ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2013Neurowissenschaft: Begrenztheit der Hirnforschung

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Neurowissenschaft: Begrenztheit der Hirnforschung

Dtsch Arztebl 2013; 110(3): A-84

Hunziker, Gabriella

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Das neue Buch von Felix Hasler wirft einen kritischen Blick auf die überzogene Interpretation neurowissenschaftlicher Daten. Psychosoziale Faktoren psychischer Störungen werden zunehmend abgewertet und durch eine radikal auf die Biologie reduzierte Sichtweise ersetzt. Früher hatten psychiatrische Störungen mit der eigenen Biografie zu tun. Heute dagegen werden sie im synaptischen Spalt geortet und als eine Hirnerkrankung angesehen. Die hauptsächliche Therapie erfolgt demzufolge im synaptischen Spalt. Die Hirnforschung vertritt die Auffassung, dass sich mit naturwissenschaftlichen Methoden das Denken und das Verhalten des Menschen erklären lassen.

Hasler deckt in seinem Buch zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche bezüglich der Interpretation von bildgebenden Verfahren auf. Er zeigt auf, weshalb es nicht möglich ist, mit reduktionistischen neuromolekularen Methoden die Komplexität des Gehirns verstehen zu wollen. Er führt Beispiele an, die zeigen, dass es der Pharmaindustrie immer wieder gelungen ist, ein Medikament auf den Markt zu bringen, obwohl klinische Studien dagegen sprachen. Zudem seien zahlreiche Studien bewusst manipuliert worden. Über direkte Finanzierung durch Pharmaunternehmen würden neue Krankheiten popularisiert und vermarktet. Die besten Chancen für „condition branding“ gebe es in der Psychiatrie. Hasler geht davon aus, dass sich in Zukunft die Zahl der psychiatrischen Patienten drastisch erhöhen wird. So würden in der geplanten Neufassung des DSM-5 (US-amerikanisches Diagnostik-Manual) die Diagnosekriterien ausgeweitet. Am umstrittensten sei die Einführung einer ganzen Reihe von „Risiko-Syndromen“.

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Zum Thema Kinder- und Jugendpsychiatrie findet Felix Hasler deutliche Worte: „Die heute dominierende Sichtweise, dass abweichendes Verhalten eines Kindes durch eine neurologische oder biochemische Abweichung verursacht ist, verschiebt den Ort der Einflussnahme weg von pädagogischen Interventionen durch Eltern und Lehrer hin auf die Bühne der Medizin.“

Die biologische Psychiatrie, die zu einem umfassenden Erklärungsmodell für psychiatrische Erkrankungen geworden ist, trägt zu einem Neurofatalismus bei. Es ist wichtig, den Menschen wieder als einen durch seine Familie und Umwelt Gewordenen zu sehen, der nicht seiner Hirnchemie ausgeliefert ist, sondern sich mit seinen Gefühlen aktiv auseinandersetzen und sich dadurch verändern kann. Effektiv und nachhaltig sind deshalb psychotherapeutische Verfahren. Glücklicherweise bildet sich eine neue Generation von kritischen Neurowissenschaftlern, welche sehr wohl die Begrenztheit der Hirnforschung erkennen.

Das Buch fesselt von Beginn an durch Haslers scharfsinnige Gedanken. Es ist ein Muss für die Auseinandersetzung mit den aktuellen Strömungen in der Psychiatrie. Gabriella Hunziker

Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Transcript, Bielefeld 2012, 264 Seiten, kartoniert, 22,80 Euro

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