzt und Patient ein wichtiger Aspekt ist. Wer sich schuldig fühlt, der entwickelt wahrscheinlich auch irgendwann das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, und möchte die Last der Schuld loswerden. Der Leitfaden „Reden ist Gold“ des Aktionsbündnisses für Patientensicherheit – ein gemeinnütziger Verein, der aus Vertretern von Verbänden, Fachgesellschaften und Krankenkassen besteht – versucht, für den Arzt Klarheit zu schaffen, und gibt Vorschläge und Anleitung für die Kommunikation mit dem Patienten und den Angehörigen nach einem Zwischenfall.

Die Medizin präsentiert sich im Studium als unfehlbar

Ein weiteres Problem sieht Dr. med. Carola Seifart, Mitarbeiterin in der Geschäftsführung der Ethikkommission des Fachbereichs Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg, darin, dass Ärzte schlecht auf die Konfrontation mit eigenen Fehlern vorbereitet sind. Sie sieht den Ursprung dieses Defizits bereits im Studium: „Während des Studiums präsentiert sich das medizinische Handeln scheinbar fehlerfrei und folgt vermeintlich einer ungeheuren Präzision.“ (4) In ihrem wissenschaftlichen Beitrag „Unbeachtete innere Hürden eines effizienten Fehlermanagements: Der individuelle Umgang mit Behandlungsfehlern im Krankenhaus?“ vertritt sie die Ansicht, dass es in der klinischen Medizin durch einen Unfehlbarkeitsanspruch keinen Platz für Fehler gibt, was auch eine offene Kommunikation verhindert. Es werde bereits der Gedanke, Ärzte würden natürlicherweise Fehler machen, schlichtweg nicht zugelassen.

Doch wenn das so ist, dann scheint es umso verständlicher, dass das Eingeständnis eines Fehlers vor Kollegen und Patienten großen Mut erfordert und sich Schuldgefühle meist mit den Ängsten vor einer Ausgrenzung paaren. Andererseits: Fehler lassen sich nie gänzlich vermeiden.

Dieser Meinung ist Dr. Kurt W. Schmidt vom Zentrum für Ethik in der Medizin am Agaplesion-Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main. Der Theologe ist Mitherausgeber des Tagungsbandes „Zum Umgang mit Behandlungsfehlern“, in dem ethische, rechtliche und psychosoziale Aspekte zu diesem Themengebiet von Nachwuchswissenschaftlern aufgearbeitet wurden. Die zunehmend etablierten Fehlermeldesysteme der Krankenhäuser seien ungemein wichtig und notwendig, sagt Schmidt, doch sieht er eine Gefahr darin, dass in einer einseitigen Fehlervermeidungsstrategie die Regelungen für einen angemessenen Umgang mit erfolgten Fehlern vernachlässigt würden: „Besonders wichtig ist es, Strukturen in Krankenhäusern zu schaffen, die auch den Ärzten nach dem Schock eines Fehlers ein Weiterleben ermöglichen“, meint Schmidt. Es gehe nicht darum, den Arzt aus seiner Verantwortung zu entlassen, aber die psychische und emotionale Belastung, nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Arzt, könne so hoch sein, dass Hilfe dringend notwendig sei. Fehler dürften natürlich nicht bagatellisiert werden, fügt Schmidt hinzu, obwohl das mitunter auch vorkomme: „Aber der Arzt ist eben immer noch Mensch.“ Deshalb gebe es auch Ärzte, die sich schuldig fühlten, obwohl sie in manchen Situationen gar keine oder kaum Schuld treffe.

Foto: dapd
Foto: dapd

Darüber hinaus wünscht sich Schmidt, dass Krankenhäuser einen strukturierten Plan für das Vorgehen nach einem Fehlerereignis bereitstellen. Dass dies noch nicht der Fall ist, lässt sich an den Ergebnissen der Befragungsstudie zum Einführungsstand von klinischem Risikomanagement (kRM) in deutschen Krankenhäusern ablesen. Dr. med. Jörg Lauterberg, dem Verfasser der Studie, beantworteten 484 Krankenhäuser im Jahr 2010 Fragen zu ihren Strukturen und Prozessen in diesem Bereich. Zwar gaben drei Viertel der befragten Krankenhäuser an, es existierten bereits Fallkonferenzen oder Besprechungen, in denen kritische Vorfälle, Schäden, Komplikationen und Fehler zum Thema gemacht würden, doch ließen, sagt Lauterberg, die detaillierten Angaben zu diesen Besprechungen in Bezug auf Regelmäßigkeit und Systematisierungsgrad „Optimie- rungsbedarf erkennen“. Immerhin halten es mehr als 50 Prozent der Krankenhäuser für nötig, zur Optimierung des kRM klarer definierte interne Ansprechpersonen zu benennen.

Jonitz attestiert den Krankenhäusern diesbezüglich noch großen Handlungsbedarf: „Morbiditäts- und Mortalitätskonferenz finden in vielen Krankenhäusern aus Zeitmangel kaum noch statt.“ Wichtig sei vor allem, diese Konferenzen am Tagesgeschehen orientiert zu gestalten, so dass sie tatsächlich einen Nutzen für die Ärzte hätten.

Schuldgefühle und Scham haben aber auch eine positive Seite. Obwohl sie für den Betreffenden negativ besetzt sind, sind sie doch ein Beweis dafür, dass die Person ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein besitzt. Der Soziologe Michael Rosentreter bezeichnet in seinem Aufsatz „Der persönliche Umgang mit Fehlern im Krankenhaus“, Reue, Frustration und Schuldgefühle als adäquate Reaktionen „zur Gewährleistung von Funktionalität und Fortentwicklung sozialer Gefüge“. Denn nur wer Schuld empfindet, ist sich eines Fehlers bewusst. Scham als eine emotionale Reaktion sollte nach Ansicht Rosentreters zur Selbstreflektion und Verhaltensänderung motivieren.

Ärztekammerpräsident Jonitz sieht das ähnlich. Sich schuldig fühlen und schuldig sein, seien überdies zwei unterschiedliche Paar Stiefel. „Es ist ein Zeichen persönlicher Ehre, wenn sich jemand verantwortlich oder schuldig fühlt, wenn etwas schiefgelaufen ist.“ Ein Arzt habe ja auch den Beruf ergriffen, um Verantwortung zu übernehmen und nicht, um sie abzulegen. Inwiefern ein Mediziner aber tatsächlich die alleinige Schuld für einen Fehler trage, stehe auf einem anderen Blatt.

Die junge Assistenzärztin aus der Kölner Klinik wollte sich im Nachhinein nicht zu dem tragischen Ereignis äußern. Vielleicht ist es noch zu früh, um in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. In dem Urteil vom Mai hieß es, dass das Krankenhaus seit dem Vorfall eine Reihe von Veränderungen durchgesetzt und Fehlerquellen abgestellt habe. Die Geschäftsführung des Krankenhauses wollte sich auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes nicht dazu äußern, um welche Veränderungen es sich konkret handelt.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2012; 109(51–52): A 2574–8

Anschrift der Verfasserin
Johanna Protschka, Redaktion Deutsches Ärzteblatt, Ottostraße 12, 50859 Köln

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5112

Assistenzärztin

33 Jahre, Innere Medizin
33 Jahre, Innere Medizin

„Ich bin erst seit kurzem im Beruf und habe deshalb noch keinen so langen Erfahrungsschatz. Ich wache aber schon ab und zu nachts auf und denke über meine Patienten nach. Wenn man nach Hause geht, dann fragt man sich auch manchmal: Hätte ich diese oder jene Untersuchung noch machen oder vielleicht die Blutwerte noch einmal kontrollieren sollen? Es hilft mir dann besonders, wenn ich mit Kollegen darüber sprechen kann. Wahrscheinlich bin ich jetzt zu Beginn doch noch etwas „übervorsichtig“. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir im Studium das Thema „Umgang mit Behandlungsfehlern“ durchgenommen haben, wenn, dann nur am Rande. Dass meine Entscheidungen weitreichende Konsequenzen haben können, war mir aber relativ früh klar, da ich schon als Rettungsassistentin gearbeitet habe. Allerdings hatte ich damals auch immer die Möglichkeit, einen Arzt hinzuzurufen. Heute bin ich diejenige, die gefragt wird, welches Medikament der Patient bekommen soll.“

