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Medizinstudierende mit Migrationshintergrund: „Man bekommt nichts geschenkt“

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2013: 12

Protschka, Johanna

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Der durchschnittliche Medizinstudent hat eine Abiturnote von 1,7 und kommt aus einem akademischen Elternhaus. Ayse Cetintas kommt aus keinem akademischen Umfeld und hat einen Abiturschnitt von 1,2. Die Deutschtürkin hat sich erfolgreich in der Schule behauptet und studiert nun Medizin.

Gleich hat sie noch eine Vorlesung, sie hat also nicht allzu lange Zeit – so ist das eben, wenn man Medizin studiert. Nach der Klausur ist vor der Klausur. Ayse Cetintas ist 20 Jahre alt und studiert im dritten Semester an der Medizinischen Fakultät der Kölner Universität. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wäre da nicht die Tatsache, dass sie die einzige Studentin mit türkischem Migrationshintergrund in ihrem Studienjahrgang ist.

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Die deutsch-türkische Medizinstudentin ist eine engagierte junge Frau, sie strahlt Optimismus und Lebensfreude aus. Sie wohnt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Köln-Chorweiler, einem Viertel, das als sozialer Brennpunkt gilt. Der Anteil von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern ist dort so hoch wie kaum sonst in Köln. Vor allem Jugendliche sind von Arbeitslosigkeit bedroht, die meisten haben keinen höheren Schulabschluss. Ayse Cetintas hat es aber gegen jede Konvention geschafft. Sie hat sich mit eigener Kraft durchgeboxt. „Man bekommt nichts geschenkt“, sagt sie und lächelt ein wenig verlegen, „im Vergleich zu meinen deutschen Mitschülern musste ich mich in der Schule teilweise doppelt anstrengen.“ Es gab in ihrem Umfeld keine besonders gute Schul- und Nachhilfeförderung. Sie ging zunächst auf die Realschule. Als eher ruhiges und schüchternes Mädchen wollte sie nicht auffallen. „Vielleicht“, sagt die junge Studentin heute, „bin ich dadurch etwas untergegangen.“ In der siebten Klasse wechselte sie auf das Gymnasium und hat schließlich einen sehr guten Abschluss gemacht. Um ihren Abiturschnitt von 1,2 beneiden sie sicherlich viele Schulabgänger.

Lernen in der Bibliothek an der Universitätsklinik in Köln gehört für Ayse Cetintas zum Alltag. Fotos: Eberhard Hahne
Lernen in der Bibliothek an der Universitätsklinik in Köln gehört für Ayse Cetintas zum Alltag. Fotos: Eberhard Hahne

Als Ayse Cetintas ihr Abitur machte, war die Deutschtürkin eine sogenannte Bildungsinländerin. Das heißt, sie hatte die deutsche Staatsbürgerschaft noch nicht, hatte aber in Deutschland die Hochschulzugangsberechtigung erlangt. Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland haben ihre familiären Wurzeln in der Türkei. Den größten Anteil der Migrationsfamilien machen mit 21 Prozent diejenigen aus, in denen mindestens ein Elternteil einen türkischen Migrationshintergrund hat. Unter ihnen wiederum ist der Anteil jener, die unter 25 sind und keinen Schulabschluss oder einen Hauptschulabschluss haben, im Vergleich zu jungen Erwachsenen ohne Migrationshintergrund recht hoch. Laut einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung haben nur 14 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund das Abitur – Tendenz aber leicht steigend. Dass Ayse Cetintas mit ihrem beeindruckenden Notenschnitt eine doppelte Ausnahme ist, ist ihr bewusst.

Dabei war Bildung nie ein Thema bei den Cetintas. Die Eltern haben ihre beiden Töchter nicht zum Lernen getrieben, das geschah völlig freiwillig. Der Vater starb vor einigen Jahren, so dass die Frauen der Familie seither alles allein stemmen müssen. „Meine Mutter ist mächtig stolz auf ihre Kinder“, erzählt die Deutschtürkin, „sie erzählt allen Leuten, dass wir studieren und ich Ärztin werde.“ Die Mutter arbeitet als Reinigungskraft an der Uniklinik in Köln – dort, wo ihre Tochter vermutlich bald im weißen Kittel Patienten untersuchen wird. Sie ist vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen, der Vater schon einige Zeit vorher. Er hat bereits mit 14 die Türkei verlassen und arbeitete in Deutschland als Lagerist. Als er schwer krank wurde, war das auch ein harter Schnitt für das Familieneinkommen. Ayse Cetintas hat das nicht daran gehindert, „ihr Ding“ durchzuziehen. Sie muss, um studieren zu können, nebenher arbeiten, was mitunter sehr anstrengend ist, da die freie Zeit im Medizinstudium knapp bemessen ist.

Nach Angaben des Studentenwerks sind Studierende mit Migrationshintergrund in Deutschland mehrheitlich auf BAföG und einen Nebenjob angewiesen, da sie deutlich seltener von ihren Eltern finanziell unterstützt werden können als Studierende ohne Migrationshintergrund. Ayse Cetintas verbindet jedoch das Notwendige mit dem Nützlichen. Seit sie 18 ist, arbeitet sie als Pflegehelferin in einem Kölner Krankenhaus: „Ich lerne dabei jede Menge, und die Kolleginnen und Kollegen sind so nett! Sie schicken mich nicht nur herum, sondern nehmen mich auch als Medizinstudentin und angehende Ärztin wahr.“ Sie wollte schon seit der neunten Klasse Medizin studieren, nachdem sie bei einem Chirurgen im Krankenhaus ein Schülerpraktikum absolvieren durfte. In welche Fachrichtung sie geht, lässt sie sich aber noch offen. Die Onkologie interessiere sie sehr, weil da auch die Psyche des Menschen eine hervorgehobene Rolle spiele und ein enger Patientenkontakt gepflegt werde.

Aber wie läuft das im Studium, ist der Kontakt zu den „deutschen“ Kommilitonen gut? – Ja klar, meint sie, es sitzen ja alle in einem Boot. Interessanterweise habe sie jedoch die meisten Verbindungen zu den Studenten aus dem Ausland. Vielleicht sei die Hemmschwelle auf deren Seite auch nicht so hoch, sie anzusprechen: „Die denken sich vielleicht: Aha, die ist ursprünglich auch Ausländerin, die kann uns vielleicht sagen, wie das hier läuft und unsere Schwierigkeiten in Deutschland besser verstehen.“ Dadurch entstünden schon Grüppchen, weil man sich natürlich über ähnliche Themen austauschen könne. Denn auch als Muslima, die kein Kopftuch trägt, gibt es Dinge, die für ihre deutschen Kommilitonen vielleicht etwas ungewöhnlich erscheinen. Die Deutschtürkin fastet beispielsweise zu Ramadan und trinkt generell keinen Alkohol. Ansonsten hält sie es mit der Religion aber moderat. Gerade als Ärztin dürfe man nicht zimperlich sein: „Ich kann mich ja nicht hinstellen und sagen: Den Patienten behandle ich nicht, der ist ein Mann.“

Etwas anderes als der Arztberuf kommt für Ayse Cetintas nicht infrage. Sie bewundert auch diejenigen, die für diesen Traum kämpfen und jahrelang warten, weil bei ihnen zunächst der Abidurchschnitt nicht ausgereicht hat – Hut ab, meint die Studentin. Johanna Protschka

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