ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2013Börsebius: Wüst & nicht rot

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Börsebius: Wüst & nicht rot

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-42 / B-38 / C-38

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Die Bausparkasse Wüstenrot kenne ich schon von Kindesbeinen an, und ich hatte, wie vermutlich tausend andere, immer ein gutes Gefühl bei diesem bisher hoch angesehenen Haus. Wie gesagt, hatte, denn in den Medien kochte dieser Tage eine – eigentlich unfassbare – Geschichte hoch. Unter dem internen, also nur für die Vertriebsmitarbeiter des Hauses gedachten Kodenamen „Kampf um Gold“ sollten die Außendienstler ihre Kunden aus hochverzinsten Altverträgen herauslocken.

Dabei legte die Wüstenrot ihre Leimruten besonders infam aus. „Möchten Sie sich oder Ihren Lieben zu Weihnachten eine ganz besondere Freude bereiten? Oder dem kalten Winter in die Sonne entfliehen? Mit 622,13 Euro zusätzlichem Weihnachtsgeld lässt sich einiges anfangen“, schrieb die Bausparkasse Hunderttausenden ihrer Kunden, und zusätzlich hockten viele Vertreter bei den Leuten zu Hause im Wohnzimmer, um für die Vertragsumstellung zu trommeln. Wie zu hören ist, fiel ein Großteil der so Verführten auf die Offerte herein mit der Folge deutlich schlechterer Vertragsbeziehungen. Den Kunden entgingen durch diesen schlechten Deal teilweise mehrere Tausend Euro. Für die Wüstenrot und ihre Berater war das offenbar alles ein tolles Geschäft, für das Renommee des Hauses allerdings verheerend. So gesehen natürlich auch furchtbar kurzsichtig.

Bevor nun tout le monde über die Wüstenrot herfällt: Bei den anderen Bausparkassen gab und gibt es laut Zeitschrift „Finanztest“ offenbar ähnliche Aktivitäten, und auch sonst berichten mir immer wieder Leser von mehr oder weniger penetranten Versuchen ihres Bankberaters, ihnen ein für sie schlechtes Produkt anzudrehen. Mich persönlich ärgert etwa ganz besonders, wenn manche Geldhäuser vermeintlich hochinteressante Aktienanleihen unters Volk bringen, was in meinen Augen ziemlicher Müll ist.

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Das Fazit ist also so ernüchternd wie real. Viele Banken und Finanzdienstleister haben keineswegs das Wohl ihrer Klientel im Auge, sondern nur den eigenen Profit. Bei dieser oftmals wüsten Abzockerei werden die Herrschaften nicht einmal rot. Wie denn auch, es funktioniert ja oft genug.

Vermutlich ist es auch nur ein frommer Wunsch, dass auf der Anbieterseite für das eben begonnene neue Jahr bessere Vorsätze zu Nutz und Frommen der Kunden gefasst wurden, das mag für einige wenige kundenorientierte Anlageberater zutreffen, die es – so hoffe ich sehr – trotz aller Schlechtigkeit dieser Welt doch noch gibt.

Aber ich fürchte andererseits auch, dass an Silvester bei den meisten Anlegern halt genügend anderes auf dem Vorsatzzettel stand als der, sich im neuen Jahr nicht mehr allzu blauäugig auf Hochglanzprospekte zu verlassen oder auf gut dotierte Renditeversprechungen parteiischer Berater hereinzufallen. Den Vorsatz nachzuholen, lohnt aber auch noch ein paar Wochen später. Und ist gleichwohl dringend geboten, 2013 soll schließlich kein Annus horribilis werden. Bloß nicht.

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