ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2013Börsebius: Gehängt wird später

GELDANLAGE

Börsebius: Gehängt wird später

Dtsch Arztebl 2013; 110(3): A-92 / B-84 / C-84

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Das können die Amerikaner wirklich gut: einen perfekten Showdown inszenieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich das Ganze in Hollywood, an der Wallstreet oder in den beiden Kammern des Kongresses abspielt.

Mit einem wahnsinnigen Gespür für Dramatik rangelten die Beteiligten um die sogenannte Fiskalklippe und die Weltöffentlichkeit starrte denn auch fasziniert zwischen Weihnachten und Neujahr nach Washington, um sich richtig schön zu gruseln, ob zu Mitternacht durch den Automatismus besagter Klippe (harsches automatisches Streichen von Staatsausgaben nach dem Rasenmäherprinzip) eine ganze Volkswirtschaft in den Abgrund stürzt oder nicht.

Den gefundenen Kompromiss (darunter höhere Steuern für Reiche) feierten die Finanzmärkte wie einen fulminanten Sieg der Vernunft. Das ist, bei genauer Betrachtung, völliger Unfug. Einmal davon abgesehen, dass die Welt bestaunen könnte, welch unwürdiger Hickhack vor dem Hintergrund eines todernsten existenziellen Themas von den politisch Verantwortlichen inszeniert wurde, zeigt schon die ebenfalls getroffene Vereinbarung über die Verschiebung der automatischen Ausgabenkürzung von 1,2 Billionen Dollar auf März, dass der Zeitgewinn nur sehr minimal ist. Von tatsächlichen Sparanstrengungen und Schuldenabbau ist eh weit und breit keine Spur zu sehen.

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Dabei graut es den US-amerikanischen Finanzminister Timothy Geithner auch nicht vor Kasperle-Kunststückchen, um die Schuldenzahlen kleinzurechnen. Wie zu hören ist, schlug er jüngst die Prägung einer einzigen Platinmünze vor. Mit dem unfassbaren Nennwert von einer Billion Dollar. Es könnten aber auch zwei Billionen gewesen sein, macht auch keinen großen Unterschied. Wie auch immer, der „Gegenwert“ der Münze könnte, so der alerte Timothy, dann bei der Federal Reserve quasi eingezahlt werden und im Gegenzug dafür neue Dollars gedruckt werden.

Ob die Geldschöpfung der besonderen Art wirklich ernst gemeint war oder im Zustand totaler Trunkenheit geäußert wurde, wurde nicht preisgegeben, bislang wenigstens nicht, ebenso wenig, ob irgendeiner im Government über diesen bizarren Vorschlag entzückt oder empört war. Alles nach dem Motto: „Gestern (also zum Jahreswechsel) standen wir noch kurz vor dem Abgrund, aber heute sind wir einen großen Schritt weiter.“

Die Fiskalklippe ist also noch längst nicht aus der Welt und die Hinrichtung bestenfalls aufgeschoben. Wer dann gehängt wird, ist allerdings noch nicht geklärt. Vermutlich trifft es dann die unschuldigen Anleger. Mal wieder.

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