ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2013Gine Elsner: Als „68erin“ nach wie vor aktiv

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Gine Elsner: Als „68erin“ nach wie vor aktiv

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-24 / B-22 / C-22

Jachertz, Norbert

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Produktiver Ruhestand: Seit sie die Leitung des Instituts für Arbeitsmedizin in Frankfurt/Main aufgegeben hat, forscht Elsner zur Geschichte des Fachs.Foto: Daniel & Geo Fuchs
Produktiver Ruhestand: Seit sie die Leitung des Instituts für Arbeitsmedizin in Frankfurt/Main aufgegeben hat, forscht Elsner zur Geschichte des Fachs.
Foto: Daniel & Geo Fuchs

Die Arbeitsmedizinerin ist pensioniert, doch gut beschäftigt: Sie gräbt nach den ideologischen Wurzeln ihres Faches und schreibt biografische Skizzen. „Links“ war sie schon immer.

Alle paar Monate legt Gine Elsner ein Buch vor, als hätten sich in ihrer Schublade die Manuskripte gestaut und müssten nun heraus. Der Rezensent kommt mit der Lektüre kaum noch nach. Soeben – Stand Ende Oktober 2012 – ist wieder eins erschienen (verfasst zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Verena Steinecke), über den Berliner Arzt und Gewerkschafter Franz Karl Meyer-Brodnitz, der 1935 nach Palästina auswandern musste. Gerade erst hatte sie (gemeinsam mit dem Bremer Rechtswissenschaftler Gerhard Stuby) eine Abhandlung über das Zusammenspiel von ärztlichen Gutachtern und Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg geschrieben und zuvor in schneller Folge drei kritische Biografien herausgebracht: über den NS-Ernährungswissenschaftler und späten Hitler-Biografen Ernst Günther Schenck (2010) und über die beiden prominenten Arbeitsmediziner Ernst Wilhelm Baader und Helmut Valentin (2011).

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„Ja“, erklärt Gine Elsner auf die Frage, wie eine derartige Produktion zu schaffen sei, fröhlich, „ich bin doch Pensionärin und habe viel Zeit“, und sie lässt durchblicken, dass in ihren Schubladen noch einiges lagert. Zum Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Frankfurt am Main, das Prof. Dr. med. Gine Elsner von 1995 bis 2009 leitete, habe sie kaum noch Kontakt. Das tue ihr leid. Doch es überrascht nicht. Denn Nachfolger Prof. Dr. med. David Groneberg, der von der Charité – Universitätsmedizin Berlin kam, hat das Institut zeitgemäß neu ausgerichtet. Das Wissenschaftsmagazin „Capital“ zählt ihn zu den „40 Denkern der Zukunft“, vermeldet die Universität Frankfurt mit verhaltenem Stolz und erinnert daran, dass die Möglichkeit, „in der Wirtschaftsmetropole Frankfurt mit ansässigen Unternehmen zusammenzuarbeiten“, für Groneberg ausschlaggebend gewesen sei, von der Spree an den Main zu wechseln.

Elsner hingegen legte sich mit Unternehmen nicht selten an. Aber nicht nur mit denen, auch mit Berufsgenossenschaften oder arbeitsmedizinischen Kollegen. Zur Not sogar mit Gewerkschaften, obwohl sie doch „die gewerkschaftliche Orientierung mit der Muttermilch eingesogen“ (Elsner) hat. Doch bei der Anerkennung von Berufskrankheiten ließ Elsner sich durch Widerstände von wo auch immer nicht aufhalten. Insbesondere hat sie sich mit arbeitsbedingten Erkrankungen des Bewegungsapparats beschäftigt. Und da sitzt die Schnittstelle zu ihren biografischen Ermittlungen. Sie habe zurückverfolgt, weshalb diese Erkrankungen immer als angeboren, nicht aber als erworben angesehen wurden. „Und da bin ich auf die Nazizeit gestoßen.“ Von daher sei „viel Ideologie in die Medizin rübergeschwappt“.

