ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2013Finanzierung der Weiterbildung: Ein System kollabiert

THEMEN DER ZEIT

Finanzierung der Weiterbildung: Ein System kollabiert

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-21 / B-19 / C-19

Hahnenkamp, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp
Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp

Der ärztlichen Weiterbildung kommt aus zwei Gründen eine Schlüsselposition im Gesundheitssystem zu: Erstens beeinflussen Güte und Attraktivität der Weiterbildung maßgeblich die Entscheidung der Berufsanfänger, ob sie überhaupt in der Krankenversorgung arbeiten wollen, und wenn ja, in welchem Fachgebiet. Zweitens kann nur durch ausgezeichnete Weiterbildung ein hohes Niveau an Versorgungsqualität und Patientensicherheit gewährleistet werden.

Die Rahmenbedingungen für die Weiterbildung haben sich enorm verändert. Dem Überangebot von Ärzten in der Vergangenheit folgte der Ärztemangel. Dazu kommt, dass die Krankenversorgung unter den Medizinstudierenden einen eher schlechten Ruf genießt (1). Junge Ärzte haben nach dem Studium einen hohen Anspruch an die Vermittlung von Fachkompetenz; der früher übliche „Sprung ins kalte Wasser“ wird heute nicht mehr akzeptiert. Die Qualität der Weiterbildung und die Ausgewogenheit von Beruf und Freizeit spielen bei der Berufs- und Stellenwahl eine entscheidende Rolle (13).

Anzeige

Auch die Finanzierung der Krankenversorgung hat sich grundlegend geändert. Die Umstellung auf ein Fallpauschalensystem führt dazu, dass sich die Krankenhäuser verstärkt an ökonomischen Zielen ausrichten. Ärztliche Weiterbildung stellt dabei einen Kostenfaktor dar: Sie bedeutet weniger Patientenkontakte pro Arzt, mehr Diagnostik, längere Operationszeiten sowie Doppelstrukturen für Supervision und Dienste (46). Durch die Straffung der Prozesse verschwindet disponierbare Zeit, die zuvor ungeplant Möglichkeiten zur Weiterbildung ließ. Weil diese Zeiten aber niemals transparent abgebildet waren, wurden sie im Rahmen der Arbeitsverdichtung „wegrationalisiert“.

Eine Erhebung unter 1 814 Ärzten in Weiterbildung im Fach Anästhesiologie spiegelt diese Veränderungen über einen Zeitraum von fünf Jahren wider. In einer Online-Umfrage wurde jeweils die gelebte Praxis der Weiterbildung erhoben, im Verlauf analysiert und in der Fachzeitschrift „Anästhesiologie & Intensivmedizin“ publiziert (7). Danach werden Vorgaben der Weiter­bildungs­ordnung zwar zunehmend erfüllt, die bundesweite Umsetzung ist aber nach wie vor lückenhaft. Selbst im vergangenen Jahr wurde immer noch bei 25 Prozent der Befragten kein schriftlicher Weiterbildungsnachweis geführt. Die für die Weiterbildung zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen nahmen über den Erhebungszeitraum ab. Im Vergleich zu den Vorjahren war 2011 die Anwesenheit eines Fach- oder Oberarztes in Ruf- oder Sichtweite signifikant reduziert. Sie ist an Kliniken der Regelversorgung im Median „selten“ gegeben; die Maximalversorger passen sich diesem niedrigen Niveau an.

Die Ärzte in Weiterbildung führen praktische Tätigkeiten immer seltener selbst aus. Denn das verlängert die Anästhesieeinleitung und gilt deshalb als ökonomisch nicht sinnvoll. Um OP-Zeit einzusparen, übernimmt häufig erfahrenes Personal die notwendigen Eingriffe. Nur an Krankenhäusern der Regelversorgung werden die Weiterzubildenden noch überwiegend selbst tätig. Allerdings ist dies nicht der Erkenntnis geschuldet, dass manuelle Fertigkeiten geübt werden müssen, sondern dem Mangel an fachärztlichem Personal. Das bedeutet zugleich, dass die erforderliche Supervision häufig unterbleibt.

Das bisherige Prinzip des „learning on the job“ steht zunehmend infrage. Die ehemals zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen für Supervision und Organisation der ärztlichen Weiterbildung werden heute nahezu vollständig für die ökonomischen Ziele der Krankenversorgung eingesetzt. Mittelfristig sind durch diese Entwicklung schwerwiegende Folgen für die Patientensicherheit und die Versorgungsqualität zu befürchten. Patientensicherheit fängt nicht bei der Stärkung der Patientenrechte an, sondern bei der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Weiterbildung von Ärzten.

