ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2013Notfallsanitäter: Handeln, bis der Arzt kommt

POLITIK

Notfallsanitäter: Handeln, bis der Arzt kommt

Dtsch Arztebl 2013; 110(4): A-123 / B-113 / C-113

Gerst, Thomas

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Vom Rettungsassistenten zum Notfallsanitäter: Die Ausbildung soll reformiert werden, um den Anforderungen an einen modernen Rettungsdienst gerecht zu werden.

Nach langem Vorlauf – bereits vor fünf Jahren hatte das Bundesministerium für Gesundheit dazu eine Expertengruppe eingesetzt – soll nun bald der Deutsche Bundestag in zweiter und dritter Lesung über den Gesetzentwurf über den Beruf des Notfallsanitäters beraten. Ende Januar ist dazu noch eine öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages angesetzt. Kernpunkte des Gesetzentwurfs sind nach Angaben des Ministeriums die Verlängerung der Ausbildungsdauer von zwei auf drei Jahre, die Modernisierung des Berufsbilds und die Festlegung von Qualitätsanforderungen an die Schulen und Einrichtungen der praktischen Ausbildung. An der bisherigen Berufsbezeichnung „Rettungsassistent“ habe man nicht festhalten wollen, heißt es in der Begründung zum Gesetzentwurf, da es nicht gelungen sei, diese seit dem Inkrafttreten des Rettungsassistentengesetzes 1989 im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Die neue Ausbildung soll den Notfallsanitäter besser dazu befähigen, den Gesundheitszustand von erkrankten und verletzten Personen zu beurteilen, vor allem eine vitale Bedrohung zu erkennen. Er soll auch über die Notwendigkeit eines Notarzteinsatzes entscheiden. Bei einer Verschlechterung der Situation, wenn das Leben des Patienten in Gefahr ist oder wesentliche Folgeschäden zu erwarten sind und ein Notarzt nicht rechtzeitig vor Ort sein kann, wird dem Notfallsanitäter nach dem Gesetzentwurf die zeitlich befristete Durchführung „angemessener medizinischer Maßnahmen der Erstversorgung“ zugewiesen. Hierunter fällt insbesondere das Einleiten invasiver Maßnahmen.

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In der Begründung zum Gesetzentwurf ist von der zeitlich befristeten Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten die Rede. Der Bundesrat sah hier bei seiner Befassung mit dem Gesetzentwurf im November 2012 noch Präzisionsbedarf und forderte, eine entsprechende Formulierung in den Gesetzestext aufzunehmen, um Rechtssicherheit herzustellen.

Die Bundes­ärzte­kammer lehnt die Neuregelung ab. Sie sieht hierin eine zu weit gehende und unbestimmte Freigabe für die Durchführung umfassender medizinischer Maßnahmen an allen Patienten in Notfallsituationen, die in keinem Verhältnis zur geplanten Ausbildung stehen.

Thomas Gerst

3 Fragen an . . .

Dr. med. Mathias Wesser, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen, Vorsitzender des Ausschusses Notfall-/Katastrophenmedizin und Sanitätswesen der Bundes­ärzte­kammer

Foto: Landesärztekammer Thüringen
Foto: Landes­ärzte­kammer Thüringen

Was stört Sie an dem Gesetzentwurf über den Beruf des Notfallsanitäters?

Wesser: Die Bundes­ärzte­kammer setzt sich seit langem dafür ein, die Ausbildung der Rettungsassistenten zu verbessern. Dies soll mit dem neuen Gesetz auch umgesetzt werden. Entscheidend ist, wie weit die Kompetenz des neuen Notfallsanitäters gehen soll. Auch bisher gab es schon eine Handlungskompetenz des Rettungsassistenten in der präklinischen Notfallversorgung. Diese wird nun zu weit in den ärztlichen Bereich hineinverschoben. Nach der Begründung zum Gesetzentwurf ist der Notfallsanitäter zur begrenzten Ausübung der Heilkunde befähigt.

Ist das denn nicht im Notfall sinnvoll?

Wesser: Natürlich ist es zu begrüßen, wenn der Notfallsanitäter für den begrenzten Überbrückungszeitraum bis zum Eintreffen des Notarztes eine durch die längere Ausbildungszeit deutlich verbesserte Kompetenz hat. Wenn es aber in dem Gesetzentwurf heißt, „bis zum Eintreffen des Notarztes oder bis zum Beginn einer weiteren ärztlichen Versorgung“, sehen wir die Gefahr, dass ärztliche Tätigkeit substituiert werden soll. Diese Formulierung sollte so nicht stehen bleiben, denn die Indikation zum Notarzteinsatz sollte nicht von dem Notfallsanitäter gestellt werden, sondern in der Leitstelle, so wie es heute gemacht wird. Abzulehnen ist, dass der Notfallsanitäter entscheidet, ob er selbst die Behandlung oder Betreuung des Notfallpatienten bis zur Übergabe an ein Krankenhaus übernimmt. Die Bundes­ärzte­kammer überarbeitet derzeit den Notarztindikationskatalog, anhand dessen in der Leitstelle entschieden werden soll, ob ein Notarzt eingesetzt wird.

Es geht hier also nicht um grundsätzliche Vorbehalte gegen das Vordringen eines weiteren nichtärztlichen Fachberufs?

Wesser: Gegen den Gesetzentwurf sind wir nicht aus Standesdünkel, sondern wir sind davon überzeugt, dass gerade in solchen Notsituationen die umfassende Kenntnis des Arztes erforderlich ist. Ich sehe im Moment auch nicht, dass es irgendwo personelle Engpässe beim notärztlichen Rettungswesen gibt. Es besteht keine Notwendigkeit, aus diesem Grund etwas in Bewegung zu setzen.

Im Unterschied zum Notarztwesen in anderen Ländern sind bei uns manche therapeutischen Verfahren oder auch Diagnosen bereits präklinisch installiert. Die intensivmedizinische Betreuung, das heißt ärztliches Handeln in Form von Diagnostik und Therapie, ist zum Teil bereits vorgelagert.

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