ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2013Bedarfsplanung: Genauerer Blick auf die Versorgung

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Bedarfsplanung: Genauerer Blick auf die Versorgung

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-11 / B-9 / C-9

Rieser, Sabine

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Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat es geschafft: Die neue Richtlinie ist zum Jahresende fertiggestellt. Nun muss sie sich 2013 in der Praxis bewähren.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat am 20. Dezember, wie angestrebt, neue Regeln für die Zulassung von niedergelassenen Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten verabschiedet. Grundlage für die neue Bedarfsplanungs-Richtlinie war eine rasche Einigung zwischen Vertretern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-Spitzenverbands in diesem Gremium. Vertreter der Deutschen Krankenhausgesellschaft lehnten die neue Richtlinie ab, in erster Linie wegen der vollständigen Planung für sämtliche Arztgruppen.

„Heute haben wir ein wichtiges Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht“, sagte Regina Feldmann, KBV-Vorstand. „Es freut mich sehr, dass wir dadurch die wohnortnahe Versorgung der Patienten perspektivisch weiter verbessern werden.“ Feldmann verwies darauf, dass es bei der neuen Bedarfsplanung um eine bessere Verteilung der Ärzte und Psychotherapeuten im Land gehe. Neu sei nicht nur, dass alle Arztgruppen einer Planung unterlägen. Auch würden Mitversorgereffekte berücksichtigt, beispielsweise welche Rolle die Stadt bei der Versorgung des eher ländlich geprägten Umlands spielt.

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3 000 Hausarzt-Sitze mehr

Der GKV-Spitzenverband zeigte sich ebenfalls zufrieden. Eine bessere Planung allein schaffe allerdings noch keine bessere Versorgung, sagte der Vorstandsvorsitzende Johann-Magnus von Stackelberg: „Jetzt ist es wichtig, dass der Hausarzt innerhalb der Ärzteschaft aufgewertet wird. Gerade angehende Mediziner müssen davon überzeugt werden, sich für den Hausarztberuf zu entscheiden.“

Bundesweit ergeben sich als Folge der neuen Planung etwa 3 000 freie Praxissitze für Hausärztinnen und Hausärzte (inklusive der heute unbesetzten), rund 400 für Fachärzte und knapp 1 400 Sitze für Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer bezeichnete diese Angabe allerdings als „Mogelpackung für psychisch kranke Menschen“. „Statt zusätzliche Praxen zu schaffen, kann ab 2013 die Anzahl der Psychotherapeuten um über 6 000 sinken“, kritisierte Kammerpräsident Prof. Dr. Rainer Richter. Seine Begründung: Aktuell seien rund 21 600 Psychotherapeuten niedergelassen. Wenn sich zusätzlich circa 1 300 niederlassen dürften, gäbe es 22 900 Praxen. „Tatsächlich rechnet der G-BA mit den Zahlen von 1999, als in Deutschland nur knapp 13 800 Psychotherapeuten niedergelassen waren. Der G-BA plant deshalb mit rund 15 100 Praxen“, monierte Richter. „Wir fordern, dass tatsächlich 1 300 Praxen zusätzlich zu den bereits existierenden geschaffen werden.“

In der letzten Sitzung des G-BA im Jahr 2012 gab es gleichwohl viel Lob dafür, dass die Richtlinie, wie vom Gesetzgeber gewünscht, zum 1. Januar in Kraft treten kann. Doch auch weitere Kritik am neuen Regelwerk wurde geäußert. Vor allem die Patientenvertreter zeigten sich enttäuscht. Sie kritisierten unter anderem, dass die Morbidität der Patienten und sozioökonomische Faktoren keine ausreichende Rolle spielten. Patientenvertreterin Ursula Faubel monierte zudem, dass bei der möglichen Niederlassung von Fachärzten „immer noch die städtischen Regionen bevorteilt“ werden.

Sofern das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium die Richtlinie genehmigt, tritt sie zum 1. Januar 2012 in Kraft. Dann bleiben den regionalen Gremien auf der Landesebene sechs Monate, um die neuen Vorgaben umzusetzen. Ein ausführlicher Bericht folgt in einer der nächsten Ausgaben.

Sabine Rieser

Die WICHTIGSTEN ÄNDERUNGEN

  • Die bisherige Bedarfsplanung sollte eine „Ärzteschwemme“ verhindern. Die neue Bedarfsplanung soll sicherstellen, dass die Bevölkerung in ganz Deutschland gleichmäßig und bedarfsgerecht ambulant versorgt wird.
  • In Zukunft werden alle Facharztgruppen in die Bedarfsplanung einbezogen, das heißt in ihren Zulassungsmöglichkeiten begrenzt.
  • Ermächtigte Ärzte und ermächtigte Einrichtungen werden ebenfalls in die neue Planung einbezogen. Bisher spielten sie bei der Ermittlung des Versorgungsbedarfs keine Rolle.
  • Die einzelnen Facharztgruppen werden vier Ebenen zugeordnet: a) der hausärztlichen Versorgung, b) der allgemeinen fachärztlichen Versorgung, c) der spezialisierten fachärztlichen Versorgung und d) der gesonderten fachärztlichen Versorgung. Zu b) zählen Kinderärzte, Augenärzte, Chirurgen, Hautärzte, HNO-Ärzte, Nervenärzte, Orthopäden, Psychotherapeuten, Urologen, zu c) Anästhesisten, Fachinternisten und Kinder- und Jugendpsychiater.
  • Für die einzelnen Ebenen gilt: je spezialisierter die Gruppe, desto größer der Bereich, in dem geplant wird. Neuer Planungsbereich für die Hausärzte ist beispielsweise der Mittelbereich. Eine angemessene Versorgung gilt als gegeben, wenn für 1 671 Einwohner ein Hausarzt zur Verfügung steht.
  • Auf Landesebene kann von den Vorgaben der Richtlinie abgewichen werden, wenn es Gründe gibt. Beispiel: Es leben dort besonders viele alte Menschen, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Faktoren wie eine Insellage spielen eine Rolle.

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