Um einen Kollaps des bisherigen Systems zu verhindern, muss die ärztliche Weiterbildung reorganisiert werden. Gute Konzepte, die mit wenig Kosten viel erreichen, sind bereits ausgearbeitet. Das Erlernen von Techniken in Skills Labs und die Nutzung von Simulatoren ist dem Erlernen von Techniken am multimorbiden Patienten allein aus ethischen Erwägungen vorzuziehen. Dies sollte ebenso verbindlich dazugehören wie systematisch aufeinander aufbauende Rotationen für jeden Weiterzubildenden.

Das Fallpauschalensystem lässt jedoch keinen Spielraum für solche Neuerungen. Grundlegende Veränderungen der grenzkompensierten oder mancherorts bereits überstrapazierten Weiterbildungssituation sind nicht denkbar ohne eine externe Finanzierung der Weiterbildung. Neue Strategien, wie das „Lernen im geschützten Raum abseits der Patientenversorgung“ müssen aber finanziert werden, genauso wie erfahrenes ärztliches Personal für die Supervision. Im Vergleich zu den Folgen einer schlechten Weiterbildung ist dies bestens investiertes Geld.

Koautor des Kommentars ist Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hugo Van Aken, Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Münster

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0113

1.
Buxel H: Arbeitsplatz Krankenhaus: Der ärztliche Nachwuchs ist unzufrieden. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(37): A 1790–3. VOLLTEXT
2.
Blum K, Löffert S: Ärztemangel im Krankenhaus. Gutachten der DKI 2010.
3.
Medizin studieren ist Masochismus – Bochumer Studie offenbart alarmierende Zukunftsperspektiven. http://www.aekno.de/page.asp?pageId=6614&noredir=True (letzter Zugriff am 8. Oktober 2012).
4.
Jamadar DA: Estimating the effects of informal radiology resident teaching on radiologist productivity: what is the cost of teaching? Academic Radiology 2005; 12(1): 123–8. CrossRef MEDLINE
5.
Heil A, Schwandt M, Schöffski O (Hrsg.): Darstellung ärztlicher Weiterbildungskosten im Krankenhaus – Schriften zur Gesundheitsökonomie 16. Burgdorf, Nürnberg: HERZ 2009.
6.
Bauer M, Hanss R, Römer T et al: Apoptose im DRG-System: Weiterbildung und dezentrale Strukturen verhindern wettbewerbsfähige intraoperative Prozesszeiten. Anästh Intensivmed 2007; 48(6): 324–34.
7.
Ertmer C, Skorning M, Van Aken H, Hahnenkamp K: Praxis der ärztlichen Weiterbildung und Rahmenbedingungen im Wandel, Anästh Intensivmed 2012; 53: 452–69.
Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp, Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivtherapie und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Münster
1.Buxel H: Arbeitsplatz Krankenhaus: Der ärztliche Nachwuchs ist unzufrieden. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(37): A 1790–3. VOLLTEXT
2.Blum K, Löffert S: Ärztemangel im Krankenhaus. Gutachten der DKI 2010.
3.Medizin studieren ist Masochismus – Bochumer Studie offenbart alarmierende Zukunftsperspektiven. http://www.aekno.de/page.asp?pageId=6614&noredir=True (letzter Zugriff am 8. Oktober 2012).
4.Jamadar DA: Estimating the effects of informal radiology resident teaching on radiologist productivity: what is the cost of teaching? Academic Radiology 2005; 12(1): 123–8. CrossRef MEDLINE
5. Heil A, Schwandt M, Schöffski O (Hrsg.): Darstellung ärztlicher Weiterbildungskosten im Krankenhaus – Schriften zur Gesundheitsökonomie 16. Burgdorf, Nürnberg: HERZ 2009.
6. Bauer M, Hanss R, Römer T et al: Apoptose im DRG-System: Weiterbildung und dezentrale Strukturen verhindern wettbewerbsfähige intraoperative Prozesszeiten. Anästh Intensivmed 2007; 48(6): 324–34.
7. Ertmer C, Skorning M, Van Aken H, Hahnenkamp K: Praxis der ärztlichen Weiterbildung und Rahmenbedingungen im Wandel, Anästh Intensivmed 2012; 53: 452–69.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema