MEDIZINREPORT

Schlafstörungen: „Sozialer Jetlag“ und seine Folgen

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-26 / B-24 / C-24

Nickolaus, Barbara

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Mit Hilfe nichtinvasiver und mobiler Diagnoseverfahren lassen sich Schlafstörungen spezifizieren und das kardiovaskuläre Risiko der Patienten bestimmen.

Es scheint kaum glaubhaft, aber heute kennt die moderne Schlafforschung und Schlafmedizin mehr als 100 unterschiedliche Schlafstörungen, die alle eine starke Beeinträchtigung der Tagesaktivität (zum Beispiel Sekundenschlaf am Steuer), Berufsfähigkeit, Gedächtnisleistung und der physischen und psychischen Gesundheit zur Folge haben. Es handelt sich also keineswegs um harmlose Befindlichkeitsstörungen, vielmehr stellen sie in ihrem gesamten Ausmaß ein hohes gesellschaftliches Problem dar.

Die meisten der 325 Schlaflabore in Deutschland sind fachlich nicht interdisziplinär besetzt. Foto: dpa
Die meisten der 325 Schlaflabore in Deutschland sind fachlich nicht interdisziplinär besetzt. Foto: dpa

Mit 2 000 Teilnehmern hat sich die 20. Jubiläums-Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) im Dezember in Berlin als bisher größter Kongress dieser Disziplin erwiesen. Er stand unter dem Motto Erich Kästners „Wer schlafen kann, darf glücklich sein“ und bewies, wie wichtig die Interdisziplinarität auf diesem Gebiet ist.

Nachtschlaf thematisieren

Die Diagnostik der Schlafstörung findet nicht mehr allein im „stillen Kämmerlein“ des Schlaflabors statt, sondern ist dank extrem verbesserter Messtechniken am Klinikbett, in der Praxis oder sogar auf dem Mount Everest möglich. Wichtig sei es, die Wachsamkeit von Hausärzten, Allgemeinmedizinern, Fachärzten und Klinikern auf den Schlaf zu lenken. Denn Patienten sprechen selten von allein Schlafstörungen an, die im Kontext einer Vielzahl von somatischen Erkrankungen stehen. Hier sei der einfühlende Arzt nötig, der nach der Qualität des Nachtschlafs fragt, wenn es „eigentlich“ um eine schulische Leistungsminderung, Herz-Kreislauf-Erkrankung, Krebs oder Gedächtnisprobleme im Alter geht. Dies erklärte Prof. Dr. med. Ingo Fietze, Charité – Universitätsmedizin Berlin, als einer der beiden Kongresspräsidenten.

Zu den neuen, sehr einfach handhabbaren, nichtinvasiven und zugleich sehr aussagefähigen Messkonzepten gehört die Pulswellenanalyse. Hierbei handelt es sich um eine Diagnosemethode auf der Basis ausgesendeter Infrarotlichtstrahlen, die reflektiert und von einem Sensor registriert werden. Infrarotes Licht wird mit seiner speziellen Wellenlänge besonders gut von Hämoglobin absorbiert.

Diese Lichtreflexion wird acht Stunden lang aufgezeichnet und gibt in der diagnostischen Auswertung Auskunft über den Funktionszustand und eine mögliche Schädigung der Gefäße. Nach Angaben von Prof. Dr. med. Ludger Grote aus Göteborg, Schweden, der das Verfahren mitentwickelt hat, trägt der Patient in der Nacht lediglich ein kleines Messgerät am Handgelenk, das mit einem Pulsoxymeter-Sensor am Finger gekoppelt ist.

Eine multizentrische Studie an 500 Patienten mit Schlafapnoe zeigte, wie ein gestörter Schlaf das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, steigen lässt. Dies ist mit dem aus dem Messverfahren heraus entwickelten „Cardiac Risk Index“ einfach und schnell vom Arzt abzulesen.

Körperfunktionen während des Schlafs können nicht nur im Schlaflabor, sondern auch mobil abgefragt werden. Foto: Your Photo Today
Körperfunktionen während des Schlafs können nicht nur im Schlaflabor, sondern auch mobil abgefragt werden. Foto: Your Photo Today

Über die „innere Uhr“ des Menschen sprach Prof. Dr. Till Roenneberg, München. Der Schlaf mit seiner klaren Tageszeitlichkeit ist angeboren, missachtet man dies zum Beispiel durch berufliche Gegebenheiten oder ständige Interkontinentalflüge, so wird der biologische Rhythmus gestört, der sich in zwei scharf trennbaren Chronotypen, dem Frühaufsteher („Lerche“) und dem Nachtmenschen („Eule“), in ihren unterschiedlichen Schlafenszeiten und tageszeitlichen Leistungspeaks messbar abzeichnet.

Schlafstörungen bei Kindern

Roenneberg bezeichnete ein stetiges Leben gegen die angeborene innere Uhr als „gefährlich“, wenn zum Beispiel die Eule frühmorgens in Schule oder Beruf Leistung bringen soll, während die innere Uhr noch Schlafenszeit signalisiert. Dieser „soziale Jetlag“, bei dem biologische und soziale Uhr im Widerstreit sind, führe nicht nur zum dauerhaften Schlafdefizit, sondern nach ersten Studien auch zu Übergewicht, Diabetes, Depressionen, Alkoholismus und Auswirkungen auf das Immunsystem, da es stets zur „falschen“ Zeit aktiviert werde.

