ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Liebe: Eun Nim Ro – Einfach das Herz

KUNST + PSYCHE

Liebe: Eun Nim Ro – Einfach das Herz

PP 12, Ausgabe Januar 2013, Seite 2

Kraft, Hartmut

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Die Titelbilder und Texte des Jahres 2012 waren dem „Tabu“ gewidmet. Mit dem Januar-Heft dieses Jahres folgen Bilder und Objekte, die in einem Zusammenhang mit dem unendlich vielfältigen Thema „Liebe“ stehen. Zwischen beiden Themen bestehen Überschneidungen. Je nach Kontext treffen sich Tabu und Liebe bei den Fragen nach vorehelichem Geschlechtsverkehr oder bei den Tabus, die sich ein Liebespaar zur Wahrung seiner Gemeinschaft selbst setzt.

Wenn wir über die Facetten der Liebe in künstlerischen Gestaltungen nachdenken, steht im Kontext der Rubrik „Kunst und Psyche“ alsbald das Herz im Zentrum der Aufmerksamkeit: Mit Herzklopfen warten wir auf die oder den Geliebte(n), es stockt uns das Herz, wenn wir einen geliebten Menschen in Gefahr sehen. Der Volksmund als Psychosomatiker avant la lettre wusste um die Beziehungen zwischen unseren Liebesgefühlen und den Reaktionen unseres Herzens längst bevor medizinische und psychosomatische Forschungen überhaupt begonnen hatten. Kein Wunder also, wenn die aus Südkorea stammende Künstlerin Eun Nim Ro ein rotes, plastisch geformtes Herz in einen Kasten setzt. Aber, so könnte sogleich die kritische Frage lauten, ist dies nicht arg platt, abgegriffen, überaus schlicht – und schlichtweg Kitsch, somit für ein ernst zu nehmendes Kunstwerk geradezu tabu?

Eun Nim Ro hat schon früh in ihrer Karriere als Künstlerin ihre bildnerischen Arbeiten mit poetischen Texten begleitet: „Gute Kunst verlangt nach Reinheit. Sie kann nur leben, wenn alles Komplizierte über Bord geworfen – wenn das Einfache eingetreten ist. Nur in solch einem Augenblick öffnet sich die Tür: Da steht ein seltener Gast, er bleibt nur eine Weile, verlässt bald den Raum. Dieser metaphysische Gast – das ist für mich die Kunst.“

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Dieses Einfache in Bezug auf die Liebe ist die weltweit erkennbare Herzform, die hier nicht als Massenprodukt, sondern als ein individuell geschnitztes Herz auftritt. Wie einen Talisman oder ein Amulett könnten wir solch ein Herz mit uns herumtragen. Die Künstlerin hat dieses Objekt jedoch in einem vorn verglasten Kasten zum Anschauen präsentiert und mit einem ganz kurzen Text versehen: „Zeit, Geduld und Liebe heilen alles.“ Der Textzusammenhang wird verständlich, wenn wir erfahren, dass dieses Objekt im Rahmen des Projekts „KUNST auf REZEPT“ entstanden ist und von einem Rezeptformular mit gleichem Text begleitet wurde. Als Psychotherapeuten sind wir – in Anbetracht unserer Kenntnisse um die Psychotraumatologie – vermutlich spontan geneigt, ein „fast alles“ zu ergänzen – aber das ist doch eher eine Randbemerkung angesichts dieses in seiner Einfachheit, ja „Reinheit“ so beeindruckenden kleinen Kunstwerks. Wenn wir den Begriff Liebe im Zusammenhang mit der Psychotherapie als wohlwollende, empathische Zuwendung verstehen, haben wir hier eine Grundlage jeder psychotherapeutischen Begleitung, gar Heilung vor uns. Und so steht dieses Herz-Objekt unauffällig und doch stets präsent in einem Fach des Bücherregals in meiner psychoanalytischen Praxis. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Eun Nim Ro

Geboren 1946 in Chun-Zu (Südkorea). 1966–1967 Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Seoul. Nach dem Tod der Mutter 1967 Beginn der Malerei. Nach Arbeit im Gesundheitswesen in Südkorea 1970 Übersiedelung nach Deutschland als Krankenschwesterhelferin. 1973–1979 Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Seit 1990 Professur für Malerei an der Fachhochschule Hamburg, wo sie seit 1994 die internationale Akademie „Pentiment“ leitet. Sie lebt in Hamburg und Michelstadt.

1.
Eun Nim Ro: Zwischen Sternen und Mond. Bilder und Texte. Berlin: Verlag Galerie Horst Dietrich 2000.
2.
Eun Nim Ro: Arbeiten 1972–2002. Hamburg: Hans Christians Druckerei und Verlag 2003.
3.
Kraft H: KUNST auf REZEPT. Köln: Salon Verlag 2001.
1.Eun Nim Ro: Zwischen Sternen und Mond. Bilder und Texte. Berlin: Verlag Galerie Horst Dietrich 2000.
2.Eun Nim Ro: Arbeiten 1972–2002. Hamburg: Hans Christians Druckerei und Verlag 2003.
3.Kraft H: KUNST auf REZEPT. Köln: Salon Verlag 2001.

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