Beim Nachgraben stieß Elsner auf den Berliner Gewerbehygieniker Ernst Wilhelm Baader (1892 bis 1962), der nach 1933 schnell Karriere machen konnte und nach Elsners Überzeugung ein überzeugter Verfechter der NS-Ideologie war. Baader gelang nach 1945 der schnelle Um- und Aufstieg: Chefarzt eines Knappschaftskrankenhauses, Herausgeber des Handbuches der gesamten Arbeitsmedizin, Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, die noch heute einen nach ihm benannten und von ihm dotierten (!) Preis verleiht. Als Elsner 2000 erstmals auf Baaders NS-Rolle aufmerksam machte, „bin ich furchtbar beschimpft worden“.

Zu den einflussreichsten Fachvertretern nach Baader zählt der Erlanger Arbeitsmediziner Helmut Valentin (1919 bis 2008). Ihm gilt eine weitere der kleinen Biografien. Elsner kann Valentin zwar keine NS-Vergangenheit nachweisen, wohl aber seinen akademischen Lehrern, an deren Gedankengut („Leistungsmedizin“) Valentin angeknüpft habe.

Baaders Tätigkeit als Gutachter („Beratender Gerichtsmediziner“) für Kriegsgerichte im Zweiten Weltkrieg veranlassten Elsner und den Bremer Rechtswissenschaftler Gerhard Stuby, 131 Kriegsgerichtsverfahren gegen Selbstverstümmeler auszuwerten. Elsner und Koautor Stuby kommen zu dem Ergebnis, dass die beratenden Mediziner bei ihrer Fahndung nach „Drückebergern“ viel strengere Maßstäbe als die Ärzte in den Lazaretten angelegt haben. Ja, sie hätten sogar rigoroser als die Wehrmachtsjustiz geurteilt. In die Kriegszeit führt schließlich auch eine kleine Biografie zu Ernst Günther Schenck (1904 bis 1998), der sich vom Kräuterheilkundler zum vielbeschäftigten Ernährungsfachmann der Reichsärztekammer, der SS und der Wehrmacht mauserte. Beteiligt war Schenck laut Elsner auch an Ernährungsversuchen im Konzentrationslager Mauthausen. Nach dem Krieg schlüpfte er bei einer Pharmafirma unter. Auch war er ein gefragter Zeitzeuge, vor allem wegen seines 1989 erschienenen, vielgelobten Buches „Patient Hitler“. Die Rezensenten scheinen, folgt man Elsners, nicht gemerkt zu haben, dass Schenck den „Führer“ idealisierte.

Elsner schreibt und agiert aus einer linken Perspektive. Das zeigt die kritische Auseinandersetzung mit ihrem Fach und manchen seiner Vertreter, aber auch ihr Lob für den fast vergessenen Arbeitsmediziner Franz Karl Meyer-Brodnitz, mit dem sie zugleich für verschüttete Alternativen des Gesundheitswesens, wie die Berliner Ambulatorien, wirbt. Elsner möchte selbst nicht als sozialistisch etikettiert werden. Sie sei sozialdemokratisch. Das war schon ihre Mutter, die Journalistin Ilse Elsner, eine bekannte SPD-Politikern aus Hamburg. Das Etikett „68erin“ lässt sich Gine Elsner indes gerne gefallen. Tatsächlich hat sie viel von einer typischen 68erin, nicht nur das Geburtsdatum, Jahrgang 1943, sondern auch die Einstellung, mit der die 68er über Jahre das politische Klima in Westdeutschland beeinflusst haben: das „Hinterfragen“, das Infragestellen von Autoritäten, das Graben in brauner Vergangenheit. Selbst Elsners Studienkarriere passt in die Zeit: Zunächst der Abschluss in Soziologie, dann exakt 1968 in Medizin; eine Berufsstation in Berlin; zur Arbeitsmedizin kam sie 1975 auf Seitenwegen, dank einer Kooperation der Ärztekammer Bremen mit der progressiven Universität Bremen.

