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Ist der Präparierkurs notwendig?

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2013: 8

Ochs, Matthias; Lippert, Herbert

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Der Kursus der makroskopischen Anatomie ist ein zentraler Bestandteil der Vorklinik. Völlig richtig, sagen die Befürworter: Schließlich ist die Anatomie die Basis der Medizin. Doch ist das Präparieren wirklich hilfreich, um die Anatomie des Lebenden zu verstehen? Die Körperspender sind oft alt und krank, ihre Leichname fixiert. Sollte man nicht den Schwerpunkt auf anwendungsorientierte Untersuchungskurse legen?

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Soll der Präparierkurs abgeschafft werden? Dazu haben wir Medizinstudierende befragt. www.aerzteblatt.de/video52242

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Grundlage ärztlichen Handelns

Prof. Dr. med. Matthias Ochs, Institut für Funktionelle und Angewandte Anatomie, Medizinische Hochschule Hannover

Mangelnde Anatomiekenntnisse gefährden Patienten. Anatomie kann man aber nicht allein aus Büchern oder am Bildschirm lernen und auch nicht allein am Lebenden. Ohne die nur im Präparierkurs mögliche intensive Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper ist ein profundes Verständnis seiner Struktur nicht möglich. Dieses Verständnis benötigt jeder Arzt.

Was würde verloren gehen, wenn es den Präparierkurs nicht mehr gäbe? Der didaktische Aspekt: Den Bau des menschlichen Körpers kann man nur im Präparierkurs „begreifen“. Solange Ärzte reale Patienten behandeln, muss auch Anatomie real vermittelt werden. Der soziale Aspekt: Präparieren ist Teamarbeit unter Anleitung. Je besser die Zusammenarbeit in der Gruppe, desto besser der Lernerfolg jedes Einzelnen. Der ethische Aspekt: Zum Präparierkurs gehören der Umgang mit dem Leichnam und die Auseinandersetzung mit dem Tod. Dies trägt zur Erlangung einer professionellen Haltung bei.

Erst im Präpariersaal zeigt sich, wie variantenreich die reale Anatomie des Menschen ist. Sie ist eben auch eine Anatomie von Normabweichungen, denn unsere evolutionsbiologische Daseinsberechtigung ist es, verschieden zu sein.

Nur die Präparation ermöglicht, sich das Innere des menschlichen Körpers aktiv mit den eigenen Sinnen begreiflich zu machen. Dies verlangt, sich vorzubereiten, denn man kann nur sehen (präparieren), was man weiß. So wird hypothesengeleitetes Arbeiten praktiziert, mit Gründlichkeit in der Beobachtung und Exaktheit in der Beschreibung – fundamentalen ärztlichen Fähigkeiten. Der Präparierkurs ist also eine Übung im wissenschaftlichen Denken in der Medizin.

Die Auseinandersetzung mit dem Leichnam führt zur Selbstreflexion. Das anatomische Präparat ist ein Objekt, doch steht dahinter ein verstorbener Körperspender mit seiner Biografie. Im Kursverlauf entwickelt sich eine professionelle Coping-Strategie, die diese beiden Sichtweisen zusammenbringt. Zur wissenschaftlich-rationalen Haltung kommt somit die ärztlich-empathische Haltung hinzu. Der Präparierkurs ist also ein wichtiger Abschnitt in der Sozialisation zum Arzt.

Eine sinnvolle Ergänzung sind Veranstaltungen zur Anatomie am Lebenden, aber auch nicht mehr. Der Erwerb klinischer Fähigkeiten, zum Beispiel körperlicher Untersuchungstechniken, ersetzt nicht den Erwerb einer soliden anatomischen Basis. Auch eine bildgebende Anatomie, die eine nur virtuelle Realität erzeugt, kann die reale Anatomie niemals ersetzen. Es ist ein Unterschied, ein Land nur von Fotos zu kennen oder es selbst bereist zu haben.

KONTRA

Foto: privat
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Nicht mehr zeitgemäß

Prof. Dr. med. Dr. phil. Dipl.-Psych. Herbert Lippert, Facharzt für Anatomie, Neustadt am Rübenberge

Die in der Approbationsordnung für Ärzte vorgeschriebenen Pflichtkurse dienen vor allem dem Einüben von diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen zur späteren Anwendung am Patienten. Dementsprechend sollten die Studierenden nach Absolvieren des Kursus der makroskopischen Anatomie

  • alle tastbaren Knochenteile, Muskeln, Sehnen, Arterienpulse, Lymphknoten und Nerven tasten
  • die Beweglichkeit von Gelenken messen
  • Funktion, Kraft und Reflexe von Muskeln prüfen
  • Mundhöhle und Körperoberfläche inspizieren
  • Befunde der peripheren und segmentalen Innervation zuordnen
  • Größe und Beschaffenheit innerer Organe durch Palpation, Auskultation und Perkussion ermitteln und die Projektion der Organgrenzen auf die Haut einzeichnen
  • sich auf Röntgenbildern, CT und MRT orientieren können.

Sie sollten die körperliche Untersuchung des Gesunden so weit beherrschen, dass sie im späteren Untersuchungskurs das Pathologische am Patienten erkennen können.

Was übt man aber in einem konventionellen Präparierkurs? In erster Linie die Technik der anatomischen Präparation, ferner die Orientierung in anatomischen Präparaten und das Ablegen der Scheu vor der Leiche. An der konservierten Leiche kann man durch die intakte Haut nur einige Knochenvorsprünge, aber keine Muskelkontraktionen, Arterienpulse, Lymphknoten und Nerven tasten. Man kann die Gelenke nicht bewegen.

Um die makroskopische Anatomie auf den Patienten anwenden zu können, sind Übungen am Lebenden unumgänglich. Diese erfolgen am besten in gegenseitiger Untersuchung der Studierenden, weil diese dabei am eigenen Leibe erleben, wie unangenehm eine gefühllose ärztliche Untersuchung sein kann. An manchen medizinischen Fakultäten werden solche Übungen nicht angeboten, weil dafür keine Zeit sei. Dann wäre es besser, auf den Präparierkurs als Pflichtveranstaltung zu verzichten und das Studium der Leichenanatomie auf Demonstrationspräparate zu beschränken. Denn auch der Präparierkurs ist im Wesentlichen ein Demonstrationskurs, in dem die einzelnen Studierenden nur einen kleinen Teil der Zeit selbst präparieren und den größeren Teil zusehen, was die anderen tun. Intensives kontinuierliches Präparieren ist praktisch nur in freiwilligen Ferienkursen möglich.

Ein Kursus der makroskopischen Anatomie mit dem Schwerpunkt „Übungen am Lebenden“ ist für den späteren Arzt sinnvoller als ein konventioneller Präparierkurs. Ergänzt werden sollte er durch das Studium von Skelett, Präparaten und bildgebenden Verfahren.

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