ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2013Praxisgebühr: Viele Nachteile
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Als niedergelassener hausärztlicher Internist bin einerseits froh, dass der Praxisablauf seit dem 1. Januar entlastet worden ist, weil die MFA keine zehn Euro mehr kassieren müssen. Andererseits sehe ich viele nachteilige Aspekte bei der Abschaffung der Praxisgebühr, die in der öffentlichen Diskussion zu selten oder gar nicht erwähnt werden.

Die gebetsmühlenartig vorgetragene Behauptung der Politiker und der Medien, dass die Praxisgebühr (PG) zu keiner Begrenzung der Arztkonsultationen geführt habe, ist völlig aus der Luft gegriffen, da es ja keine Vergleichsgruppe gegeben hat (das heißt, niemand weiß, wie sich seit 2004 ohne die Praxisgebühr die Häufigkeit der Arztkonsultationen und der Inanspruchnahmen von Fachärzten unter Umgehung des Hausarztes entwickelt hätte). Die anhaltend hohe Zahl von Arztkonsultationen in Deutschland (im Durchschnitt 18 pro Jahr) wird im Wesentlichen von einer kleinen Gruppe schwer kranker Personen verursacht (Transplantierte zum Beispiel haben 53 Kontakte im Jahr), nicht vom Gros der breiten Bevölkerung.

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Das subjektive Empfinden von vielen Hausärzten ist, dass die PG sehr wohl eine gewisse Lenkungsfunktion hatte: einmalige Zahlung beim Hausarzt, dort Erhebung einer Anamnese sowie eine Untersuchung und dann bedarfsweise Überweisung zu den Fachärzten. Dem Ärztehopping ist nun ab 1. Januar 2013 Tür und Tor geöffnet – unnötige Doppeluntersuchungen werden zunehmen. Patienten werden vermehrt ohne Überweisung zum Facharzt gehen, und wir Hausärzte werden über diese Konsultationen meist nicht informiert werden – zum Schaden des Patienten. Die PG hätte meines Erachtens erst dann abgeschafft werden sollen, wenn flächendeckend über funktionierende Hausarztverträge mit allen Kassen die Lotsenfunktion des Hausarztes wieder etabliert worden wäre. Patienten müssen in Zukunft vermehrt zur Übernahme von Eigenverantwortung angehalten werden. . . . Hierzu ist unter anderem eine finanzielle Eigenbeteiligung ein wirksames Instrument. Sinnvoller als die Praxisgebühr abzuschaffen, wäre es daher, sie umzugestalten . . .

Die Praxisgebühr war ein Vorschuss auf das Honorar der Praxis, den nicht die Krankenkassen bezahlt haben, sondern eben die Versicherten/Patienten. Dieser Vorschuss wurde von der Kassenärztlichen Vereinigung später vom Honorar abgezogen. Hat also eine Hausarztpraxis bisher pro Quartal zum Beispiel bei 600 Patienten zehn Euro kassiert, dann wurden diese 6 000 Euro von der Gesamtsumme der KV-Einnahmen wieder abgezogen. Fällt nun diese Praxisgebühr weg, dann bekommt die Arztpraxis im Endeffekt dadurch nicht weniger Geld, aber einen Teil des Honorars erst circa ein halbes Jahr später! Das heißt, es fehlen im ersten Halbjahr 2013 in obigem Beispiel 12 000 Euro an freien Mitteln. Das ist ein erheblicher Betrag. Zur Vermeidung von Liquiditätsproblemen werden die KVen die monatliche Vorauszahlung erhöhen müssen – was dann konsekutiv zu Engpässen bei der KV führen wird.

Dr. med. Jens Braun, 64646 Heppenheim

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