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Praktisches Jahr: Ein folgenschwerer Fehler

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2013: 24

Hibbeler, Birgit

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Ein Medizinstudent ist wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Er hat einem Säugling ein Medikament intravenös gespritzt, das für die orale Gabe bestimmt war.

Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne

Es ist wie in einem Alptraum: Wenige Wochen vor dem Ende seines praktischen Jahres (PJ) unterläuft einem Studenten ein schwerer Fehler. Er soll bei einem Säugling Blut abnehmen. Währenddessen kommt eine Schwester ins Zimmer und legt eine Spritze mit einem Antibiotikum bereit. Dieses ist für die orale Gabe vorgesehen. Der PJler aber spritzt das Medikament in ein laufendes intravenöses Infusionssystem. Der Säugling erleidet einen anaphylaktischen Schock und stirbt. Ereignet hat sich der Vorfall im Sommer 2011 in einem Lehrkrankenhaus der Universität Münster in Bielefeld.

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Wer glaubt, für Studierende könne ein solcher Fehler keinerlei Konsequenzen haben, weil sie ja nicht approbiert, sondern noch in der Ausbildung sind, der irrt sich. Im Oktober 2012 verurteilt das Amtsgericht Bielefeld den Studenten wegen fahrlässiger Tötung. Aus Sicht der Richter hätte der Tod des Kindes vermieden werden können, wenn der Student sorgfältig gearbeitet hätte. Er hätte sich vergewissern müssen, welches Medikament in der Spritze war. Zudem habe er nicht den Auftrag gehabt, dem Kind die Spritze zu geben. Mit einer Geldstrafe von 1 800 Euro fällt das Urteil zwar milde aus. Aber der Student ist vorbestraft. Gegen das Urteil hat er Berufung eingelegt.

Wieso es zu dem fatalen Fehler kam, ist unklar. Offenbar gab es einen Wortwechsel zwischen dem Studenten und der Krankenschwester, die die Spritze ins Zimmer brachte. Der genaue Wortlaut konnte aber vom Gericht nicht geklärt werden. Zum Sachverhalt erklärte eine Gerichtssprecherin: Das Krankenhaus habe in der Verhandlung angegeben, Spritzen zur intravenösen Gabe seien in dem Haus erkennbar, weil sie mit einem Aufkleber versehen seien, der Medikament, Dosierung und Patientendaten ausweise. Auf ihnen stecke außerdem eine Nadel (mit Schutzhülle). Bei der fraglichen Spritze aber fehlte die Beschriftung. Sie war mit einem roten Kombistopper verschlossen.

Ob das ein wirklich schlüssiges System ist, darf man getrost bezweifeln. Und so blieb das Urteil nicht unumstritten. Vertreter der Medizinischen Fakultät in Münster kritisierten die Gerichtsentscheidung. Dekan Prof. Dr. med. Wilhelm Schmitz stellt sich die Frage, ob es für den Studenten wirklich klar erkennbar war, dass das Medikament in der Spritze für die orale Gabe bestimmt war. „Die Richter hätten in Erwägung ziehen müssen, dass auch Organisationsmängel des Krankenhauses vorliegen könnten“, sagt Schmitz. Dafür spreche zumindest, dass das Krankenhaus nach dem Vorfall das Spritzensystem gewechselt habe, damit eine solche Verwechslung nicht mehr vorkommen könne. Für das Berufungsverfahren hofft er auf unabhängige und sachkundige Gutachter.

Schmitz kann sich gut vorstellen, dass der Fall für Verunsicherung bei Kliniken und vor allem bei den Studierenden sorgt. „Das Urteil hat grundsätzliche Bedeutung für alle PJ-Studenten“, erklärt er. Es sei denkbar, dass die PJler vorsichtiger würden. Es müsse aber sichergestellt sein, das die praktische Ausbildung weiter möglich sei. Die Arbeit in den Krankenhäusern werde mit dem Urteil schwieriger. Denn PJler erledigten eine Vielzahl von Routineaufgaben. Insofern hofft Schmitz auf eine baldige Entscheidung im Berufungsverfahren – und auf mehr Klarheit für alle Beteiligten.

Tatsächlich wirft die Verurteilung die Frage auf, welche Tätigkeiten ein Student im praktischen Jahr überhaupt übernehmen darf. „Es gibt keinen festen Katalog“, sagt Claudia Achterfeld, Rechtsanwältin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinrecht der Universität zu Köln. Laut Approbationsordnung (§ 3 Absatz 4) sollen PJler „entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen“. Dabei bedeutet „Aufsicht“ nicht unbedingt, dass der Ausbilder neben dem Studenten zu stehen hat. Er muss sich aber davon überzeugen, dass der Student für die Tätigkeit geeignet ist. Entscheidend sind der Kenntnisstand des PJlers sowie die Schwierigkeit und Gefährlichkeit der Aufgabe. „Es kommt immer auf den Einzelfall an“, betont Achterfeld. Die Fachaufsicht habe letztlich der Chefarzt. Dieser könne aber geeignete Ärzte mit der Ausbildung beauftragen.

Unabhängig von der Tätigkeit des Einzelnen gibt es Organisationspflichten, etwa des Krankenhausträgers und des Chefarztes. Beherrschbare Gefahrenquellen müssen ausgeschaltet werden. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld teilte mit, der konkrete Fall sei auch im Hinblick auf ein Organisationsverschulden geprüft worden. Ein solches habe aber nicht vorgelegen.

Nach dem Urteil muss man jedem PJler raten, nur Aufgaben zu übernehmen, die er wirklich beherrscht. Wenn es Unsicherheiten gibt, sollte man die Anwesenheit eines Arztes einfordern. Wer eine Spritze oder ein anderes Medikament gibt, muss sich vergewissern, was er verabreicht. Grundsätzlich gilt: Es ist besser, einmal zu viel zu fragen, als einmal zu wenig. Dr. med. Birgit Hibbeler

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