ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Zukunft der Psychotherapie: Kluge und lesenswerte Beiträge – mit einverleibten Ideen

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Zukunft der Psychotherapie: Kluge und lesenswerte Beiträge – mit einverleibten Ideen

PP 12, Ausgabe Januar 2013, Seite 30

Buchholz, Michael B.

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Aus dem schönen Heidelberg kamen öfter schon interessante Impulse. Die hier versammelten Kolleginnen und Kollegen haben sich geeinigt, die Zwangsjacke einer an Schulen orientierten Gesetzgebung abzulegen; weiteres Gerangel der Therapieschulen produziere Stagnation. An ihre Stelle müsse endlich die Freiheit treten, schulisch gebundene Kompetenzen zum Wohl ihrer Patienten zu lehren und anzuwenden und die Stärken der je anderen Schulen zu schützen – und gegebenenfalls dorthin zu überweisen. Peter Fiedler vertritt dies noble Ziel. Und es wird, mit einer charakteristischen Ausnahme, auf eine noble Weise anvisiert.

Alle Beiträge sind auf hohem Niveau. Fiedler stellt fest, wie „schmal“ gesicherte Kenntnisse für psychische Störungen noch sind und schlägt ein Festhalten an der alten Strotzka-Definition der Psychotherapie von 1975 vor. Reiner Bastine zertrümmert wuchtig das Komorbiditätskonzept. Die empirische Befundlage zeige, dass Komorbidität eher Regel als Ausnahme sei; monosymptomatische Störungen kommen in der Praxis so gut wie nicht vor. Zugrunde liege eine „konzeptuell-theoretische Aporie“ (Seite 19); man habe untersucht, wofür man Instrumente hatte. Die Fiktion einer kategorialen Abgrenzbarkeit psychischer Störungen „und damit die Annahme distinkter Störungseinheiten“ müsse „endgültig verabschiedet werden“. Ein solcher „kategorialer Fehler“ stehe einem zeitgemäßen Verständnis psychischer Störungen als praxisuntauglich entgegen (Seite 20). Man brauche übergeordnete Modelle für die Regulierung „des Selbstwertes, der Selbstakzeptanz und der Identität, des Verlustes von Kontrolle und Selbstbestimmung, Defizite der Emotionsregulation, unausgeschöpfte psychische und soziale Ressourcen, unbefriedigende soziale Beziehungen und Bindungen, mangelnde Bewältigung von Belastungen und sozialen Konflikten, unverarbeitete Lebensereignisse und Lebensthemen oder inadäquate Ziele und Motive“. (Seite 23) Das hatte man bisher so nur bei Psychoanalytikern gelesen.

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Auf diesen mit argumentativer Durchschlagskraft geschriebenen Beitrag beziehen sich die weiteren Texte. Christoph Mundt entwickelt eine psychopathologische Perspektive für die Psychotherapie der Schizophrenie in der Zukunft, der man gesättigte Praxiserfahrung ebenso anmerkt wie profunde Forschungskenntnis; auch er plädiert für eine „Denosologisierung“ (Seite 35); will heißen: bisher haben wir uns zu viel um Klassifikation und um den Fetisch der Diagnosen gedreht.

Enorme Intensität rauer Daten

Sabine C. Herpertz steuert einen informativen Überblick über die neurobiologischen Erkenntnisse der Psychotherapie bei, in deren weiterer Förderung sie die Zukunft der Psychotherapie sieht. Dem kann sich freilich Annette Kämmerer nicht anschließen. Ihr Beitrag über Psychotherapie und Geschlechtszugehörigkeit ist voll von epidemiologischen Befunden, die sie trocken einen an den anderen reiht, so dass man merkt, wie sich das alles reibt; gerade darin gewinnt sie rauen Daten enorme Intensität ab. Konsequent endet sie weniger bei der Neurobiologie, sondern sieht uns klinische Psychologen „gut beraten, uns wieder stärker einem sozialpsychologisch verwurzelten Menschenbild und einem ebensolchen Verständnis psychischer Störungen zuzuwenden. Die klinische Psychologie war stets eine wissenschaftliche Disziplin, die subversiven Charakter hatte“ (Seite 71).

Überwindung der Konkurrenz

Peter Fiedler schließt mit einem Beitrag, in welchem er die Überwindung der Konkurrenz vorschlägt: „von der Phänomenologie von Störungs- oder Krankheitsbildern her einen Weg zur Behandlung zu suchen“ (Seite 151). Praxis rangiere vor Forschung, und schließlich plädiert er dafür, „ausdrücklich an die bisherigen Erfolge einer phänomen- und störungsspezifischen Psychotherapie anzuschließen“.

