ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Psychosomatik: „Feindliche“ Übernahme

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Psychosomatik: „Feindliche“ Übernahme

PP 12, Ausgabe Januar 2013, Seite 21

Bördlein, Ingeborg

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Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde will in ihrem Namen künftig auch den Begriff „Psychosomatik“ führen. Dies stößt auf heftige Kritik bei den entsprechenden Fachgesellschaften.

Als „Vereinnahmung“ ihres Fachgebiets werten das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM) den Beschluss der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), in ihrem Namen künftig auch den Begriff „Psychosomatik“ zu führen. Dies sei „irreführend und unangemessen“ und bedeute einen klaren Rückschritt in der Behandlung der Betroffenen mit psychosomatischen Erkrankungen, heißt es in einer Stellungnahme der Vorstände.

Die Ergänzung wurde auf dem Jahreskongress der DGPPN im November 2012 von den Mitgliedern mehrheitlich beschlossen. Danach soll die Fachgesellschaft künftig „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ heißen. Dies bilde die Realität in Wissenschaft und Versorgung ab, hat der noch amtierende Präsident der DGPPN, Prof. Dr. med. Peter Falkai, München, zu der Namenserweiterung erklärt. So sei inzwischen eindeutig belegt, dass psychosomatische Aspekte im Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie im Sinne der Interaktion von psychischen und körperlichen Faktoren eine herausragende Rolle spielten.

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Kritiker sehen Probleme bei der Weiterbildung

Diese Wechselwirkungen würden von den Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Nervenheilkunde bereits in die Diagnostik einbezogen und in der Behandlung berücksichtigt. Zudem werde die Versorgung auf dem psychosomatischen Gebiet „in erheblichem Umfang“ von diesen Fachärzten geleistet und bedürfe angesichts der gesundheitspolitischen Situation einer Weiterentwicklung innerhalb des Fachs.

Darauf haben die psychosomatischen Fachgesellschaften jetzt mit harscher Kritik reagiert. Es sei „ungewöhnlich, befremdlich und einzigartig“, dass eine medizinische Fachgesellschaft ohne Konsens versuche, eine andere zu vereinnahmen. Dies sei schon allein deshalb unangemessen, weil eine Weiterbildung der Psychiater auf dem Gebiet der Psychosomatischen Medizin nicht gewährleistet sei und psychosomatische Inhalte kaum vermittelt würden. So seien in der Psychosomatischen Medizin hochspezialisierte Psychotherapieverfahren entstanden, die den Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche Rechnung trügen.

Von den Ärzten in der Weiterbildung im Fachgebiet „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ werde zudem gefordert, dass sie 1 500 Psychotherapiestunden unter Supervision ableisteten, während es im Fachgebiet „Psychiatrie und Psychotherapie“ nur 240 sind.

DKPM und DGPM sehen die bisherige leitliniengerechte „hervorragende Qualität“ der psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland, zum Beispiel von Diabetikern mit einer begleitenden Angststörung, Essstörung oder somatoformen Störung, durch den Alleinvertretungsanspruch der Psychiatrie, alle Fachgebiete im Bereich psychischer Störungen vertreten zu wollen, gefährdet. Schließlich machen DGPM und DKPM geltend, dass die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ein eigenständiges Fach seit 1972 in der Approbationsordnung und seit 1992 in der ärztlichen Weiter­bildungs­ordnung mit fünfjähriger Weiterbildungszeit seien. Das Fachgebiet habe seine Wurzeln in der somatischen Medizin. Zu keiner Zeit sei sie eine Subdisziplin der Psychiatrie gewesen.

In Deutschland habe sich ein gestuftes psychosomatisch-psychotherapeutisches Versorgungssystem entwickelt. Haus- und Fachärzte mit Qualifikation in der psychosomatischen Grundversorgung oder mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie sowie 4 500 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, die als psychosomatisch-psychotherapeutische Spezialisten tätig seien, gewährleisteten die psychosomatische Versorgung in Deutschland, berichtet Prof. Dr. med. Johannes Kruse, Vorsitzender der DGPM und Direktor der Klink für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg.

Entschiedener Widerstand gegen eine Vereinnahmung

Grundsätzlich begrüße man es, dass die Psychiatrie die Bedeutung der Psychosomatik in der Versorgung und Forschung erkenne und die wissenschaftlichen Entwicklungen und Erkenntnisse der Psychosomatik aufgreife, erklärte Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Bernd Löwe, Geschäftsführer des DKPM sowie Direktor des Instituts und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Chefarzt an der Schön-Klinik Hamburg-Eilbek gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Man biete der psychiatrischen Fachgesellschaft auch weiterhin eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle aller Patienten an – eine Vereinnahmung lehne man jedoch mit Entschiedenheit ab.

Ingeborg Bördlein

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Avatar #527075
Steinermann
am Samstag, 12. Januar 2013, 22:59

Zzz

Interessant!
Avatar #103574
mkohlhaas
am Donnerstag, 10. Januar 2013, 15:43

Neue Opfer für Elektroschocks

Vielleicht will die DGPPN Ihre favorisierte Behandlungoption Elektroschock auf auf die Psychosomatik übertragen, wo diese doch angeblich bei allen möglichen psychiatrischen Diagnosen "wirkt":

Zitat aus Psychiatrie 2020 plus
Zitatanfang

2.3.4 Elektrokonvulsionstherapie (Elektroschock der Verf.)
Die Geschichte der Elektrokonvulsionstherapie (Elektroschock der Verf.)
(EKT) spannt einen knapp 75 Jahre weiten Bogen von den Anfängen psychiatrischer Therapie bis zum heutigen großen Repertoire der Behandlungsmöglichkeiten.
Auf diesem Weg ist es durch zahlreiche relevante Innovationen gelungen, die Methode so zu modifizieren, dass sie ein modernes, in der Psychiatrie unentbehrliches Therapieverfahren geblieben ist.
Die EKT hat ein sehr breites syndromales Wirkspektrum. Sie ist antidepressiv, antipsychotisch, antimanisch, antikonvulsiv und bei einigen Bewegungsstörungen wirksam.
Zitatende

Siehe:
http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/Flyer/psychiatrie_2020plus.pdf

Da kommt ja noch einiges auf uns zu:
Es wird Zeit das denen einer das Handwerk legt.

Zu Elektroschock siehe:
http://www.peter-lehmann-publishing.com/info1/e-shock.htm

Johannes Georg Bischoff
Diplom-Psychologe

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