ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2013Letzte Ruhestätten: Sichtbare Geschichte

KULTUR

Letzte Ruhestätten: Sichtbare Geschichte

PP 12, Ausgabe Januar 2013, Seite 34

Traub, Ulrich

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Berlin hat mit 240 Friedhöfen die meisten aller europäischen Metropolen.

Blick auf den Dorotheen - städtischen Friedhof – hier das Grabmal von Architekt Johann Heinrich Strack (1805–1880). Foto: dpa
Blick auf den Dorotheen - städtischen Friedhof – hier das Grabmal von Architekt Johann Heinrich Strack (1805–1880). Foto: dpa

Der Dorotheenstädtische Friedhof an der Chausseestraße ist ein Pilgerziel für viele, die den zahlreichen Geistesgrößen und Künstlern, die noch bis in unsere Tage dort begraben werden, die letzte Ehre erweisen möchten. Von den Baumeistern Schinkel und Stüler über die Philosophen Fichte und Hegel, die Komponisten Paul Dessau und Hanns Eisler bis hin zu Schriftstellern wie Anna Seghers und Arnold Zweig ist auf diesem 1762 angelegten Friedhof mehr Kulturgeschichte versammelt als auf irgendeiner anderen Begräbnisstätte in Deutschland.

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Aber nicht auf allen Berliner Begräbnisstätten wurde den Toten ein ehrendes Andenken bewahrt. Einige sind zu Schauplätzen der deutschen Teilung degradiert worden: Sie waren beim Bau der Mauer im Weg. Für die Sicherung der Grenze der DDR war immer mehr Platz nötig. Grabstätten wurden ohne Rücksicht auf ihre kulturhistorische Bedeutung zerstört. So kann man sich der schmerzhaften Erkenntnis, dass der Todesstreifen dort seiner Namensgebung im doppelten Sinne gerecht geworden ist, nicht entziehen. Auf dem Invalidenfriedhof in der Scharnhorststraße ist die Geschichte sichtbar. Das 1748 als Militärfriedhof angelegte Gräberfeld wirkt wie eine noch schwärende Wunde. Reste der Mauer sind als Mahnmal auf der Anlage verblieben. Mehr als 90 Prozent der Gräber wurden demontiert und eingeebnet. Weil preußische Militärs dort ihre letzte Ruhestätte fanden, wollten die Nazis die Anlage zum „Heldenfriedhof“ ausbauen. Monumentale Gräber leisteten ihren Vorstellungen Vorschub. Der Zweite Weltkrieg setzte den Planungen ein Ende. Das Gras, das inzwischen auch über das Grab des Holocaust-Planers Heydrich gewachsen ist, wird die Vergangenheit jedoch nicht tilgen können.

Berlin hat mit 240 Friedhöfen die meisten aller europäischen Metropolen. Eine zentrale Begräbnisstätte gibt es nur dem Namen nach, den Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Dort liegt die 1951 nach ihrer Zerstörung durch die Nazis neu errichtete Gedenkstätte der Sozialisten. Seite an Seite ruhen nun Politbürogrößen neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, deren Bestattung auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain untersagt worden war. In Friedrichsfelde wurde ihnen schließlich eine Parzelle gewährt. Als die Begräbnisstätte 1881 im weitläufigen Parkstil angelegt wurde, war das ein Novum in der Hauptstadt. Viele der älteren Friedhöfe, deren kleine, intime Flächen hinter hohen Mauern sich in der ungezügelt gewachsenen Stadt nun zwischen Wohnhäusern, Straßen und S-Bahn-Trassen wiederfinden, werden nur noch selten oder gar nicht mehr belegt.

Man wähnt sich an einem aus der Zeit gefallenen Ort, wenn man durch das Labyrinth der Friedhöfe am Halleschen Tor in Kreuzberg streift. Dort wurde die Romantik zu Grabe getragen: Mendelssohn-Bartholdy, Chamisso, Rahel Varnhagen von Ense nebst Gatten und E. T .A. Hoffmann, dessen Trinkkumpan, der Schauspieler Devrient, vor dem Grab nicht nur einmal „Komm raus, du“ gefordert haben soll. Was hier noch larmoyante Gedanken an eitles Streben und Vergänglichkeit auslösen mag, wird beim Besuch der riesigen Gräberfelder des jüdischen Friedhofs in Weißensee zur bedrückenden Erfahrung von Zeitgeschichte. Hinter der Gedenkstätte für die sechs Millionen jüdischen Opfer der NS-Gewaltherrschaft erstrecken sich auf 40 Hektar Gräber für mehr als 115 000 Tote. Eine lautlose Klage klingt durch die unzähligen Gräberreihen, eine Klage, der die Unmöglichkeit des Vergessens eingemeißelt ist.

Ulrich Traub

Informationen

Bei der Berlin-Tourismus-Marketing: 0190 016316 (kostenpflichtig) sind Informationen zu den Öffnungszeiten der Friedhöfe erhältlich. www.berlin-tourist-information.de; Führungen: www.stattreisenberlin.de; Telefon: 030 4553028; Lesetipp: Klaus Hammer: Friedhofsführer Berlin. Jaron Verlag, Berlin 2001.

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