assistenzarzt

32 Jahre, Chirurgie/ Kinderchirurgie
32 Jahre, Chirurgie/ Kinder­chirurgie

„Ich habe meine Ausbildung zunächst in der Onkologie begonnen. Das erste Mal, dass mir wirklich bewusst wurde, dass mein Handeln weitreichende Konsequenzen haben kann, war gleich an meinem ersten Tag als Assistenzarzt: Da unterlief dem Kollegen auf Station eine Paravasation eines Chemotherapeutikums. Die Patientin trug Hautnekrosen davon. Im ersten Jahr starb während einer meiner Dienste ein Patient, weil wir eine kalte Sepsis bei einem immunsupprimierten Patienten zu spät erkannten und therapierten. Es folgten etliche schlaflose Nächte und Zweifel an der Berufswahl. Das größte Fehlerpotenzial bergen meiner Meinung nach erstmalig oder selten durchgeführte Prozeduren. Das alte Motto „see one, do one, teach one“ wird vielen Situationen nicht gerecht. Bei fehlender Erfahrung ist es nur eine Frage der Zeit, bis Fehler passieren.“

Fachärztin

36 Jahre, Pädiatrie
36 Jahre, Pädiatrie

„Ich habe Medizin aus idealistischen Gründen studiert. Dass ich mit meiner Arbeit anderen Menschen helfen kann, hat für mich eine große Rolle gespielt. Mir war bewusst, dass die ärztliche Tätigkeit ein hohes Maß an Verantwortung mit sich bringt. Das tatsächliche Ausmaß wurde mir jedoch erstmalig bei meinen Nachtschichten als Jungstudentin im Krankenhaus klar: Da habe ich bei den ersten Reanimationen helfen müssen, was mich damals einfach noch überfordert hat. Ein Alptraum war es auch während der Weiterbildung, als sich die Beatmung eines zehn Monate alten Kindes auf der Intensivstation nicht bewerkstelligen ließ. Trotz mehrfacher Nachfragen bekam ich keine Hilfe, und in mir stieg Panik auf. Als der Oberarzt nach einer gefühlten Ewigkeit endlich doch noch kam und das Kind schließlich beamtet war, hat mich das im Nachhinein aber noch sehr mitgenommen. Seither habe ich Nachtdienste, in denen ich ganz alleine auf Station war, sehr ungern gemacht. Dinge, die mich belasten, erzähle ich zwar meiner engsten Familie, doch in manchen Situationen wünscht man sich zum Austausch doch lieber einen Mediziner. Der kann in der Regel besser nachvollziehen, wie man sich fühlt.“

Assistenzärztin

32 Jahre, Viszeralchirurgie
32 Jahre, Viszeral­chirurgie

„An der Uni gab es kein Seminar oder Ähnliches, das einen auf die Möglichkeit und den Umgang mit Behandlungsfehlern vorbereitet hätte. Man sollte den Studierenden klarmachen, dass sie alles, was sie tun, mit Ruhe und Sorgfalt tun sollten, auch wenn der Zeitdruck im Arbeitsalltag riesengroß ist. Man arbeitet später oft so routiniert, doch muss man sich immer wieder klarmachen: Gerade die Routinefehler können weitreichende Folgen für den Patienten haben. Schlaflose Nächte hatte ich, nachdem ich bei einer Gallenblasen-OP um ein Haar die falsche Struktur durchgeschnitten hätte. So etwas kann unglaublich viele Komplikationen nach sich ziehen. Da hab ich mich schon gefragt: Halten meine Nerven eigentlich den Dauerstress aus? Bin ich vielleicht zu dünnhäutig? Ich hatte auch das Gefühl, dass dieses Thema bei den Kollegen sehr unbeliebt ist, nach dem Motto: Lieber weit von sich wegschieben, als sich damit auseinandersetzen. “

video.aerzteblatt.de

Ärztinnen und Ärzte haben eine große Verantwortung. Jeder Fehler kann im schlimmsten Fall tödliche Folgen haben. Dürfen aber Mediziner keine Fehler machen? Und was sollen sie tun, um Fehler zu vermeiden? Das Deutsche Ärzteblatt hat dazu Passanten in Berlin befragt.
Die Video-Umfrage im Internet: www.aerzteblatt.de/video52736

