ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2013EQUATOR Scientific Symposium 2012: Auf Worte Taten folgen lassen

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EQUATOR Scientific Symposium 2012: Auf Worte Taten folgen lassen

Dtsch Arztebl 2013; 110(1-2): A-22 / B-20 / C-20

Bartholomäus, Elke

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Leitlinien für Forschungsberichte sind unzureichend implementiert. EQUATOR Network und Deutsches Cochrane-Zentrum rufen zu Vollständigkeit, Genauigkeit und Transparenz beim Berichten klinischer Studienergebnisse auf.

Foto: Fotolia Microstock Man
Foto: Fotolia Microstock Man

Nach Schätzungen der Cochrane Collaboration wurden bislang zwischen 500 000 und 1 000 000 klinische Studien durchgeführt, und jährlich kommen etwa 25 000 weitere Studien an Patienten hinzu. Allein die Zahl der publizierten randomisierten Studien stieg seit 1965 von 39 auf 26 017 Studien im Jahr 2008. Angesichts dieses explosionsartigen Datenzuwachses in den letzten Jahrzehnten stellt sich die Frage, wie dieses Wissen im Sinne evidenzbasierter Medizin auf eine Weise zugänglich gemacht werden kann, von der Patienten, Forschung und Gesundheitswesen bestmöglich profitieren.

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Viele Länder verfügen inzwischen über zentrale Studienregister, die Registrierung neuer klinischer Studien vor Studienbeginn ist jedoch nicht in allen Ländern gesetzlich vorgeschrieben. Auch die Veröffentlichung von Studienergebnissen ist keine Pflicht, so dass viele Studien nicht oder erst mit erheblicher Verzögerung publiziert werden. Insbesondere negative Studienergebnisse gelangen häufig nicht an die Öffentlichkeit. Die daraus resultierende Verzerrung ist als „Publication Bias“ bekannt und führt neben der Tatsache, dass diese Daten nicht zur Verfügung stehen, vor allem auch dazu, dass die Bedeutung publizierter positiver Ergebnisse vor dem Hintergrund einer reduzierten Datenbasis unter Umständen falsch eingeschätzt wird – mit entsprechenden Konsequenzen für Patientenversorgung und weitere Forschung zum Studiengegenstand.

Transparenter Transfer von der Forschung in die Praxis

Bei einer Publikation müssen die Originaldaten schon allein aus Gründen der Platzkapazität in Fachzeitschriften in aller Regel stark komprimiert werden, so dass die damit einhergehende Selektion häufig zu – gewollten oder ungewollten – Verzerrungen führt. Um solche Verzerrungen so gering wie möglich zu halten, wurde in den vergangenen Jahren eine Fülle von Leitlinien für Forschungsberichte (Reporting Guidelines) publiziert, die Autoren helfen sollen, wichtige Parameter im Studiendesign und im Studienbericht anhand von Checklists und Flowcharts zu strukturieren.

Mehr als 200 solcher Leitlinien wurden bislang für unterschiedliche Studiendesigns entwickelt. Und obwohl viele internationale Zeitschriften – auch das Deutsche Ärzteblatt – ihren Autoren die Befolgung solcher Leitlinien für Forschungsberichte nahelegen, sind diese bislang in der Praxis noch wenig implementiert, so der Tenor auf der letztjährigen EQUATOR-Konferenz, die vom 11. bis 12. Oktober 2012 in Freiburg im Breisgau in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Cochrane-Zentrum stattfand. Gemäß dem Motto der Veranstaltung („ACT now: Accuracy, Completeness and Transparency in health research reporting“) forderten die Referenten Transparenz, Ehrlichkeit und die korrekte sowie vollständige Darstellung von Studienergebnissen. Nach einem Überblick über den Status quo ging es bei der Konferenz vor allem um die Frage, wie Fortschritt in Richtung dieser Zielsetzung befördert beziehungsweise beschleunigt werden kann.

Dr. med. Erik von Elm (Cochrane Schweiz) hob die zentrale Rolle systematischer Übersichtsarbeiten für die Verbreitung von Erkenntnissen aus klinischen Studien hervor. Er betonte, dass auch die Ergebnisse methodisch einwandfreier Studien allein durch unzulängliches Berichten dahingehend verzerrt werden könnten, dass Behandlungseffekte unter Umständen deutlich überschätzt würden: Die ORBIT-Studie (Kirkham et al., Britisch Medical Journal 2010) zeige beispielsweise, dass ein Drittel der untersuchten systematischen Cochrane Reviews jeweils mindestens eine Studie einschließe, deren Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit präferenziell berichtet würden (Outcome Reporting Bias), und dass etwa ein Viertel der Metaanalysen die Behandlungseffekte um 20 Prozent oder mehr überschätzten. Die Qualität von Primärveröffentlichungen sei verbesserungsbedürftig, sagte von Elm und schlug vor, Studienprotokolle und klinische Studienberichte zugänglich zu machen und Primärpublikationen durch zusätzliches Informationsmaterial der Autoren zu ergänzen.

Therapien in der Praxis oft nicht reproduzierbar

Neuen klinischen Studien sollte grundsätzlich das Zusammentragen allen bereits vorhandenen Wissens zu dem betreffenden Forschungsgegenstand durch systematische Übersichtsarbeiten vorangehen, forderte Iain Chalmers von der James Lind Initiative (Oxford, Großbritannien), damit die Verschwendung von Forschungsmitteln durch überflüssige oder fehlgerichtete Studien vermieden werden könne. Chalmers wies darüber hinaus auf den potenziellen Schaden hin, der sich für Patienten ergeben könne, wenn vorhandenes medizinisches Wissen nicht oder erst spät zugänglich gemacht werde und Ärzte daher nicht auf Basis vorhandener Evidenz entscheiden könnten.

Ein weiteres Problem ergebe sich daraus, dass die in Zeitschriftenartikeln dargestellten – insbesondere nichtmedikamentösen – Therapien in der Praxis häufig nicht reproduziert werden könnten, weil wichtige Details in der Beschreibung fehlten, sagte Prof. Paul Glasziou vom Bond University Centre for Research in Evidence-Based Practice (Australien). Kernfragen wie „Wie genau ist vorzugehen?“ (inklusive der Beschreibung aller Mittel), „Was genau ist zu tun und in welchem Setting?“, „Wie lange?“ und „Wie häufig?“ blieben oft in einem Maße unbeantwortet, das geradezu an „Geheimrezepturen“ denken lasse, sagte Glasziou. Dabei seien die entsprechenden Daten häufig vorhanden und könnten etwa durch den Einsatz von Checklisten vor der Publikation systematisch erfasst werden. Die Studienprotokolle sollten auch unabhängig von einer Zeitschriftenpublikation frei (Open Access) zugänglich gemacht werden, forderte Glasziou. Er hält konkrete Hilfestellungen für Autoren, Redaktionen und Gutachter zum Verfassen oder Beurteilen von Forschungsberichten für dringend erforderlich.

Eine Bewusstseinsschulung im Hinblick auf die angesprochenen Probleme und Zusammenhänge sollte aber auch möglichst früh und umfassend in die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses einfließen, meinte Prof. Ana Marušić von der Universitätsklinik Split, Kroatien. Sie stellte den Ansatz ihrer Heimatuniversität vor, wo Kurse zu evidenzbasierter Medizin ein fester und durchgängiger Bestandteil des Curriculums seien. Diese umfassten in aufeinander aufbauenden Einheiten in allen sechs Studienjahren Statistik, Methodik, klinisches Verständnis, kritisches Denken und wissenschaftliches Schreiben. Aber auch wie man Patienten Evidenz vermittele, sei Teil des Lehrplans.

Die Rolle der Fachzeitschriften wurde kontrovers diskutiert. Zur Durchsetzung von Leitlinien für Forschungsberichte wurde ein gemeinsames Vorgehen der bislang nur einzeln agierenden internationalen Medizinzeitschriften gefordert. Hier spielen unter Umständen auch praktische Hürden eine Rolle, denn obgleich die Leitlinien weitgehend befürwortet werden, fällt die Implementierung dahinter vergleichsweise zurück. Virginia Barbour (Medicine Editorial Director, Public Library of Science – PLOS) berichtete, dass selbst einige PLOS-Zeitschriften die relevanten Leitlinien nicht immer umsetzten, obwohl PLOS selbst Herausgeber von Leitlinien sei.

Alle Studiendaten zugänglich machen

Nicht zuletzt haben Pharmaunternehmen als Auftraggeber klinischer Studien an der transparenten und vollständigen Publikation der Ergebnisse mitunter kein ausgeprägtes Interesse. Dr. Peter Doshi (Postdoktorand, Johns Hopkins University School of Medicine) wies etwa darauf hin, dass die Firma Roche trotz Aufforderung der European Medicines Agency bis heute nicht alle Studiendaten zugänglich gemacht habe, die zur Klärung des Vorwurfs, die von Roche deklarierte Wirksamkeit von Tamiflu bei Influenza basiere tatsächlich nicht auf klinischer Evidenz, nötig seien.

Elke Bartholomäus

Hilfestellung für Publikationen

Das internationale EQUATOR Network (Enhancing the QUAlity and Transparency Of health Research) bemüht sich seit 2007 darum, die verfügbaren Hilfsmittel und Materialien für Autoren, Zeitschriftenredaktionen, Gutachter und Entwickler von Leitlinien aktuell und umfassend zusammenzutragen und online zur Verfügung zu stellen.

Das Angebot (www.equator-network.org) umfasst eine Liste sämtlicher Leitlinien und Empfehlungen, Weiterbildungsangebote und Veranstaltungen sowie eigene Forschungsprojekte. Insbesondere ein fokussiertes Aus- und Weiterbildungsprogramm ist als eine der nächsten Initiativen geplant.

Weitere aktuelle Angebote:

  • PubMed Health

Übersichten zur klinischen Wirksamkeitsforschung (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmedhealth)

  • PROSPERO

International Prospective Register of Systematic Reviews (www.crd.york.ac.uk/PROSPERO)

  • OPEN

To Overcome failure to Publish nEgative fiNdings (www.open-project.eu)

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