ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2013Kommunikation: Geben und Nehmen

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Kommunikation: Geben und Nehmen

Dtsch Arztebl 2013; 110(4): A-128 / B-118 / C-118

Hussel, Elke

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Als Arztgattin empfange ich regelhaft Mitteilungen über den Praxisalltag meines ganz persönlichen „Halbgottes“ in Weiß. Wir (also ich) sollten mal über Kommunikation nachdenken, bahnt sich die aktuelle Botschaft ihren Weg durch Zähne und frisch zermalmten Rindergulasch. Ich serviere noch etwas Gemüse und signalisiere meine Aufnahmebereitschaft.

Also, neulich auf der Belegarztversammlung, präzisiert mein Gegenüber und blockiert kurzfristig den Redefluss durch eine diametral wandernde Kartoffel, neulich also stellte sich doch dieser frisch niedergelassene Kollege vor. Und weil es nie schadet, auf die Verständigung mit seinen Mitmenschen vorbereitet zu sein, hätte er, mein Mann, die Homepage des Kollegen besucht. Und DIE – Ausrufezeichen! – präsentiere sich nicht nur auf Deutsch und Englisch. Nein, auch kyrillische Zeichen und von rechts einschießende EKG-Wellen (Arabisch?) künden von kommunikativer Kompetenz. Wir (sic!) könnten vielleicht mal über unseren Internetauftritt und sprachbegabtes Personal nachdenken.

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Ich erinnere mich an den forschen Neuzugang der Klinik. Wegen des musikalischen Rahmenprogramms und wohl auch, weil die Küche ihre berühmten Canapés sprechen ließ, hatte ich nämlich auch die Ehre. Das geballte ärztliche Auftreten auf der Versammlung verunsicherte mich ein wenig, und so befragte ich zu Hause mein Lexikon. Kommunikation (communicare = mitteilen) meint die Übertragung von Informationen. Aha. So betrachtet, hatte der Kollege durchaus mitgeteilt. Einbahnstraßenmäßig. Er wäre der und der und wünsche sich von der Klinik zeitnah dies und jenes. Sein irreversibles Sendungsbewusstsein blockierte offensichtlich eintreffende Reize, denn die nonverbale Kommunikation des Publikums, namentlich hydrophisches Hüsteln, und aszendierendes Augenrollen, konnte die Expektoration keinesfalls stoppen.

Mein Verständnis von Kommunikation beinhaltet eher ein Geben und Nehmen. Und als Patient wünschte ich mir eher einen Zuhörer, denn einen Lautsprecher. Oder, um es mit dem Soziologen Niklas Luhmann zu sagen, jede geglückte kommunikative Operation erzeugt eine Anschlusshandlung.

Ich lasse meine Gedanken in die Praxis schweifen. Tür auf. Patient rein. Plumps auf den Untersuchungsstuhl. Rechter Zeigefinger zielt auf rechtes Ohr (oder das daraus hervorquellende Haar?). Der sich öffnende Mund erzeugt ein Geräusch zwischen Abhusten und einer buchstabeneffizienten Ortsangabe: „Doa!“

Der alltagserprobte Arzt hat nun verschiedene Optionen, angemessen zu reagieren. Er könnte mit dem Mikroskop ins Ohr schauen. Eine mögliche Anschlusshandlung wäre ein halbstündiger Monolog zur Hörminderung bei Cerumen obturans. Wahlweise auf Russisch. Oder aber der chronisch unter Zeitnot leidende Mediziner popelt das störende Zeug aus dem Ohr und beglückwünscht den Patienten zu seinem altersentsprechenden Hörvermögen.

Gelungene Kommunikation im Praxisalltag benötigt also nicht immer viele Worte. Finger und Mikroskop genügen. Auch wenn Patienten Englisch oder Arabisch und die Ärzte Russisch oder Tschechisch sprechen. Internationaler geht nicht, denke ich und koche noch schnell einen Espresso.

Doch ich bin ja nur die Gattin, ich sag’ nichts.

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