1.
Seifart C (2012): Unbeachtete „innere“ Hürden eines effizienten Fehlermanagements: der individuelle Umgang mit Behandlungsfehlern im Krankenhaus? In: Kurt W. Schmidt et al. (Hg): Zum Umgang mit Behandlungsfehlern. (Organisations-)Ethische, rechtliche und psychosoziale Aspekte. Tagungsband der ELSA-Klausurwoche 2012. S. 89–104.
2.
Rosentreter M (2012): Der persönliche Umgang mit Fehlern im Krankenhaus – Aspekte der sozialen Wahrnehmung und Patientensicherheit. In: Kurt W. Schmidt et al. (Hg): Zum Umgang mit Behandlungsfehlern. (Organisations-)Ethische, rechtliche und psychosoziale Aspekte. Tagungsband der ELSA-Klausurwoche 2012. S. 105–26.
3.
Rosentreter M 2012. S. 113.
4.
Seifart C 2012. S. 100.
1. Seifart C (2012): Unbeachtete „innere“ Hürden eines effizienten Fehlermanagements: der individuelle Umgang mit Behandlungsfehlern im Krankenhaus? In: Kurt W. Schmidt et al. (Hg): Zum Umgang mit Behandlungsfehlern. (Organisations-)Ethische, rechtliche und psychosoziale Aspekte. Tagungsband der ELSA-Klausurwoche 2012. S. 89–104.
2.Rosentreter M (2012): Der persönliche Umgang mit Fehlern im Krankenhaus – Aspekte der sozialen Wahrnehmung und Patientensicherheit. In: Kurt W. Schmidt et al. (Hg): Zum Umgang mit Behandlungsfehlern. (Organisations-)Ethische, rechtliche und psychosoziale Aspekte. Tagungsband der ELSA-Klausurwoche 2012. S. 105–26.
3. Rosentreter M 2012. S. 113.
4. Seifart C 2012. S. 100.

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Azzam
am Dienstag, 25. Dezember 2012, 15:06

wir dürfen keinen Fehler machen?

Seit 1995 niedergelassen als Hausarzt. Über die "Überbelastung jeglicher Art möchte ich nicht berichten. Es ist selbstverständlich geworden eine Leistung zu erbringen, die muss aber auch perfekt und die beste sein.Der Beruf ist so schön, wenn manches nicht da wäre!! Es ist Alles so kompliziert geworden. Der Arzt muss sich mittlerweile vielleicht nach jedem zweiten Satz vergewissern, dass der Patient Alles verstanden hat, am besten sogar unterschreiben lassen...Das System ist in meinen Augen Krank. In einem Altenheim "arbeiten " verschiedene Fachrichtungen zusammen oder auch nicht.Nach einem "Unfall" an einer Patientin, die MTX mehrere Tage erhielt statt 1x pro Woche, steckst Du als Behandler mittendrin, nichtwissend warum?..Ach so ..doch ..du bist der Arzt, der MTX angeordnet hat , und die liebe Schwester, die auch extrem überlastet ist-lies ihre Azubi dran, vergass aber bei der Übertragung den Zusatz 1x pro Woche, obwohl schon bekannt...auch Anrufe danach brachten Nichts...Dein Unterschrift ist dort und die Schwster befolgte Deine Anordnung nicht..warum wohl??..Unterbelegung?Stress?Du unterschreibst, gleichzeitig korrigierst, dann musst Du zu einem anderen Patient, und die Praxis wartet noch im Nacken.........Die liebe Schwester hat Dene "Bitte" ignoriert und vielleicht doch vergessen..dachte Tage danach auch nicht dran....was machst Du?..Jetzt bist Du plötzlich berühmt bei der KRIPO....Du bekommst Schuldgefühle?Angst? bin ich jetzt Schuld ??warum..??was hätte man machen müssen..zwanzig Mal nachfragen, ob sie meine Bitte befolgte..???da fehlt die Zeit für alle beteiligte.......Natürlich hat die alte Patientin gelitten, zum Glück überlebt, soll auch bekommen was ihr zusteht..das wird sie auch.......wer nimmt mir aber die schwarze Wolke weg, die seit fast einem Jahr unser Leben stört.....wohlwissend ich habe doch mein bestes getan.....liebe Schwester!!! oh Stop.....ich wollte Dir auch keinen Vorwurf machen.......aber die Wahrheit muss doch gesagt werden, auch wenn was schiefgelaufen ist..so können wir besser miteinander das ganze überleben.

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