ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Psychotherapien: Ein Zerrbild
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Am bedenklichsten sind Halbwahrheiten. Tilmann Moser hat seine Meinung kundgetan, um etwas zu retten, wobei man sich fragen kann, was er da eigentlich retten will. Will er die psychotherapeutische Behandlung vor den alles durchdringenden Marktgesetzen bewahren oder die Gestaltungsfreiheit in den Psychotherapien? – Das wäre durchaus ehrenwert. Beim näheren Hinsehen kommen dem Leser Zweifel. Zunächst gibt Moser einen eigenwilligen Pauschalüberblick über die Entwicklung der Psychotherapie und setzt sich von steinzeitlichen Psychoanalytikern wie Léon Wurmser ab. Er tut dies allerdings nur, um ein Zerrbild von der Verhaltenstherapie zu entwerfen, indem er in üblicher Arroganz deren Symptomorientierung und ihre Anbiederung an die Marktgesetze geißelt. In der Verhaltenstherapie mit ihren „oft jugendlicheren Adepten“ macht er ein Übel aus, das zweite in den tiefenpsychologischen Fokaltherapien. Kein einziges abwägendes Wort bei ihm. Er spricht nicht über die wichtige Frage von Transparenz in Therapien. Kein Wort zu den inzwischen klar positiven Ergebnissen, die wir, insbesondere im Bereich der Psychotraumatologie und bei Angststörungen, für eine Reihe von störungsspezifischen Methodiken haben.

Er vermeidet die Orientierung an der Wirklichkeit, wenn er Therapien von mehr als 100 Stunden für häufig erforderlich hält. Man muss nur im gleichen DÄ acht Seiten zurückblättern, um zu erfahren, wie prekär in vielen ambulanten Bereichen die psychotherapeutische Versorgung ist, auch wenn inzwischen circa 4,6 Prozent (2009) der vertragsärztlichen Gesamtvergütung für Psychotherapie aufgewendet werden. Ich meine keinesfalls, dass dies zu viel wäre, aber man sollte doch ehrlich mit den Zahlen umgehen. Wahrscheinlich haben eine fehlende Zielorientierung, Fokalisierung und Störungsspezifität, und damit auch zeitliche Begrenzung, den Ausschluss gerade der schwer beeinträchtigten Patient(inn)en von der Therapie zur Folge. Psychotherapie ist auch ethisch verpflichtet, allen, die von ihr gut profitieren können, zugänglich zu sein – Menschen, die in unterschiedlichsten sozialen Zwängen leben. Es gibt Hinweise, dass Intervalltherapien, Kombinationen von Einzel- und Gruppentherapien gute Erfolge haben und die manchmal erheblich nachteiligen Folgen der chronischen Abhängigkeit von Therapeuten mindern.

Pathetisch wie ein Reformator hat Herr Moser einen Artikel mit dem Ressentiment aus der engen Welt eines Psychoanalytikers verfasst. Analytische Psychotherapie hat sicherlich eine bleibende Daseinsberechtigung, gerade bei Menschen mit tiefgreifenden Persönlichkeitsproblematiken. In der therapeutischen Alltagswirklichkeit kommen Patienten mit zum Beispiel ausgeprägten impulsiven oder obsessiven Problematiken und Bindungsstörungen über die psychiatrische Basisbehandlung nicht hinaus.

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Der Wert der therapeutischen Beziehung steht außer Frage. Die Reflexion der Gegenübertragung gestattet uns, flexibel auch direktive Methodiken und Techniken so einzusetzen, dass die therapeutische Allianz gestärkt und Therapien erfolgreicher werden. Umso deutlicher können sich Therapeut(inn)en dann gegen einen unmenschlichen Zeitdruck und sinnwidrige ökonomische Diktate wehren.

Dr. med. Helmut Rießbeck, Ärztlicher Psychotherapeut, 91126 Schwabach

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