ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Missbrauch in der Psychotherapie: Verstrickungen in der Psychoanalyse

BÜCHER

Missbrauch in der Psychotherapie: Verstrickungen in der Psychoanalyse

PP 12, Ausgabe Januar 2013, Seite 32

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Mathias Hirsch ist einer der erfahrensten Theoretiker über Verstrickungen in der Psychoanalyse: vom „Realen Inzest“ (1987) bis zu diesem letzten Buch, dessen Thema man als „drohenden Inzest“ beschreiben könnte, spannt sich ein weiter Bogen, und immer stand auch der Körper im Mittelpunkt, selbst wenn er auf ganz klassische Weise, auch für Hirsch, der „Unberührbare“ blieb. Freud und vor allem die viel strengeren Nachfolger hatten es so quasi therapiegesetzlich statuiert. Der Körper bleibt in der Psychoanalyse das Gefährliche, außer er wird als „symbolischer Körper“ in der Fantasie und rein sprachlich betrachtet.

Als Spezialist des Themas hat Hirsch in Supervisionen sicher viel zu hören bekommen von kollegialen Übergriffen, er kennt die Forschungsliteratur wie die Kämpfe um Reinheit, aber auch die Verteidigungsreden der Sünder wider das Missbrauchsverbot.

Anzeige

Freuds Gebot der „Abstinenz“ und seine doktrinäre Verfestigung in der „neutralen“ Psychoanalyse wandelt sich in letzter Zeit dadurch, dass die Analyse die intersubjektive, die wechselseitige Beeinflussung von Therapeut und Patient entdeckt hat. Das macht die Begegnung aber auch „gefährlicher“, weil sich der Therapeut viel mehr einlässt und mehr von sich zeigen muss. Angesichts der vielen Übergriffe haben die therapeutischen Verbände Ethikkommissionen und strenge Richtlinien ins Leben gerufen, auch gegen die Verführbarkeit und unerledigte Pathologie von Analytikern, die bei ihren Patienten selbst nach Erlösung suchen. Mit Bitterkeit vermerkt Hirsch, „dass geachtete Kollegen, die sich auch an der Spitze der Institutionen und Berufsorganisationen befanden, neben einem warmherzigen freundlichen . . . Teil der Persönlichkeit einen anderen, abgespaltenen, verborgenen hatten, mit dem sie kalt Schutzbefohlene sexuell ausbeuteten“. Ein beklemmendes Beispiel dafür findet man in dem spannenden Therapiebericht von Margarete Akoluth „Unordnung und spätes Leid. Bericht über den Versuch, eine misslungene Analyse zu bewältigen“ (2004).

Ausführliche Kapitel in Hirschs Buch sind auch den Vorgängen in Familien, Internaten und katholischen Institutionen gewidmet. Hirsch fügt eine so erhellende wie umfangreiche beißende Kritik an dem „Wendehals“ Günther Bittner an, der sich vom Vorkämpfer absoluter Berührungslosigkeit zum Legitimierer von Sexualität innerhalb einer Analyse gewandelt hat. Tilmann Moser

Mathias Hirsch: „Goldmine und Minenfeld“. Liebe und sexueller Machtmissbrauch in der analytischen Psychotherapie und anderen Abhängigkeitsbeziehungen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 241 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema