ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Psychotherapien: Therapiequalität ist bedroht
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Den Gedanken von Tilmann Moser stimme ich uneingeschränkt zu.

Der von ihm definierte Beschleunigungswahn in der Psychotherapie treibt immer tollere Blüten. Jetzt ist sogar vorgesehen, die ersten zehn Behandlungsstunden überdurchschnittlich zu honorieren, jedoch bei zunehmender Stundenzahl den Punktwert schrittweise zu senken (zum Beispiel Medi-AG Baden-Württemberg).

Kein Zweifel: Kurzzeittherapie wird lukrativer – und sie wird natürlich zunehmen.

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Warum? Weil immer mehr Bagatellfälle in den Genuss teurer Kurzzeittherapien kommen; Fälle, die eher in die Sprechstunde des Hausarztes (Balint!) oder in die Beratungsstellen gehören als in die Sprechstunde des Psychotherapeuten (Partnerprobleme, Mobbing, Arbeitslosigkeit, Erziehungsprobleme etc.). Wer wird sich denn da noch die Mühe machen, eine echte zwischenmenschliche Beziehung zu schwerer Gestörten aufzubauen (was ja nur im Rahmen einer längerfristigen, unter Umständen jahrelangen therapeutischen Beziehung Nachreifungs- und Heilungschancen bieten kann)? Solche Patienten – es sind derer viele – passen nicht mehr in diese „Fast-Food-Therapielandschaft“. Sie werden allenfalls antherapiert und bleiben dann als Therapieruinen in unserer Disease-Management-Medizinlandschaft stehen.

Zugegeben: Die Verwaltung der Patienten wird immer besser. Griffige ICD-10-Diagnosen, diverse Manuale, Management allerorten, alles vermittelt den Eindruck von Transparenz, Kostenersparnis und Effizienz, evidenzbasiert und was es sonst noch alles gibt. Nur die Therapiequalität bleibt auf der Strecke, weil das Wichtigste scheinbar nicht mehr zählt: die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung . . .

Dr. med. Gustav Adolf Kohle, 71139 Ehningen

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