Aus der Schlafmedizin ist bekannt, dass ungestörter und erholsamer Schlaf der Motor der Gedächtniskonsolidierung ist, das heißt, das Erlebte und Erlernte des Tages wird in der Nacht im Schlaf verfestigt. Die Frage, ob Atemstillstände während des Schlafs (Schlafapnoe) auf die Gedächtnisleistung Einfluss haben, wurde in einer psychiatrisch-psychologischen Studie mittels Kontrollgruppen untersucht.

Schlafgestörte Patienten wiesen bei bestimmten Aufgaben am Morgen schlechtere Gedächtnisleistungen auf als gesunde Probanden, es war also keine echte Gedächtniskonsolidierung in der Nacht erfolgt, wie Dr. med. Spiegelhalder, Freiburg, erläuterte. Auch zeigte sich, dass bei psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, immer eine Schlafstörung auftritt, die die Gedächtnisleistung herabsetzt. Am Rande bemerkte er zur Frage des kindlichen Lernvermögens, es sei gut, Vokabeln am Nachmittag und abends das Klavierspielen zu erlernen, der anschließende Schlaf verfestige das gerade Erlernte.

Breiten Raum nahm auf dem Kongress die Frage der Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen ein. Neuere Studienergebnisse zu Schlafstörungen bei Grundschulkindern im Kontext zu Umfang und Inhalt ihres Medienkonsums (Fernsehen, PC-Spiele, Internet und Social-Media-Gebrauch) zeigten einer Kölner Schlafuntersuchung zufolge etwa 20 Prozent Ein- und/oder Durchschlafstörungen in dieser Altersgruppe, wie Dr. med. Alfred Wiater, Vorstandsmitglied der DGSM, berichtete.

Mit steigendem Alter verringern sich diese Schlafstörungen, aber die Tagesmüdigkeit mit mehreren Mikroschlafepisoden nimmt infolge des späteren Zubettgehens zu und liegt bei Elfjährigen bei circa 30 Prozent. Wiater warnte davor, den Medienkonsum dieser Altersgruppe zu verdammen, er sei wichtig für die Entwicklung moderner Kinder. Die Bildschirmzeit liege bei ihnen bei circa einer Stunde am PC, sei also tolerabel. Wichtiger als die Zeit sei der Inhalt der Beschäftigung, der bei Jungen eindeutig zu Gewaltspielen und bei Mädchen zum Aufenthalt in sozialen Netzwerken tendiere. Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin an 14- bis 18-jährigen Schülern prüfte die Gedächtnisleistung nach PC-Spiele-Konsum und bei lesenden Jugendlichen. Es stellte sich heraus – wie erwartet –, dass Jugendliche nach höherem Spielekonsum einen schlechteren Schlaf und schlechtere Gedächtnisleistungen aufwiesen als Vielleser.

Neuere Studien zur Gedächtnisleistung älterer Menschen zeigten, dass man sehr interessanten neuropsychologischen, prädiktiven Markern auf die Spur gekommen sei, die Gedächtniseinbrüche aufzeigten, die schon circa zehn Jahre vor dem Ausbruch einer neurodegenerativen Erkrankung wie Parkinson oder Demenzformen auf diese aufmerksam machten. Diese wichtigen Marker bedürften noch umfassender Studien. „Da tut sich viel“, erklärte Prof. Dr. med. Geert Mayer, Vorsitzender der DGMS.

Irrweg von Arzt zu Arzt

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel, Charité, erörterte als zweiter Kongresspräsident die Frage der Interdisziplinarität des Faches Schlafmedizin. Für viele Patienten bedeute eine Schlafstörung, ausgelöst durch Schnarchen, Schlafapnoe, Narkolepsie oder Restless-legs-Syndrom (RLS), einen langen Irrweg von Arzt zu Arzt, bis sie die angemessene Behandlung erführen.

Erschwerend komme hinzu, dass die meisten der derzeit 325 Schlaflabore in Deutschland fachlich nicht interdisziplinär besetzt seien, sondern einer einzigen Fachabteilung angehörten. Penzel hielt es für sehr erstrebenswert, einige wenige, aber qualitativ hervorragende Kompetenzzentren pro Bundesland aufzubauen, in denen unterschiedliche Fachärzte den Patienten begutachten und gemeinsam einen individuellen Therapieplan diskutieren.

Auch die vielfältigen Selbsthilfegruppen für einzelne Schlafstörungen hatten viel Diskussionsraum auf dem Kongress. In Bezug auf das Phänomen der Restless legs sagte Lilo Habersack von der RLS-Vereinigung, man möge dieses belastende, den Schlaf erheblich beeinflussende Syndrom nicht als pure Befindlichkeitsstörung abtun, sondern als Erkrankung anerkennen. Die Ursachen des Syndroms seien zwar wissenschaftlich nicht hinreichend erschlossen, Einfluss hätten mit einiger Sicherheit das dopaminerge System und der Eisenstoffwechsel. Der Gesamtschlaf sei qualitativ insbesondere durch verringerte REM-Phasen vermindert und führe zunehmend zu Gedächtnisminderleistungen.

Dr. phil. Barbara Nickolaus

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