KULTUR

Edouard Séguin: Ein spezielles Training gegen die Isolation

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-38 / B-36 / C-36

Goddemeier, Christof

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Der Arzt gilt als Begründer einer wissenschaftlichen Pädagogik geistig behinderter Menschen.

Illustration: Elke R. Steiner
Illustration: Elke R. Steiner

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts waren der Wahnsinn und das, was man Schwachsinn, Blödheit und Idiotie nannte, nicht klar voneinander abgegrenzt. Die „Idiotie“ sah man als Krankheit von Kindern, die Demenz dagegen als Erkrankung fortgeschrittenen Alters. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts definiert Jean Esquirol „Idiotie“ als „Zustand, in dem die intellectuellen Fähigkeiten nie bestanden, oder sich nicht genug haben entwickeln können“, und macht damit das Fehlen einer Entwicklung zum wesentlichen Unterscheidungsmerkmal zwischen „Idiotie“ und Wahnsinn. Dabei fasst er „Idiotie“ nicht mehr als Krankheit auf, hält sie jedoch für unheilbar.

In seiner „physiologischen Erziehung“ führt der französische Arzt Edouard Séguin (1812–1880) Einflüsse aus Philosophie, Pädagogik, Medizin, Psychologie und dem „traitement moral“ zusammen. Während seines Studiums setzt er sich mit seinen Lehrern Esquirol und Jean Itard auseinander. Itards gescheiterter Versuch, einen isoliert lebenden „Wilden“ zur Zivilisation zu erziehen, ist für Séguin Anregung und Ansporn. Beharrlich widmet er sich der Behandlung von Menschen mit angeborener Intelligenzminderung. Er fasst „Idiotie“ als Entwicklungsstillstand auf und unterscheidet sie von geistiger Retardierung, bei der die Betroffenen sich lediglich langsamer entwickeln. Mit Bezug auf François Leurets Definition des Wahnsinns als Irrtum oder Täuschung ist für Séguin klar, dass man Wahnsinn und „Idiotie“ nicht verwechseln kann. Denn der „Idiot“ könne sich nicht irren, weil er nichts wisse. Bei der geistigen Zurückgebliebenheit sind ihm zufolge die drei Hauptlebensäußerungen Aktivität, Intelligenz und Willen beeinträchtigt: Nichtkönnen (physiologisch), Nichtwissen (intellektuell) und Nichtwollen (psychisch). Die Betroffenen sieht Séguin als „in unvollkommene Organe eingeschlossene Seele(n)“. In seiner Bedeutung von „eigentümlich, isoliert, allein“ sagt der Begriff „Idiotie“ vor allem etwas über ihre Isolation und ihren Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe. Diese Isolation lässt sich nach Séguin durch ein spezielles Training bessern, das alle Körperfunktionen einbezieht. Eine Heilung im kurativen Sinn hält auch er nicht für möglich. Doch seine „physiologische Erziehung“ ermöglicht den Betroffenen eine soziale Existenz. Laut Séguin ist der „Idiot“, der innerhalb der Gesellschaft eine nützliche Aufgabe erfüllt, „geheilt“, selbst wenn er die Intelligenznorm nicht erreicht. Denn dann ist er nicht mehr „idios, solitarius, seul“.

Um 1850 wandert Séguin mit seiner Frau und seinem Sohn in die USA aus. Er vermittelt Ärzten wie Hervey Wilbur seine Methode des individuellen Unterrichts und der physiologischen Erziehung, berät und hilft bei der Organisation. Das Pilotprojekt einer „experimental school“ zeigt ermutigende Ergebnisse, 1854 wird diese Schule als dauerhafte Einrichtung von New York nach Syracuse verlegt. 1880, zwei Monate vor Séguins Tod, nimmt die „Seguin Physiological School“ in Orange, New York, ihre Tätigkeit auf. Seine Witwe führt die Schule in seinem Sinn weiter.

Séguins Einfluss zeigte sich vor allem in romanischen und angloamerikanischen Ländern, weniger in Deutschland. Maria Montessori etwa richtete ihr Hauptaugenmerk auf den pädagogischen Anteil und wandte Séguins System später auch bei der Erziehung nichtbehinderter Kinder an.

Christof Goddemeier

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