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Pflegekammern: Kein Allheilmittel

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-1 / B-1 / C-1

Hibbeler, Birgit

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Wenn man Pflegekräfte fragt, was sie an ihrer Arbeit stört, dann lautet die Antwort oft „mangelnde Wertschätzung“. Nicht die Arbeitsbelastung wird von vielen als Hauptproblem empfunden, sondern der eigene Stellenwert. Das zeigen Umfragen. Insofern ist es nicht weiter erstaunlich, dass Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats, von einem „historischen Durchbruch“ sprach, nachdem der Landtag in Kiel beschlossen hatte: In Schleswig-Holstein soll es künftig eine Pflegekammer geben. Die Landesregierung soll ein entsprechendes Gesetz vorbereiten. Damit ist Schleswig-Holstein das erste Bundesland, das diesen Weg geht.

Viele Pflegekräfte und allen voran ihre Verbandsvertreter knüpfen große Hoffnungen an eine Kammer. Sie wünschen sich eine schlagkräftigere Interessenvertretung und eine Aufwertung ihres Berufs. Wohl auch angesichts des Fachkräftemangels trifft die Forderung bei Politikern zunehmend auf Gehör. Initiativen für eine Pflegekammer gibt es in mehreren Bundesländern. Wenige Tage nach dem Beschluss des Kieler Landtages kündigte die rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer (SPD) an, im ersten Quartal 2013 sollten alle Pflegekräfte in ihrem Bundesland zu einer Verkammerung befragt werden. In Bayern hatten sich Politiker der CSU das Thema auf die Fahnen geschrieben. Eine Entscheidung steht allerdings noch aus.

Für das Anliegen der Pflege muss man Verständnis haben. Es ist das Recht jeder Berufsgruppe, sich für die eigenen Belange einzusetzen. Doch braucht man dafür eine Kammer? Sicher nicht. Wenn es um die Durchsetzung von Forderungen geht, spielen auch Berufsverbände und Gewerkschaften eine Rolle. Kammern sind kein Allheilmittel, und vor allem kein Selbstzweck. Zunächst einmal sind sie Körperschaften des öffentlichen Rechts, die einen gesetzlichen Auftrag haben.

Dass Berufsgruppen wie Rechtsanwälte und Ärzte verkammert sind, hat gute Gründe. Es handelt sich um Berufsgruppen, die eine besondere Verantwortung tragen. Der Stellenwert ihrer Aufgaben ist hoch, ebenso wie ihre fachliche Kompetenz. Es sind „freie Berufe“, die eigenverantwortlich agieren. In ihrem Handeln sollen sie unabhängig von der Weisung Dritter sein. Sie sind dem Wohl ihrer Klienten beziehungsweise Patienten verpflichtet. Der Staat gibt ihnen dabei einen Vertrauensvorschuss und gesteht ihnen besondere Rechte zu. Ein Beispiel: Welche Qualifikationen ein Facharzt für Chirurgie haben muss, entscheidet nicht das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, sondern die Ärzte selbst. Doch wer Rechte hat, der hat auch Pflichten. Die Erwartungen des Staates und der Bürger an die Berufsgruppen sind hoch. So geben sich Ärzte und Rechtsanwälte einen Verhaltenskodex, eine Berufsordnung. Sie treffen damit Regelungen, die über zivil- und strafrechtliche Vorgaben hinausgehen.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Die Gegner der Pflegekammern haben oft simple Beweggründe: Die Pflege soll nicht an Einfluss gewinnen. Die Gegner – das sind Vertreter anderer Berufsgruppen im Gesundheitswesen und Arbeitgeber. Vorbehalte gegen die Pflegekammern kommen aber insbesondere auch aus der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die einen Machtverlust fürchtet. Völlig unabhängig davon, muss man aber ganz sachlich fragen: Erfüllt die Pflege die Kriterien für einen freien Beruf? Allein die Tatsache das man einen Beruf aufwerten will, reicht als Argument für eine Kammer nicht aus.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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Wertschätzerin
am Samstag, 19. Januar 2013, 18:50

Mangelnde Wertschätzung im Artikel für die Pflegenden

Sehr geehrte Frau Dr. Hibbeler!
Wie eingangs in Ihrem Artikel genannt geht es um Wertschätzung der Pflegefachkräfte. Jedoch lese ich hier keine Wertschätzung von Ihnen gegenüber den Pflegefachkräften. Schade, dass Sie hier nicht den Anfang gemacht haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Kolleginnen und Kollegen die gleiche Meinung wie Sie vertreten. Auch ich empfinde Ihre Recherche als sehr lückenhaft und oberflächlich. In unserem Gesundheitssystem kommt keiner ohne den anderen aus. Ich frage mich ernstlich, wie sie auf die Idee kommen, dass nur die Berufe die schon verkammert sind herausragend sein sollen. Die Pflege ist genauso herausragend wichtig für unsere Gesellschaft, wie das medizinische Fachwissen, denn ohne Pflege keine adäquate Gesundheit!
Corinna Seegert, Krankenschwester, Betriebswirtin, Qualitätsauditorin und Pflegeberaterin (wenn auch ohne Doktorarbeit)
docdrive
am Donnerstag, 17. Januar 2013, 13:01

Mangelhafter Artikel, der allenfalls journalistischen Ansprüchen genügt. Schade.

Sehr geehrte Frau Dr. Hibbeler!
Ihre Frage nach den "freien Berufen" ist sehr einfach und nicht sachdienlich. Ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Selbstverwaltung eines Berufsstandes, der direkt mit und am schutzbefohlenen Patienten arbeitet, eine Frage von Begrifflichkeiten? Dann sage ich Ärzte, wie auch Pflegende gehören zu den Heilberufen. Es gibt ja auch die Heilberufe-Kammergesetze. Und die heißen bestimmt aus guten Grunde so. Um aber sachlicher zu werden. Wie viele aktiv Pflegende gibt es in Deutschland mit welchen Qualifikationen? Wer überwacht dieses? Es wird nur die Prüfung überwacht, aber es gibt sicher etliche, die nicht mehr im geprüften Beruf arbeiten. Warum hat das europäische Ausland seit 90 Jahren Pflegekammern? Großbritannien, Gibraltar, Zypern, Polen, Slowenien, Spanien, Portugal, Italien, Irland, Malta u.s.w.
Auch der Stellenwert und die fachliche Qualifikation der Pflegenden ist hoch. Nicht umsonst gibt es den Substitutionsversuch im Modellvorhaben nach §63c SGB V. Es wird Zeit, dass sich die Ärzteschaft hinter die Pflegenden stellt und die Verkammerung einfordert! Haben Sie von der Gewalt in der Pflege gehört? Wer verhindert eine weitere Pflegehandlung dieser Person in einem neuen Wirkungskreis. Wer schützt bisher Patientinnen und Patienten vor weiteren Übergriffen? Wer die Arbeitgeber, die nichts von ihrer gewaltbereiten Pflegekraft wissen? Eine Pflichtregistrierung aller beruflich pflegender in Deutschland ist wichtig, vor allem um Überblick zu gewinnen, wer mit welcher Qualifikation wo pflegt. Der demographische Wandel wird uns noch lehren, dass Überblick Voraussetzung zur ökonomischen Organisation ist. Verdi täte gut daran auch zu unterstützen, denn die Ärztekammer hat aufgabentechnisch auch nicht viel mit dem Marburger Bund zu tun. Wenn Sie mich fragen, es wird ohnehin zu einer Pflegekammer kommen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Denn nun mal so gefragt: Was genaus pricht dagegen?
Christian Albers, Student Pflege- und Gesundheitsmanagement, Bremen
meoquanee
am Donnerstag, 10. Januar 2013, 09:42

Recherche?

Bei der Errichtung der Pflegekammer geht es nicht nur, wie der Konsens dieses Artikels ist, um die Aufwertung der Pflege. Ebenso wie bei der Ärztekammer geht es um hoheitliche Aufgaben. Und auch ebenso um Pflegeethik und Berufsordnung. Die Ziele der Pflegekammer werden schon lange von Berufsverbänden; DPR und Landespflegräten dargestellt und auch veröffentlicht. Sich nun ein einzelnes Argument zu wählen und einen Artikel in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen, empfinde ich als mangelhafte Recherchearbeit.
Marika Lázár, Studentin Pflgemanagement

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