ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2013Gesundheitschancen: Thalassämien nur bei Migranten
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In diesem Artikel wird die Frage gestellt: Ist der Migrationsstatus ein eigenständiger Risikomarker? Diese Frage ist mit einem großen JA zu beantworten aus folgenden Gründen:

Hämoglobinkrankheiten wie Thalassämien und Sichelzellkrankheiten, die übrigens mit keinem Wort in diesem Artikel erwähnt werden, kommen in Deutschland nur bei Menschen mit Migrationshintergrund vor. Bei uns gibt es circa 1 000 bis 1 500 Sichelzellpatienten und circa 500 bis 600 Patienten mit Thalassaemia major beziehungsweise intermedia. Und in Deutschland leben circa 150 bis 200 000 heterozygote Anlageträger für die jeweilige Erkrankung. Diese Träger werden nur durch Zufall erfasst und über ihr genetisches Risiko aufgeklärt. Bei der ersten Vorsorgeuntersuchung wird bei Schwangeren aus einem Risikoland für Thalassämie (Türkei, Griechenland, Italien, Mittlerer Osten, Nordafrika, Südostasien) ein niedriges MCV, wenn es überhaupt bemerkt wird, als Hinweis für einen Eisenmangel gesehen, und es wird nicht daran gedacht, dass ein niedriges MCV bei normaler RDW ein Hinweis auf Thalassämie-Trägerschaft ist. Bei Schwangeren aus Risikoländern für die Sichelzellkrankheit (Südosten der Türkei, Süditalien, Griechenland Zentralafrika, Indien) wird keine Hb-Analyse angefordert, um eine HbS-Trägerschaft festzustellen, obwohl in Zentralafrika bis zu 40 Prozent der Bevölkerung HbS-Träger sind. Folge: Ohne Trägerschaftsnachweis keine Partneruntersuchung und keine Möglichkeit, pränatale Diagnostik anzubieten. Die Untersuchung auf Trägerschaft für die beiden genannten Erkrankungen wird in unseren Nachbarländern routinemäßig bei jeder Schwangeren aus einem Risikoland durchgeführt.

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Ebenfalls anders als in unseren Nachbarländern gibt es in Deutschland kein Neugeborenen-Screening für die Sichelzellerkrankung. Dadurch entstehen eine hohe Morbidität und Mortalität, vor allem durch nicht erkannte oder falsch behandelte Milzsequestrationskrisen bei jungen Kindern.

Völlig unterversorgt sind erwachsene Sichelzell- und Thalassämiepatienten, da es nicht ausreichend Internisten gibt, die sich für diese Patienten einsetzen, wenn sie die Kinderklinik nach dem 18. Lebensjahr verlassen müssen.

Es ist dringend notwendig, dass die für unsere Migranten spezifischen Erkrankungen ernst genommen werden, Eingang finden in die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und dass Prävention und Behandlung der Sichelzellkrankheit beziehungsweise Thalassämie den gleichen Stellenwert haben wie bei onkologischen Erkrankungen.

Dr. med. Roswitha Dickerhoff, Klinik für Kinder-Onkologie, -Hämatologie und Klinische Immunologie, Universität Düsseldorf, 40225 Düsseldorf

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