Auch in der Ärzteschaft haben die 68er ihre Rolle gespielt, vor allem im Verein demokratischer Ärzte und Ärztinnen oder im IPPNW. In den Ärztekammern und auf den Deutschen Ärztetagen waren die „Linken“ mit um die 20 Prozent der Delegierten vertreten, in den Flächenstaaten mit weniger, in den Stadtstaaten mit weitaus mehr. In Bremen kam die linke „Liste Gesundheit“ 1987 sogar auf 36,6 Prozent und 1991 auf 43,8 Prozent. Das lag insbesondere an einer Wahlrechtsreform, die Elsner und Freunde propagierten und mit Hilfe der Bremer Bürgerschaft, in der die SPD die Mehrheit hatte, auch durchsetzten: statt Mehrheits- das Verhältniswahlrecht. Elsner zog als Vertreterin der „Linken“ für vier Jahre in den Vorstand der Bremer Ärztekammer ein. Aus Sicht von Gerhard Stuby war das ein „Martyrium“, doch habe Elsner die „aufwendige Vermittlungsarbeit zwischen ihrer Fraktion und dem Vorstand bravourös gelöst“. So Stuby. Elsners damalige Bremer Kontrahenten sahen sie freilich nicht ungern 1995 nach Frankfurt ziehen. Wohl eine Frage der Perspektive. In Hessen habe sie sich bewusst nicht mehr berufspolitisch betätigt, versichert Elsner heute.

Die 68er sind älter und ruhiger geworden. Man hat, siehe Elsner, beruflich und politisch das eine oder andere erreicht. Der gesellschaftliche Wind hat sich wieder mal gedreht, und die nachfolgende Generation orientiert sich neu. Und Gine Elsner schreibt Bücher.

Norbert Jachertz

Acht Bücher in vier Jahren

Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne

Gine Elsner, Verena Steinecke: „Ja, daran hing sein Herz . . .“ Der Gewerbehygieniker und engagierte Gewerkschafter Franz Karl Meyer-Brodnitz (1897–1943). VSA, Hamburg 2012, 160 Seiten, gebunden, 12,80 Euro

Gine Elsner, Gerhard Stuby: Wehrmachtsmedizin & Militärjustiz. Sachverständige im Zweiten Weltkrieg: Beratende Ärzte und Gutachter für die Kriegsgerichte der Wehrmacht. VSA, Hamburg 2012, 200 Seiten, gebunden, 16,80 Euro

Gine Elsner: Konstitution und Krankheit. Der Arbeitsmediziner Helmut Valentin (1919–2008) und die Erlanger Schule. VAS, Hamburg 2011, 144 Seiten, gebunden, 13,80 Euro

Gine Elsner: Schattenseiten einer Arztkarriere. Ernst Wilhelm Baader (1892–1962): Gewerbehygieniker & Gerichtsmediziner. VSA, Hamburg 2011, 160 Seiten, gebunden, 12,80 Euro

Gine Elsner: Heilkräuter, „Volksernährung“, Menschenversuche. Ernst Günter Schenck (1904–1998): eine deutsche Arztkarriere. VSA, Hamburg, 2010, 144 Seiten, gebunden, 12,80 Euro

Albert Nienhaus, Gabriele Volante, Andreas Seidler (Hrsg.): Arbeitsmedizin in sozialer Verantwortung. Festschrift für Prof. Dr. Gine Elsner. VSA, Hamburg 2011, 109 Seiten, 11,80 Euro (Gerhard Stuby: „Nestbeschmutzer“ gegen „Halbgötter in Weiß“)

Lilly Menczel: Vom Rhein nach Riga. Deportiert von Köln: Bericht einer Überlebenden des Holocaust. Herausgegeben von Gine Elsner. VSA, Hamburg 2012, 96 Seiten, kartoniert, 12,80 Euro

Fanny Englard: Vom Waisenhaus zu Jungfernhof. Deportiert von Hamburg nach Riga: Bericht einer Überlebenden. Herausgegeben von Gine Elsner. VSA, Hamburg 2009, 96 Seiten, gebunden, 12,80 Euro

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