Jetzt setzt man sich freilich überrascht hin, blättert das ganze Buch noch einmal durch, sichtet die angestrichenen Stellen – tatsächlich: die anderen Autoren möchten den störungsspezifischen Ansatz mit seinem diagnostischen Fetisch beenden, übergeordnete Themen nach dem Vorschlag von Bastine untersuchen, eher die sozialen Dimensionen wiedergewinnen. Doch Fiedler sieht genau in der Störungsorientierung die Zukunft? So einvernehmlich kann es in Heidelberg doch nicht sein. Liest man weiter, findet man sympathische Äußerungen: „Denn wohl jede Psychotherapie wandert trotz vorhandener Erkenntnis und Entwicklung von Sitzung zu Sitzung von einem Versuchsstadium ins nächste. Und jede Behandlung geht von der Beobachtung am neuen Einzelfall aus, auch wenn sich Therapeuten von vorhandener wissenschaftlicher Kenntnis leiten lassen (Seite 160).“

Jetzt begreift man: Diese verhaltenstherapeutische Sicht kommt einem bekannt vor. Sie ist eine Reformulierung des Junktims von Heilen und Forschen, folgt dem Rat, mit gleichschwebender Aufmerksamkeit seinem Patienten zuzuhören und weiß darum, dass mit jedem Patienten eine „Hexenprobe“ zu bestehen ist, dass man nämlich am Anfang nicht sicher wissen könne, bei noch so viel formaler Diagnostik, womit man es da zu tun hat. So ist es. Das hatte vor mehr als 100 Jahren der Mann beschrieben, dessen Lehre in diesem Buch kaum vorkommt, der Begründer der Psychoanalyse: Sigmund Freud. Man merkt: Die populäre Devise vom „Schluß mit der Konkurrenz“ hat die Psychoanalyse von vorneherein ausgegrenzt.

Das folgt einer publizistischen Strategie. In verhaltenstherapeutischen Lehrbüchern kann man lesen, man wolle Leser über Richtlinienverfahren aufklären – und dann werden VT und TP vorgestellt. Psychoanalyse, heißt es dann, werde es in wenigen Jahren ja gar nicht mehr geben. Das Ende der Konkurrenz wird hier mit einer Strategie des Verschweigens oder Totschweigens erreicht. Studierende erfahren so überhaupt nicht mehr, dass es Psychoanalyse gibt und dass alle Nachrichten von ihrem Ableben verfrüht sind. Wobei man sich die Erbmasse der Psychoanalyse, Beispiele habe ich genannt, gleich mit unter den Nagel reißt. Übrigens auch die der Systemiker. Deren Fragestrategien (hypothetisch, zirkulär und so weiter) werden zwar in Lehrbüchern beschrieben. Aber Autoren dieser anderen Schulen werden so wenig genannt wie wenn Verhaltenstherapeuten ohne Quellen von „Widerstand“ und „Übertragung“ schreiben. Auf einer letztseitigen Werbung in diesem Buch wird die „3. Welle der Verhaltenstherapie: Das Erleben des Patienten steht im Mittelpunkt“ genannt. Das stammt von den Gesprächstherapeuten. Diese Art von publizistischem Kannibalismus, sich alles von anderen einzuverleiben ohne auch nur theoretische Rezepte, fremde Köche und deren Kunst zu erwähnen oder gar anzuerkennen, wird nicht dadurch besser, dass man Gerd Rudolf mit ins Boot nimmt.

Die publizistische Strategie bleibt ärgerlich. Sie ist weder fair noch klärt sie die Differenzen hinreichend. Der Untertitel des Buches gehört gestrichen. Dann haben wir es immer noch mit lesenswerten, klugen und ideenreichen Beiträgen zu tun, die auch Therapeuten anderer Schulen mit Gewinn zur Kenntnis nehmen werden, weil sie den gewachsenen Wert von Forschung zeigen. Wir sehen eine Zukunft der Psychotherapie, wie Heidelberg-United sich das vorstellt – sehr anregend, gut geschrieben, lesenswert, diskussionsfähig – und natürlich diskussionsbedürftig. Konkurrenz im besten Sinne. Aber es wäre ein unfairer und aktiver Beitrag zur Fortsetzung der Konkurrenz statt zu deren Beendigung, wenn deren Beiträge überhaupt nicht zu Worte kommen. Michael B. Buchholz

Peter Fiedler (Hrsg.): Die Zukunft der Psychotherapie. Wann ist endlich Schluss mit der Konkurrenz? Springer, Berlin 2012, 167 Seiten, kartoniert, 44,95 Euro

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