ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Psychotherapien: Wir brauchen kurze Psychotherapien!

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Psychotherapien: Wir brauchen kurze Psychotherapien!

PP 12, Ausgabe Januar 2013, Seite 28

Cüppers, Ralf

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Tilmann Moser hat ja recht, dass man „Psychotherapien nicht einfach abkürzen darf“, denn die Abkürzung oder der Abbruch kann Schaden anrichten. Wenn jedoch Léon Wurmser geduldig und beharrlich 1 450 Therapiestunden ver(sch)wendet, bis sich bei einem Patienten Veränderungen ergeben, muss ich daraus schließen, dass dieser Patient über eine sehr lange Lebenszeit seine Symptomatik erdulden musste, und es wäre doch schön, wenn er schneller von seinem Leiden befreit wäre. Auch wenn es hin und wieder Patienten gibt, die mit der Anspruchshaltung kommen, sie müssten zunächst ihre gesamte Lebensgeschichte und traumatische Vergangenheit aufarbeiten, bevor sie sich verändern können, halte ich es für humaner, sie zuerst von der sie quälenden Symptomatik zu befreien und hier zu einer Veränderung zu kommen. Danach können wir immer noch gemeinsam entscheiden, ob zur Festigung des ersten Therapieerfolges die langwierige Aufarbeitung überhaupt notwendig ist. Wenn ja, dann wird es gemacht. Aber oft geht es auch ohne. Ich will keinesfalls Psychotherapien abkürzen, sondern vereinbare zunächst für jeweils kurze Therapieabschnitte Teilziele, und wenn ein Teilziel erarbeitet ist, kommt das nächste. „Manualtherapie“ ist mit einer derart individuellen Therapieplanung kaum vereinbar. In der Kritik der „Manualisierung“ der Psychotherapie stimme ich mit Tilmann Moser völlig überein. Das hat mit verbesserter Effizienz oder Effektivität wenig zu tun, aber viel mit Bürokratie. Soll ich einem Patienten, der ein subjektiv dringendes Problem hat, etwa in der siebten Stunde sagen, laut Manual müssen wir aber heute ein anderes Thema besprechen, sein Problem sei erst in der zwanzigsten Stunde dran? Wenn die Patienten selbst die Dringlichkeit ihrer Themen bestimmen dürfen, werden insgesamt oft dieselben besprochen, die auch die gängigen Manuale vorschlagen, allerdings oft in anderer Reihenfolge nach dem Bedürfnis des Patienten. Wir brauchen eine ressourcenorientierte Individualisierung und damit kurze Psychotherapien. Andernfalls bliebe Psychotherapie ein Luxus für wenige Auserwählte, und die große Mehrzahl der Patienten bleibt weiterhin unversorgt.

Mein Statistikprogramm zeigt mir an, dass ich in den letzten sieben Jahren etwa 10 000 Therapiestunden geleistet habe. Mit Léon Wurmsers „Geduld“ hätte ich dann gerade einmal sieben Patienten behandelt, bei mir sind es aber etwa 150 im Quartal und insgesamt mehr als 1 000 gewesen. Einfache Phobien sind innerhalb der ersten fünf Sitzungen zu heilen, da stelle ich noch nicht einmal einen Kurzzeitantrag. Im Sinne der Versorgungssicherstellung ist es notwendig, Patienten schnell in Therapie aufzunehmen und sie nicht lange warten und chronifizieren zu lassen. Gerade diese ersten fünf Sitzungen sind für die Diagnostik, die Krisenintervention, die Weichenstellung der Therapieplanung und für den ersten Anfangserfolg, der entscheidend notwendig ist für eine dauerhafte motivierte Mitarbeit des Patienten, besonders wichtig. Für diese „probatorischen“ Therapiestunden nach Ziffer 35150 muss es künftig deutlich mehr Punkte und Geld geben, als für die folgenden 25 nach Ziffer 35200 oder 35220 sowie die bis zu 80 nach 35201 oder 35221 . . . Die relativ schlechtere Honorierung der jeweils ersten fünf Sitzungen und der Ziffern des Kapitels 22 im Vergleich zu der „Antragspsychotherapie“ wirkt als ökonomischer Anreiz, dass Therapeuten Therapien in die Länge ziehen, und muss umgekehrt werden . . .

Dr. med. Ralf Cüppers, Arzt für Psychotherapeutische Medizin, 24943 Flensburg

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