ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Psychotherapien: Diktat des Marktes
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Mosers Statement gegen den therapeutischen Beschleunigungswahn gibt Rückhalt, am Glauben an den Raum für Heilungsprozesse trotz deren Unnormierbarkeit und kostentechnischer Geringschätzung festzuhalten.

Das Diktat des Marktes über Körper, Seele und Geist geht ja nunmehr soweit, dass deren Eigengesetzlichkeit sich diesem zu fügen hat – eine Hybris des modernen Menschen? Der Psychoanalytiker Erich Fromm hat schon vor mehr als 30 Jahren die Gefahren der Selbstentfremdung des Marketingcharakters und seiner Abkehr vom Lebendigen, den nekrophilen Weg vom Sein zum Haben, aufgezeigt und hierin die psychopathologische Grundlage moderner Störungen gesehen. Zeigt sich in der Oberflächenbehandlung menschlichen Leids die zunehmende Abkehr vom Seelischen? Etabliert sich in der Manualisierung therapeutischer Arbeit eine schizoide Kultur zwischenmenschlicher Ahnungslosigkeit, in der Empathie und Intuition als Zugangswege verloren gehen? Werden Therapeuten durch ihre gewollte Austauschbarkeit aufgrund operationalisierten Handelns, wie Maio treffend im von Moser zitierten Artikel bemerkt, zu gesichtslosen Fabrikarbeitern der Psychoheilungsindustrie?

Es wäre traurig, wenn die Bedeutung von warmherziger und ermutigender Beziehung, wie im Artikel erwähnt, als wirkmächtigster Faktor für Heilung verloren geht. Auch wäre es schade, wenn das Interesse an der Begegnung mit der Seele – der eigenen in der (leider zunehmend weniger werdenden) Selbsterfahrung angehender Therapeuten, der des Patienten durch Hinspüren und Neugier – verloren geht, bar einer entindividualisierenden Methodik. Ich wünsche mir mehr öffentliche Stimmen wie die von Moser, um dem angedeuteten Trend entgegenzuwirken und einer idealististischen Nachwuchsgeneration Mut zu machen.

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Christian Dürich, 44359 Dortmund

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